Jahrgang 
2 (1879)
Seite
680
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Concordia.

Waldwärterhütte auf dem Territorium des Nachbarſtaates ſtand, von der zuſtändigen Behörde dieſes Landes auf dies⸗ fallſige Requiſition der Expedition beigegeben worden.

Nach einem beſchwerlichen, anſtrengenden Marſche begann ſich endlich der Wald zu lichten, und das Haus des Stößers wurde zwiſchen den Bäumen ſichtbar. Eine kurze Beſprechung, wie ſich dem Hauſe am ſchnellſten und unbemerkbarſten zu nähern ſei, fand ſtatt, dann traten ſie mit raſchen Schritten hinaus auf die Wieſe.

Das Gebäude ſtand von allen Seiten frei; es war alſo unmöglich, unbemerkt zu ihm zu gelangen.

Zwei der Gensd'armen eilten voran, nachdem ſie noch im Walde ihre Gewehre unterſucht hatten; man war auf Wider⸗ ſtand gefaßt. Sie hatten ſich etwa bis auf zwanzig Schritt dem Hauſe genähert, als der Hund anſchlug und ſich ihnen zähnefletſchend in den Weg ſtellte. Ein Fußtritt warf ihn zur Seite, aber im nächſten Augenblicke hatte er den Gens⸗ darm am Halſe gepackt und riß ihn nieder. Ohne Beſinnen zog ſein Gefährte das Seitengewehr und verſetzte dem Thiere einen ſo furchtbaren Hieb in den Nacken, daß es ſich heulend überſchlug und blutend am Boden wälzte. Der dicke Mantel⸗ kragen rettete den Gensd'arm vor dem ſchrecklichen Gebiß des wüthenden Thieres, das ihn ohne dieſes Schutzmittel unfehl⸗ bar zerfleiſcht haben würde. Einen Moment ſpäter ſtanden ſie an der Thüre des Häuschens, in höchſter Aufregung war der Graf ſo ſchnell als möglich gefolgt.

Bleich und ſichtlich befangen trat ihnen die Frau des Stößers entgegen; offenbar war ſie überraſcht worden, ehe ſie Zeit gefunden hatte, ihre Ruhe wieder zu erlangen.

Sind Sie die Frau des Waldwärters? fragte der Beamte.

Die bin ich.

Wo iſt Ihr Mann?

Ich weiß es nicht; vermuthlich begeht er ſein Revier, deſſen Schutz ihm anvertraut iſt.

In dieſem Augenblicke faßte die tolle Guſte den Staats⸗ anwalt am Arm, und mit der Hand auf einen davoneilenden Mann zeigend, rief ſie:

Dort dort, das iſt der Stößer!

Sofort zwei Mann nach! befahl der Staatsanwalt. Ihr bringt ihn unter allen Umſtänden, nöthigenfalls macht von den Waffen Gebrauch; aber ſchont ſein Leben!

Eine tolle Jagd begann, es galt, den Flüchtigen zu er⸗ wiſchen, bevor er den Wald erreichte; hatte er erſt dieſen ge⸗ wonnen, war ſeine Verfolgung bedeutend ſchwieriger, wenn nicht ganz reſultatlos. Aber die rüſtigen Männer beflügelten ihre Schritte, und die Entfernung zwiſchen ihnen und dem Flüchtling wurde immer kürzer. Sie mußten ihn faſſen, noch bevor ihn der ſchützende Wald aufnahm.

Plötzlich blieb der Stößer ſtehen, riß einen Revolver aus der Taſche und feuerte raſch hintereinander mehrere Schüſſe auf die Gensd'armen ab, die einen Augenblick ſtutzten, dann aber wüthend auf den Waldwärter eindrangen. Einer der Schüſſe durchbohrte die Kopfbedeckung des einen Beamten, die übrigen gingen daneben, da der Angreifer in der Haſt und Aufregung nicht zu zielen vermochte. Mit blankem Seiten⸗ gewehre ſtürzten die Gensd'armen auf den Stößer zu, der bemüht war, in aller Eile den Revolver noch einmal zu laden, durch einen kräftigen Schlag mit dem Säbelgriffe aber ge⸗

wungen ward, die Waffe fallen zu laſſen.

