682 Concordia.
2
Der Alte zuckte die Achſeln.
„Das iſt keineswegs unmöglich, und dieſe Eventualität hat ſicher auch den Grafen bewogen, uns dieſe Bedingung zu ſtellen. Offenbar vermuthet er, daß wir bei der Sache be⸗ theiligt ſind, und will uns als ehemalige Freunde ſeines Hauſes nicht kompromittiren. Sind wir fern von hier und unſer Aufenthalt unbekannt, ſo wird man uns nicht weiter behelligen.“
„Dann ſchreibe dem Agenten ſofort, daß wir ſein Gebot annehmen,“ mahnte die Baroneſſe dringend.„Ziehen wir aus unſerer gegenwärtigen Lage noch den möglichſten Vortheil und beſchleunigen wir unſere Abreiſe; der Gedanke, mit dem Kri⸗ minalgericht in Berührung zu kommen, iſt mir unerträglich.“
„Das iſt auch meine Meinung, und je eher wir fort ſind, deſto beſſer für uns. Die Sache kann in zwei Tagen geregelt ſein; der Agent deponirt die erforderliche Summe bei Gericht, den Reſt zahlt er uns baar heraus. Du triffſt inzwiſchen die Anſtalten zur Abreiſe.“
Der Baron verließ das Gemach ſeiner Tochter und begab ſich in ſein eigenes Zimmer, um den Brief für den Agenten zu ſchreiben.“
„Da drinnen geht etwas vor,“ ſagte auf dem Korridor der Diener des Barons zu dem Kammermädchen.„Der Alte hat ſo fürchterlich gequalmt, wie er es nur thut, wenn ihm etwas im Kopfe herumgeht, und das Fräulein hat verweinte Augen.“
„In einigen Wochen müſſen ſie von Haus und Hof, dann wird der Bettelſtolz wohl ein bischen gebeugt werden,“ er⸗ widerte Annette kichernd.
„Gut, daß wir uns vorgeſehen haben und nicht erſt zu warten brauchen, bis man uns fortjagt. Unſeren rückſtändigen Lohn zahlt uns das Gericht aus; der Betrag giebt für die
kleine, von mir gepachtete Gaſtwirthſchaft einen hübſchen Anfang. Wir wollen ſchon vorwärts kommen; was, Annette?“
Ein ſchallender Kuß war die Antwort.
„Karl, Du reiteſt ſofort zur Stadt und beſorgſt dieſen Brief,“ ertönte die Stimme des Barons, der ſeine Zimmer⸗ thür handbreit geöffnet hatte.„Laß Dir ſchriftliche Antwort geben.——
In dem behaglich erwärmten Salon der Gräfin Gatterſee ſaßen die Hausherrin, Graf Ernſt, Suſanne und der Legations⸗ rath beim Nachmittagskaffee, Letzterer und die Gräſin in mit violettem Sammet überzogenen Fauteuils am Kamin, in dem ein luſtiges Feuer brannte, die jungen Leute Hand in Hand leiſe flüſternd am Fenſter. Mit Suſanne's Wiederfinden hatte die Gräfin eine gewiſſe Zurückhaltung gegen den Legationsrath. beobachtet, denn die Wahrnehmungen ihres Sohnes erweckten doch ein gewiſſes, unbeſtimmtes Mißtrauen, wenn ſich daſſelbe bis jetzt auch nur auf bloße Vermuthungen gründete. Der Schein trügt ja oft, und das aufgefundene, mit dem Namen Thomas unterzeichnete Schriftſtück war noch lange kein Beweis für die Schuld Stüber's. Letzterem war das veränderte Be⸗ nehmen der Gräfin nicht entgangen, aber er hatte nicht die geringſte Ahnung, daß man für ihn gravirende Momente ent⸗ deckt hatte. Der Staatsanwalt hatte dem Grafen und Su⸗ ſannen ſtrengſte Geheimhaltung der Vorgänge zur Pflicht gemacht, die Asmuſſen aber war bei der Auffindung der Briefe und Banknoten nicht zugegen geweſen. So ſchrieb der Legationsrath die Verſtimmung ſeiner Braut einer vorübergehenden Laune zu
und bemühte ſich, den Schatten durch doppelte Liebenswürdig⸗ keit zu verſcheuchen.
