Jahrgang 
2 (1879)
Seite
676
Einzelbild herunterladen

676 Concordia.

William Stoone's, bei Tiſche zu bedienen, auferlegt worden, ſo fiel ſchließlich ſein ganzer Zorn auf dieſen.

Indeſſen nahmen die Ereigniſſe ihren Fortgang; die Vor⸗ bereitungen zum Mahle wurden beendet und der Verlobungsakt fand ſtatt, ehe man zu Tiſche ging. Lady Anna figurirte bei dem letzteren lediglich als Marionette, und als die Cere⸗ monie beendet, führte Sir Burton die durchaus ſtumme Verlobte zur Tafel.

Lady Anna war nur die einzige Dame an derſelben; ſie verließ die Geſellſchaft daher ſchon, nachdem die unvermeid⸗ lichen Toaſte ausgebracht worden, was den Mitgliedern der Tafelrunde auch lieb zu ſein ſchien. Genoſſen hatte ſie über⸗ dies nichts bei Tiſche.

Die zornige Aufregung, in welcher ſich Lord Travells ſchon ſeit einigen Stunden befand, hatte ihm bereits die Hälfte ſeiner Ueberlegung geraubt; der Wein, von dem er un⸗ vorſichtigerweiſe mehr trank, als er ſonſt zu ſich zu nehmen gewöhnt war, nahm ihm ſehr bald auch noch den letzten Reſt derſelben. Dieſen Zeitpunkt hatte Sir Burton wahrſcheinlich auserſehen, einen nichtswürdigen Streich gegen William Stoone auf eine oder die andere Weiſe in Szene zu ſetzen.

Der ruchloſe Squire machte der ſchon ſtark animirten Geſellſchaft Mittheilung darüber, in welche Verlegenheit der Gärtner den Lord durch ſeine Weigerung, bei Tiſche zu be⸗ dienen, gebracht habe, und ſchilderte ſodann in ſeiner Weiſe das Benehmen des Mannes gegen ihn ſelbſt.

Die Geſellſchaft war empört über die Frechheit des Menſchen, und alle Glieder derſelben beſtürmten Lord Dravells, den widerſpenſtigen Burſchen exemplariſch züchtigen und ſofort aus dem Hauſe jagen zu laſſen. Sie boten dabei zuvorkommend ihre Unterſtützung an, meil die, zwei ſo hochſtehenden Edel⸗ leuten von einem niederen Dienſtmanne zugefügten Kränk⸗ ungen nicht ungeſtraft bleiben dürften.

Wie ſchon bemerkt, war es im Oberſtübchen des Lords augenblicklich nicht ſo beſchaffen, daß er richtig zu erwägen vermochte. Er hörte mit Vergnügen die ihm von den auf⸗ geregten Herren ſo lebhaft dargebrachte Theilnahme, billigte die Vorſchläge derſelben und ertheilte ihnen die Vollmacht, in ſeinem Namen und Intereſſe nach Belieben zu handeln.

Sofort bewaffnete ſich die rohe Geſellſchaft mit Reitpeitſchen, verließ unter wildem Getöſe den Saal und das Haus, ſtürmte in den Garten und fiel hier über den nichts Böſes ahnenden Gärtner her.

William Stoone ward von der rohen, trunkenen Horde ſo lange gemißhandelt, bis er, ohne Lebenszeichen von ſich zu geben, am Boden lag. Hiernach beging man noch die nieder⸗ trächtige Grauſamkeit, ihn durch die fremden Diener auf die Straße werfen zu laſſen.

Es war eine ſo ſchmachvolle und gemeine That, wie ſie nur jemals Mitglieder einer übermüthigen bevorrechteten Kaſte gegen einen ihnen mißliebigen niederen Mann ausüben konnten.

3 11. Kapitel.

Es ſpricht jedenfalls für die humane, achtungswerthe Ge⸗ ſinnung William Stoone's, daß er ſich der verlaſſenen und vernachläſſigten Tochter Lord Travell's in ſo praktiſcher Weiſe annahm. Doch es verräth wenig Lebensklugheit, daß er den Umgang mit dem Mdchen zu einem intimen oder vertrauten Freundſchaftsverhältniß werden ließ.

ſie nur einen näher kennen gelernt.

