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Concordia. 683
und hatte ſeine ganze Geiſtesgegenwart vernichtet, ſeinen kalt berechnenden Verſtand lahmgelegt.
Ein Diener trat ein.
„Zwei Herren wünſchen die gnädige Frau Gräfin zu ſprechen; ſie verweigern die Angabe ihrer Namen,“ meldete er.
„Sonderbar! führe ſie in's Empfangszimmer, hier kann ich ſie nicht ſprechen.“
Aber noch ehe der Diener das Zimmer verlaſſen hatte, traten die Angemeldeten ein.
„Verzeihung, gnädige Frau, aber unſere amtliche Stellung macht uns in dieſem Falle eine Verletzung der Etiquette zur unabweisbaren Pflicht,“ nahm der eine der Herren das Wort. „Ich bin der Staatsanwalt, dieſer Herr iſt Aſſeſſor. Wir wünſchen den Herrn Legationsrath Stüber zu ſprechen.“
Mit aufgeriſſenen Augen glotzte der Genannte die Be amten an.
„Ihr kommt, mich zu verhaften,“ ächzte er;„hier bin ich, macht keine Umſtände!“
Sprachlos ſtarrten die beiden Frauen bald die Gerichts⸗ perſonen, bald den Legationsrath an; nur Ernſt blieb ruhig, er hatte längſt vermuthet, daß es ſo kommen würde.
Ohne Umſtände führten die Beamten den Arreſtaten davon, ſich nochmals bei der Gräfin entſchuldigend.
14. Kapitel.
In den ariſtokratiſchen Kreiſen der Reſidenz hatte die Verhaftung des Legationsrathes großes Aufſehen erregt. Er war in den Salons ein gerngeſehener Gaſt geweſen, und ſeine vollendete Kavalier⸗Tournüre, ſein vermeintlicher Reichthum und ſein Titel erſetzten in den Augen der mit einem„von“ vor in Namen ausgeſtatteten Geſellſchaftskreiſe das ihm fehlende 2 belsdip plom. Niemand wollte noch recht an die Schuld des Inhaftirten glauben⸗ die ſogenannten„höheren Kreiſe“ hatten durch die Entlarvung eines der Ihrigen als Verbrecher einen empfindlichen Schlag erlitten.
Der Gräfin Gatterſee wandte ſich die allgemeine Theil⸗ nahme zu; ſie hatte dem Legationsrath gaſtfrei ihr Haus ge⸗ öffnet, ihm Wohlthaten erwieſen und ſchließlich ſogar die Hand zum ehelichen Bunde reichen wollen. Zum Danke für das Alles hatte ſie Stüber ſchmachvoll hintergangen. Die Gräfin ſelbſt ertrug dieſe ſchmerzliche Täuſchung mit Reſignation, die be⸗ abſichtigte Verbindung war von vornherein als Verſtandesſache von ihr aufgefaßt worden, eine tiefere Neigung hatte ſie nie empfunden, und ſie dankte Gott, daß der Zuſammenbruch des künſtlichen Lügenbaues ihres Verlobten jetzt und nicht erſt ſpäter erfolgte, nachdem ſie engere Bande mit ihm verknüpft haben würden.
Die Unterſuchung hatte die gravirendſten Momente zu Tage gefördert, ſo daß der Staatsanwalt die Anklage auf Falſchmünzerei und Anſtiftung zum Menſchenraub gegen Stüber, den Stößer und deſſen Frau erhob. Ueber die Vergangenheit des Legationsrathes hatte trotz aller Bemühungen nichts in Erfahrung gebracht werden können, der Angeklagte ſelbſt ver⸗ weigerte hartnäckig jeden Aufſchluß, und ſo mußte man ſich mit dem Beweismaterial begnügen, das auf die in Frage ſtehenden Verbrecher Bezug hatte.
