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Concordia.
Geheimnißvolle Pfade.
Erzählung von Otto Eberſtein. (Fortſetzung und Schluß.)
12. Kapitel.
Vereinſamt ſtand Schloß und Park Gatterſee, die bis⸗ herigen Bewohner hatten die Winterquartiere in der Reſidenz bezogen und auf der Beſitzung nur den Schloßinſpektor und das erforderliche Wächterperſonal zurückgelaſſen. Der November⸗ ſturm fegte mit eiſigem Hauche aus Nordoſt über die öde Flur und entriß den Bäumen ihren letzten vergilbten, von der Herr⸗ lichkeit des Sommers noch übriggebliebenen Blätterſchmuck. In kurzen Zwiſchenpauſen ſtürzten Schnee⸗ und Hagelſchauer aus dem grauen Gewölk hernieder und machten den Aufenthalt im Freien ſo unangenehm wie möglich; wer nicht hinaus mußte, blieb daheim im warmen Zimmer, das beim Anblicke des draußen tobenden Wetters an Behaglichkeit nur noch gewann.
Auf der Landſtraße, welche den Verkehr zwiſchen den beiden benachbarten Staaten vermittelte, fuhren in raſchem Tempo zwei Wagen dahin. Die Verdecke waren geſchloſſen, die Kutſcher ſuchten ſich ſo gut als möglich gegen den peitſchen⸗ den Sturm und Hagel zu ſchützen, und ſelbſt die Pferde ſchienen durch ihre raſche Gangart beweiſen zu wollen, daß ſie
ſich möglichſt bald unter Dach und Fach ſehnten.
In dem erſten der beiden Wagen ſaß Graf Ernſt mit einigen Gerichtsperſonen; im zweiten hatten bewaffnete Polizei⸗ diener und die tolle Guſte Platz genommen. Es galt eine Expedition nach der Wohnung des Stößers zur Befreiung Suſannens und Verhaftung des Chepaares wegen widerrecht⸗ licher Entziehung der Freiheit, beziehentlich Menſchenraubes.
„Es bleibt eigenthümlich,“ nahm einer der Herren im erſten
Wagen das Wort,„daß ſich keinerlei Motive für das an
Fräulein Gerhard begangene Verbrechen auffinden laſſen. Iſt Ihnen, Herr Graf, noch nichts aufgefallen, was als Beweggrund zu dieſer That angeſehen werden könnte?“
„Nicht das Mindeſte, Herr Staatsanwalt,“ erwiderte der Angeredete,„mir iſt die Sache noch eben ſo unerklärlich wie zu Anfang.“
„Sollte nicht eine eigennützige oder gewinnſüchtige Abſicht damit verbunden ſein?“
„Wohl möglich, obgleich in dieſem Falle doch wahrſcheinlich Forderungen an mich oder die nächſten Angehörigen der jungen Dame geſtellt worden wären.“
„Sonderbar!“ ſagte ſinnend der Staatsanwalt. Dennoch
„8 ſcheinen die Leute, wo das Mädchen ſich nach Angabe der Frau Asmuſſen aufhält, keineswegs blos einen Racheakt haben ausführen wollen, da ſie ſowohl Ihnen, als auch den Eltern der Geraubten vollſtändig unbekannt ſind.“
„Der alte, brave Bahnwärter hat ſchwerlich irgend Jemandem Veranlaſſung gegeben, ſich an ihm zu rächen, eben ſo wenig bin ich mir bewußt, mir durch eine unbedachte Handlung Feinde zugezogen zu haben,“ antwortete der Graf.
„Die beſte Auskunft würden freilich der Waldwärter und
ſeine Frau ſelbſt geben können, wenn ſie ſich überhaupt zu
einem Geſtändniß herbeilaſſen. Es gewinnt immer mehr den Anſchein, als ſeien ſie blos das Werkzeug anderer bei der Sache intereſſirter Perſonen, die nach einem beſtimmten,
woohldurchdachten Plane handeln.“
B
„Bei Gott, Herr Staatsanwalt! ich glaube, Sie haben recht!“ rief Ernſt, indem er ſich mit der Hand über die Stirn
fuhr,„die Baroneſſe von Waltersdorf— aber, nein, es iſt
unmöglich—
„Theilen Sie mir jede, auch die anſcheinend geringfügigſte Wahrnehmung mit, Herr Graf!“ ſagte der Beamte,„oft führt ein ganz unbedeutendes Moment auf die richtige Fährte.“
Der junge Mann ſchien die Worte überhört zu haben. Wie im Selbſtgeſpräche fuhr er fort:
„Und doch, wenn ich mich jenes Abends im Parke er⸗ innere, als die Baroneſſe das Geſpräch ſcheinbar ſo abſichtslos auf Suſanne brachte, kann ich mich des Gedankens nicht er⸗ wehren, daß ſie damals einen beſtimmten Zweck verfolgte. Vielleicht ſollten die ſchweren Verleumdungen Mißtrauen er⸗ wecken und einen Bruch zwiſchen mir und Suſannen herbei⸗ führen.“
„Können Sie Gründe für dieſe Annahme auffinden, Herr Graf?“
„Ich glaube, ja! Fräulein von Waltersdorf hat in der letzten Zeit nicht nur unſer Haus ſehr häufig aufgeſucht, ſondern ſich auch mir in auffallender Weiſe genähert, mich zu intereſſiren geſucht. Auch das Zuſammentreffen im Park war, wie es mir jetzt klar wird, wohl kaum ein zufälliges, ſo meiſterhaft ſie es auch als ſolches hinzuſtellen wußte.“
„Die Vermögensverhältniſſe des Barons ſind, wie ich aus meiner amtlichen Thätigkeit weiß, keineswegs günſtig, die Exekution iſt wiederholt gegen ihn vollſtreckt worden, und die gerichtliche Subhaſtation ſeines Grundſtückes ſteht bevor. Möglich, daß eine Heirat mit Ihnen, Herr Graf, projektirt worden iſt, um die Kataſtrophe abzuwenden—“
„Und dieſer Verbindung ſtand Suſanne, deren Verhältniß zu mir ihnen bekannt geworden war, im Wege,“ vollendete Ernſt im Tone innerſter Ueberzeugung.
„Das iſt ein wichtiger Anhalt,“ ſagte der Staatsanwalt ſinnend;„freilich werde ich der Baroneſſe die Unannehmlich⸗ keiten eines gerichtlichen Verhöres, vielleicht auch ihre In⸗ haftirung nicht erſparen können.“
„Welche Strafe ſteht auf das vorliegende Verbrechen?“ fragte Ernſt.
„Wenn der Thatbeſtand des Menſchenraubes feſtgeſtellt werden kann, iſt Zuchthausſtrafe bis zu zehn Jahren zuläſſig,“ erwiderte der Beamte.
Die Wagen hielten plötzlich auf der Landſtraße ſtill; ſie waren an dem Punkte angelangt, wo ſich links der ſchmale Pfad durch den Wald abzweigte. Dieſer Weg war nur zu Fuße paſſirbar.
Das Wetter hatte inzwiſchen etwas nachgelaſſen, nur der Sturm heulte noch in unverminderter Stärke. Die Männer hüllten ſich dichter in ihre Mäntel und betraten den unebenen, von der Näſſe ſchlüpfrig gewordenen Pfad.
Voran ſchritt die tolle Guſte, die als Führer diente, ihr zur Seite ein Gensd'arm, dann kam der Graf und die Ge⸗ richtsperſonen, und den Schluß des kleinen Zuges bildeten abermals zwei Gensd'armen. Letztere Beiden waren, da die
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