Geradezu unklug war es aber von Lord Travells, daß er eine ſolche Intimität unbeachtet entſtehen und ungeſtört fort⸗ beſtehen ließ. Nur die Anwendung ganz beſonderer Vorſichts⸗ maßregeln wäre im Stande geneſen, dieſe Thorheit wieder gut, wenigſtens unſchädlich zu machen.

An die Stelle derſelben traten jetzt jedoch rauhe Strenge, unmotivirte Härte und ein empörender Zwang kein Wun⸗ der alſo, wenn dieſe neue, rückſichtsloſe Unklugheit durchaus das Gegentheil von demjenigen herbeiführte, was ſie eigentlich bezwecken ſollte.

Es darf nicht angenommen werden, daß William Stoone in Bezug auf Anna Travells beſondere Abſichten für die Zu⸗ kunft hegte. Der lange, vertraute Umgang mit derſelben mochte allerdings auch auf ſeine Empfindungen eine gewiſſe Wirkung ausgeübt haben. Doch wie wir ſpäter noch näher erfahren werden, war er zu einſichtsvoll und verſtändig, um ſich Wünſchen und Hoffnungen hinzugeben, welche unter allen Umſtänden für überſpannt gelten durften.

Ganz anders ſtand es in dieſer Beziehung mit Lady Anna. Sie war nicht allein in ſtiller Einſamkeit, ſondern in möglichſt unangenehmer Abgeſchloſſenheit und Vernachläſſigung auf⸗ gewachſen. Sie kannte von der Welt und den Verhältniſſen der Geſellſchaft ſo gut wie gar nichts. Sie wußte ſo wenig eine Stellung in derſelben, wie den Werth des Beſitzes richtig zu würdigen. Sie hatte nur ſehr mangelhafte Begriffe von Standesunterſchieden. Sie kannte nichts von der Aufgabe der Frauen in den bevorzugten Geſellſchaftsklaſſen. Von den wenigen Männern, welche ſie überhaupt bisher geſehen, hatte Dieſer Mann hatte ihr ſeine Theilnahme geſchenkt und ihr Vertrauen gewonnen. Sie hatte ſich an ihn gewöhnt, ihn werthſchätzen und achten ge⸗ lernt. Er war ihr Freund und Bruder, hauptſächlich aber Berather und Lehrer geworden. Als ſolchen verehrte ſie ihn auch noch, ohne es eigentlich zu wiſſen. Ueberhaupt befand ſie ſich in Betreff der Bedeutung oder Natur ihrer Empfind⸗ ungen für dieſen Mann bisher völlig im Unklaren. Und nun ſollte ihr dieſer Vertraute, Freund, Bruder und Lehrer plötzlich entriſſen, ſie ſelbſt aber einem Manne angehören und überliefert werden, den ſie nach Allem, was ihr von ihm zu Ohren gekommen, verachtete und verabſcheute, den ſie fürchtete, ſeit ſie ihn geſehen, und den ſie haßte, ſeit er die Hand nach ihr ausſtreckte.

Der deutlich ausgeprägte Widerwille, welcher ſich gegen dieſen Menſchen in ihrem Innern regte, ließ auch die bisher in ihrem Herzen ſchlummernden Empfindungen für den erſteren Mann zu völliger Klärung kommen und zugleich mächtig auf⸗ lodern ja Anna Travells ward ſich plötzlich bewußt, daß ſie William Stoone mit der ganzen Kraft eines in Ge⸗ fühlsſachen ungeſchulten Naturkindes liebe!

Solche Empfindungen ſind nicht geneigt, ſich unterdrücken⸗ den Beeinfluſſungen von außen her gutwillig zu fügen; ſie lehnen ſich vielmehr gegen dieſelben auf, ohne ſich darum zu kümmern, ob der nachfolgende Kampf ein unſinniger iſt oder nicht.

Lady Anna ließ ſich daher auch nicht durch das Verbot des Vaters abhalten, noch ferner mit William S oone zu⸗ ſammenzutreffen, und da der Lord dieſem nichts derart unter⸗ ſagt hatte, ſo fügte er ſich gern dem Wunſche der jungen Dame, ihre Zuſammkünfte fortan ſeltener ſtattfinden zu laſſen und geheim zu halten.