Der Saal, in dem die Hauptverhandlung gegen die An⸗ geklagten ſtattfinden ſollte, war von Zuhörern dicht gefüllt, und
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unter dieſen waren die vornehmen Kreiſe der Geſellſchaft ſehr zahlreich vertreten. Die Grüfin, ihr Sohn und Suſanne wohnten der Sitzung als Zeugen bei, und dies verlieh der Verhandlung in der ariſtokratiſchen Welt erhöhtes Intereſſe. Man war auf pikante Enthüllungen gefaßt, und dieſe haben für die höheren, der Abwechſelung bedürftigen Klaſſen weit mehr Reiz, als für die bürgerlichen Kreiſe.
Der Präſident hatte die Sitzung eröffnet, die Anklage war verleſen worden und die Berhandlung begann. Da meldete ein Diener dem Vorſitzenden, daß eine Frau als Zeugin ver⸗
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nommen zu werden wünſche. Der Beamte befahl, ſie vor⸗ zuführen.
Es war eine Frau in den beſten Jahren, die den Ver⸗ handlungsſaal betrat. Ihre Haltung war kräftig, ihre Kleidung einfach, aber ſauber.
„Die tolle Guſte!“ raunte Suſanne im Ueberraſchung der Gräfin zu.
Sie war es in der That, aber welche Veränderung war mit der Frau vorgegangen! Nichts von jener gebückten, demüthigen Haltung, die ſie ſonſt zur Schau trug, war zu bemerken; das alternde Ausſehen war verſchwunden, das un⸗ ordentlich um den Kopf hängende, anſcheinend grauſchimmernde Haar lag in glatten, braunen Scheiteln auf dem Haupte und ſtatt der armſeligen und verwaſchenen Kleidung trug ſie ein anſtän diges bürgerliches Gewand von ſolidem Stoff. Es mußte in der That eine ganz beſondere Verſtellungskunſt dazu gehört haben, um ſich zu dem zu machen, was ihr in der ganzen Gegend ihres Heimatsdorfes den Spottnamen„tolle Guſte“ zugezogen hatte.
Starr und gläſern waren die Augen des auf der Anklage⸗ bank ſitzenden Stüber auf die Erſcheinung gerichtet, als ſie auf Veranlaſſung des Präſidenten begann:
„Vor etwa zwanzig Jahren trat ich bei einer adeligen Herrſchaft als Kammermädchen in Dienſt. Mein Herr war hoher Beamter und wurde bald nach meinem Antritt als Ge⸗ ſandter nach Paris verſetzt. Ich folgte der Familie dahin und lernte den Kammerdiener des Geſandten kennen, der ſich der beſonderen Gunſt ſeines Herrn erfreute, weil er ein gewandter Menſch war, der ſich im Verkehr mit der feinen Welt, die in unſerem Hauſe ein⸗ und ausging, Taktgefühl und feine Manieren angewöhnt hatte. Thomas, ſo hieß der Kammerdiener, bewarb ſich um meine Gunſt; ich ſchenkte ihm Vertrauen, und mit Genehmigung der Herrſchaft heirateten wir uns, behielten aber unſere Stellungen im Hauſe bei.
Tone höchſter
„Anfangs ging Alles gut, wir befanden uns wohl, und die Güte unſerer Herrſchaft wandte uns Manches zu, was unſerem kleinen Haushalt Behaglichkeit verlieh. Aber ſchon nach einem halben Jahre bemerkte ich ein verändertes Benehmen meines Mannes gegen mich, er war kalt, ſtreitſüchtig und unzufrieden, und beklagte ſich oft, daß er gehorchen müſſe, während er doch ebenfalls ein Recht habe, ſo gut wie die reichen und vornehmen Herren, befehlen zu können. Schwere Differenzen folgten, ich mußte der Ableiter aller Verdrießlichkeiten ſein, die in dienenden Stellungen unausbleiblich ſind, und ſchon ſtand ich auf dem Punkte, unſer trauriges eheliches Verhältniß der Herrſchaft zu offenbaren, als Thomas eines Tages unter Mitnahme einer ſehr bedeutenden Geldſumme, der Geſandtſchafts⸗Kaſſe, die dem Staate gehörte, ſpurlos verſchwand, ohne daß alle gerichtlichen Nachforſchungen den geringſten Erfolg gehabt lutt ten.
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