Wie ein verwundeter Eber wehrte ſich der Verfolgte, und ein Kampf auf Leben und Tod begann. Ein dichter Knäuel wälzte ſich am Boden und Jeder fühlte, daß der Sieger keine Schonung kennen würde. Der Stößer hatte keine andere Waffe, als ſeine Zähne, und er machte wüthen⸗ den Gebrauch davon. Wie er keuchend und ſtöhnend um ſich biß, glich er weit mehr einem wilden Thiere, als einem Menſchen.

Endlich aber mußte er der Uebermacht weichen, ſeine Kräfte ſchwanden, und ermattet gab er den Kampf auf. Willig ließ er ſich feſſeln und zum Hauſe zurückführen.

Während der Staatsanwalt die Frau des Waldwärters inquirirte, war der Graf in's Haus geeilt, um Suſanne zu ſuchen. Die wenigen Räume des Gebäudes zeigten keine Spur der Vermißten; in fieberhafter Angſt eilte der junge Mann die Treppe hinauf, aber auch hier vermochte er nichts zu entdecken, was auf die Anweſenheit Suſanne's hingedeutet hätte. Endlich, in höchſter Verzweiflung, rief er ihren Namen, da, ja, das war keine Täuſchung öffnete ſich die Thür einer kleinen Dachkammer und mit einem Freuden⸗ ſchrei ſtürzte die Vermißte in ſeine Arme. Keine Worte wurden gewechſelt, ſtumm, Mund an Mund feierten ſie das Wiederſehen, aber in den feucht glänzenden Augen lag das gegenſeitige Gelöbniß:Dein auf ewig!

Eine genaue Hausſuchung folgte. Kein Winkel des kleinen Hauſes blieb unbeachtet, vom Keller bis zum oberſten Dach⸗ parren wurde daſſelbe der aufmerkſamſten Prüfung unter⸗ zogen. In einer alten Kommode fanden ſich eine Anzahl Schriftſtücke, die der Staatsanwalt durchſah, während die übrigen Beamten die ſonſtigen Räume des Hauſes durch⸗ forſchten. Ernſt und Suſanne waren dem Staatsanwall behilflich, die Briefe und Schriften zu ordnen.

Plötzlich reichte der Beamte dem Grafen ein beſchriebenes Blatt Papier und Letzterer las:

Lieber Freund! unſeres Vorhabens bin ich einverſtanden, die Maske als Hauſirer iſt ſo unverfänglich wie möglich. Vermeide im Gaſthofe zu Birkenthal alle unnöthigen Ausgaben, damit man nicht aufmerkſam wird. Die kleine Walddroſſel ver⸗ wahre in ſicherem Käfig und ſorge dafür, daß ſie mit Nie⸗ mandem, hörſt Du, mit keinem Menſchen in Berührung kommt. Nächſtens ſehe ich Dich im Atelier. Vorſicht und guten Erfolg! Thomas.

Das betrifft unſeren Fall! ſagte der Graf überraſcht.

Ohne allen Zweifel! beſtärigte Suſanne,Alles ſtimmt überein mit dem, was ich erlebt und erfahren habe. Der Waldwärter, und noch mehr deſſen Frau, haben ihre Schul⸗ digkeit im vollſten Maße gethan.

Geſtatten Sie mir! ſagte der Staatsanwalt, indem er den Brief an ſich nahm,auf der Rückſeite befindet ſich die Adreſſe mit dem Vermerke: Abzugeben im Gaſthof zum Eich⸗ horn. Das könnte auf Ermittelung der Anſtifter und Mit⸗ wiſſer führen.

Der Graf betrachtete wiederholt aufmerkſam die Schrift⸗ züge des Papiers.Dieſe Hand muß ich kennen, und doch kann ich mich momentan nicht erinnern, wo ich ſie geſehen

habe. Auch der Name Thomas iſt mir völlig fremd.

Du wirſt Dich irren, Ernſt! ſagte Suſanne.Es giebt Handſchriften, die ſich auffallend ähneln.

Mit Deinem Plan zur Ausführung