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Der junge Mann hatte ſeine Brieftaſche hervorgezogen und blätterte darin. Plötzlich entfaltete er ein zierliches, goldgerändertes Billet, welches die Worte enthielt:
„Verehrter Freund! Bitte, ſenden Sie mir doch durch meinen Diener die in Ihrem Beſitze befindliche Chronik von
Gatterſee auf einige Stunden. Wie Sie wiſſen, intereſſire
ich mich für Geſchichte, möchte Sie aber nicht ſo früh per⸗
ſönlich ſtören. Heute Abend ſehe ich Sie. Ganz der Ihrige. Stüber.“
„SDieſe Zeilen erhielt ich vor einigen Tagen vom Legations⸗ rath, der ſeine Wohnung in der Stadt in derſelben Straße aufgeſchlagen hat, in welcher ſich unſer Winterquartier befindet. Vergleichen Sie, Herr Staatsanwalt.“
Der Graf reichte mit dieſen Worten dem Beamten das Billet.
„In der That, das iſt frappant!“ rief dieſer.„Das iſt nicht mehr Aehnlichkeit,— das iſt völlige Uebereinſtimmung!“
Die übrigen Beamten traten in die Stube; ſie hatten ihre Hausſuchung beendet und legten als Reſultat derſelben ein Packet auf den Tiſch, das ſie zwiſchen zwei Balken des Dach⸗ ſtuhles hervorgezogen hatten. Es enthielt eine große Anzahl Banknoten.
„Dieſer anſcheinend ſo arme Waldwärter iſt ja ein reicher Mann, vorausgeſetzt, daß das Geld ihm gehört und recht⸗ mäßig erworben iſt,“ ſagte der Staatsanwalt.„Wer hätte in dieſer erbärmlichen Hütte ſolche Reichthümer vermuthet!“
„Die Papiere ſind gefälſcht,“ erklärte der Graf nach kurzer Prüfung,„ſehen Sie, hier—“ er deutete auf einige kaum bemerkbare Unregelmäßigkeiten in der Schrift,„derartiger Fehler finden ſich auf den echten Scheinen nicht vor.“
„Hier öffnet ſich ja die Ausſicht auf eine ganze Reihe von Verbrechen!“ rief der Beamte, indem er ſeine Untergebenen anwies, das Gefundene ſorgfältig zuſammen zu packen, und ſich zum Aufbruch rüſtete. Seine Miſſion war hier vorläuſig zu Ende, und er hatte alle Urſache, mit dem Erfolge zufrieden zu ſein..
Wenige Stunden ſpäter ſaßen der Stößer und ſeine Gattin, Jedes für ſich, wohlverwahrt hinter Schloß und Riegel.
13. Kapitel.
In ihrem Zimmer ſaß Baroneſſe Eliſe, das von Thränen überſtrömte Geſicht von Zeit zu Zeit mit einem feinen Batiſt⸗ tuche trocknend. Aber es waren nicht jene edlen Perlen der Trauer und des Schmerzes, die dem zagenden Herzen Be⸗ ruhigung bringen,— es waren Thränen der Wuth, Thränen getäuſchter Hoffnung, die unaufhaltſam ihre bittere Fluth über das ſtolze Antlitz des Mädchens ergoſſen.
Mit großen Schritten ging der Baron im Zimmer auf und ab, und die dicken Rauchwolken, die er ſeiner langen Pfeife entzog, folgten ſeiner Geſtalt wie dichte, neblige Schleier. Eine lebhafte Erregtheit ſprach ſich in den Zügen von Vater und Tochter aus; es ſchienen unerquickliche Erörterungen ſtatt⸗ gefunden zu haben.