Die Unterhaltung ſtockte, nur vom Fenſter her drang zuweilen ein leiſes Flüſtern, ein unterdrücktes, fröhliches Lachen.
Draußen vollführten die lautlos herabfallenden Schnee⸗ flocken einen luſtigen Wirbeltanz und legten ſich den auf der Straße Dahineilenden neckend auf Naſe und Wangen. Die Dächer und Mauervorſprünge der Häuſer hatten ſich in ſtrahlendes Weiß gehüllt und die Gärten gewährten mit ihren ſchneeig geränderten Zweigen und Ranken einen reizen⸗ den Anblick. Es war ein Wetter, welches den Werth eines mit allen Annehmlichkeiten ausgeſtatteten, angenehm durch⸗ wärmten Zimmers doppelt ſchätzen lernte.
Auch der Legationsrath ſchien ein molliges Gefühl zu empfinden; behaglich hatte er ſich in die weichen Polſter ge⸗ ſtreckt und ein Zeitungsblatt zur Hand genommen, während die Gräfin mit einer Stickerei beſchäftigt war.
Plötzlich entfiel das Blatt den Händen Stüber's und flatterte zu den Füßen der Gräfin. Entſetzt ſprang dieſe auf und rief:
„Um Gottes willen, was iſt Ihnen, Legationsrath— ſind Sie krank?“
Der Angeredete vermochte nicht zu antworten; mit erd⸗ fahlem Antlitz lehnte er in ſeinem Seſſel, ſeine Arme hingen ſchlaff herab und die Hände zuckten in krampfhaften Beweg⸗ ungen, als wollten ſie irgend etwas erfaſſen und feſthalten. Auch die jungen Leute waren herbeigeeilt und Suſanne ergriff ein Fläſchchen mit Odeur, die Stirn des halb Bewußtloſen beſpritzend.
Der Graf hatte das Zeitungsblatt erfaßt und forſchte nach der Urſache dieſer ſchrecklichen Veränderung. Neben Notizen gleichgiltigen Inhaltes fand er folgende Mittheilung unter der Rubrik„Lokales“:
„Nachdem man ſeit längerer Zeit Kenntniß davon hatte, daß höchſt wahrſcheinlich in unſerer Stadt falſche Banknoten fabrizirt würden, es aber trotz allen umſichtigen Bemühungen unſerer Polzei nicht gelingen wollte, die Verbrecher ausfindig zu machen, hat man geſtern dieſelben in flagranti ertappt. In den Kellerräumen des hieſigen Gaſthofes zum Eichhorn fand ſich die wohleingerichtete Werkſtätte der Falſchmünzer vor, die man mit Hilfe des Wirthes Trautmann trotz der von den Verbrechern getroffenen ſcharfſinnigen Vorſichtsmaßregeln auf⸗ fand. Der Wirth und zwei dieſer Falſchmünzer ſind verhaftet; man vermuthet, daß zur Verausgabung der Falſificate noch verſchiedene Perſönlichkeiten thätig geweſen ſind, und hofft, auch dieſe zu erlangen.“
„Man hat eine Falſchmünzerbande erwiſcht,“ ſagte der Graf mit einem Seitenblick auf Stüber. Und er las die Zeitungsnotiz den beiden Damen vor.
„Der Igel und der rothe Barthel!“ ſtöhnte der Legations⸗ rath tonlos;„der Stößer iſt entkommen.“
Er wußte offenbar nicht, was er ſprach, ſtier und geiſtes⸗ abweſend war der Ausdruck ſeines Auges.
„Wenn Sie den Waldmärter meinen,“ ſagte der Graf kalt, „ſo kann ich Ihnen deſſen Schickſal mittheilen; der ſitzt nebſt ſeiner ſauberen Frau Gemahlin längſt in ſicherem Gewahrſam.“
Der Bruſt Stüber's entrangen ſich unartikulirte Laute. Zu plötzlich und unerwartet war die Kataſtrophe hereingebrochen
——
——
——