„Es iſt mir noch immer unerklärlich, wie Du, die Du doch ſonſt ſo klug und berechnend biſt, Dich zu dieſer Unvor⸗ ſichtigkeit dem Grafen gegenüber konnteſt hinreißen laſſen,“ nahm der Baron das Wort.„Jetzt iſt Alles verloren, und Du magſt nun zuſehen, wie Du Deine Zukunft ſicherſt.“
„Ich habe Dir ſchon geſagt, Vater, daß ich es nicht an⸗
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zuhören vermochte, wie der Graf dieſe armſelige Bahnwärters⸗ tochter in Schutz nahm, daß ſich mein Stolz, dieſer Dirne weichen zu müſſen, empor äumte und ich endlich nicht mehr Herrin meiner ſelbſt war. Iſt es nicht empörend, wenn eine Waltersdorf ſich verſchmäht ſehen muß um eines Geſchöpfes willen, das weder Namen, noch Stand, noch Vermögen auf⸗ zuweiſen hat,— das gerade gut genug geweſen wäre, meine Dienſtmagd zu werden!“
„Nun, was das Vermögen betrifft,“ wandte der Alte ſarkaſtiſch ein,„ſo ſteht Ihr auf gleicher Stufe.“
„Einerlei, Vater. Ich bin Baroneſſe Waltersdorf und jene Perſon iſt ein Proletarierkind, eine Bettlerin, die ich wie einen räudigen Hund mit der Geitgerte davonjagen würde, wenn ſie ſich jemals hier blicken ließe.“
„In dieſe Lage wirſt Du wohl nicht kommen. Die ſtolzen Träume von der Herrſchaft Gatterſee ſind vorüber, alle unſere Hoffnungen auf ein angenehmes, ſorgenfreies Leben, das uns in ſicherer Ausſicht ſtand, wenn unſere Pläne gelangen, für immer dahin, und es bleibt uns jetzt nichts Anderes übrig, als das Anerbieten des Agenten anzunehmen, obgleich es einem Almoſen des Grafen ſo ähnlich ſieht, wie ein Ei dem anderen.“
„Du glaubſt wirklich, das der Graf hinter der Sache ſteckt?“
„Das iſt zweifellos. Der Agent bietet für unſere Be⸗ ſitzung eine ſofort baar auszuzahlende Summe, die den gericht⸗ lichen Tarwerth um das Doppelte überſteigt. Damit laſſen ſich nicht blos ſämmtliche Gläubiger befriedigen, ſondern es bleibt auch noch ein anſehnlicher Betrag übrig, der uns eine beſcheidene, aber ausreichende Rente gewährt. Der Graf iſt edelmüthig genug, uns vor Mangel zu ſchützen; aber die daran geknüpfte unerläßliche Bedingung, daß wir dieſe Gegend für immer verlaſſen ſollen, iſt demüthigend. In wenig Wochen ſoll die gerichtliche Verſteigerung ſtattfinden; lehnen wir die Offerte des Agenten ab, ſo ſind wir Bettler. Der Graf wird das Gut Birkenthal doch erſtehen, weil es die Herrſchaft
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Gatterſee arrondirt; wir können alſo nichts Beſſeres thun, als das Anerbieten zu acceptiren. Noch heute werde ich dies dem Agenten ſchreiben.“
Die Baroneſſe ſeufzte:„So iſt alſo keine Hoffnung mehr?“
„Gräfin Gatterſee zu werden, meinſt Du? Das ſchlage Dir aus dem Sinn. Die Bahnvärterstochter hat bei der Gräfin Aufnahme gefunden, die ausgeſtandenen Leiden haben ihr die Sympathien zugewendet, und Graf Ernſt iſt unabhängig genug, ſich über Standesvorurtheile hinwegzuſetzen. Auch ſeine Mutter wird endlich den Wünſchen des einzigen Sohnes nachgeben; die Familie Gatterſee iſt ſo günſtig ſituirt, daß ſie ſich um das Urtheil der Welt nicht im Geringſten zu kümmern braucht.“
„Und der Legationsrath?“ fragte Eliſe.
„Der hat auf die Entſchließungen des Grafen nicht den geringſten Einfluß; ich glaube ſogar, daß dieſer ihm keineswegs wohl will. Uebrigens iſt die Unterſuchung wegen des Mädchens im Gange, und Stüber kann froh ſein, wenn er mit einem blauen Auge davonkommt. Der Stößer wird zwar wohl kaum us der Schule ſchwatzen, da es ihm keinen Vortheil bringt,
fraglich aber iſt es, wie deſſen Frau ſich benehmen wird.“
Wird.
„Dann könnten ja ſchließlich auch uns Unannehmlichkeiten
erwachſen,“ warf die Baroneſſe zagend ein. 86
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