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362 Concordia.
mir, Sie hiermit ſchriftlich zu bitten, Mary und mir ein freundliches Andenken bewahren zu wollen. Ich bin im Begriff, meine Schweſter nach Cumberland zu begleiten, um ihrer Verlobungsfeier mit Sir Edward Hogſon bei⸗ zuwohnen. Der Ihrige George Peebles.“
Das Blatt entfiel den Händen des Baronets; gebrochen ſank er in einen Seſſel. So plötzlich, ſo gänzlich unerwartet hatte ihn dieſe Nachricht getroffen, daß er den Brief wieder⸗ holt leſen mußte, um ſich zu überzeugen, daß es keine Täuſchung, ſondern ſchreckliche Wirklichkeit ſei. Er verwünſchte ſein Zaudern, das Schuld daran trug, daß ein Anderer ſich um Mary's Hand bewerben konnte, er fluchte den Sardellen, die ihn abgehalten hatten, ſeinen Vorſatz zur Ausführung zu bringen— er hätte in dieſem Augenblicke mit kaltem Blute die ganze Welt in die Luft ſprengen können.
Sir James Turner ſtürzte hinaus in's Freie; ſein Lieb⸗ lingshund, der ſchmeichelnd an ihm emporſprang, erhielt einen Hieb mit der Reitgerte, daß er winſelnd zur Seite kroch, und der freundliche Gruß des Gärtners blieb zum erſten Male unerwidert, ſodaß dieſer kopfſchüttelnd ſeinem Herrn nachſah, der mit großen Schritten davoneilte.
Ganz eigenthümliche Gedanken waren es, die den Kopf des Baronets durchkreuzten, Gedanken an Selbſtmord, furcht⸗ barer Rache an dem glücklichen Nebenbuhler, von weiten Reiſen in ferne, unbekannte Länder und Eintritt in ein Kloſter mit ſtrengſter, entbehrungsreichſter Ordensregel.
Plötzlich blieb der junge Mann ſtehen; eine glückliche Idee ſchien ihm gekommen zu ſein. Haſtig kehrte er nach Hauſe zurück, ſetzte ſich an ſeinen Schreibtiſch und richtete ein Ge⸗ ſuch um Ertheilung der erledigten Wärterſtelle auf dem Wachtſchiffe zu Holyhead an die Admiralität; ſchon nach wenig Tagen hatte er die Freude, die ſchriftliche Beſtätigung für dieſen Poſten in den Händen zu halten. Er haßte die Menſchen mit ihrem Treiben, ſein Glück war unwiederbringlich verloren, das Leben hatte keinen Reiz mehr für ihn; er ſehnte ſich nach Einſamkeit und empfand eine Art innerer Befriedigung, als er das alte Leuchtſchiff betrat, das ihm fortan zur Wohnung dienen ſollte. Die Stille und Ab⸗ geſchiedenheit ſagte ihm zu; er las, trank, rauchte und ſchlief, und befand ſich nie wohler, als wenn die Wogen an die Planken des Fahrzeuges ſchlugen, daß es in allen Fugen krachte und bebte, und der Sturm über das Deck dahinfegte, als wolle er zeigen, daß er hier, auf dem Meere, unbeſtrittener Alleinherrſcher ſei.—
An jenem Sonntage, wo der Baronet mit ſeinen Hunden auf dem ihm anvertrauten Wachtſchiffe einherſchritt, ſchien derſelbe beſonders nachdenklich zu ſein. Sein Mienenſpiel ließ erkennen, daß Erinnerungen verſchiedener Art durch ſeine Seele zogen, denn bald nahmen ſeine Züge einen tiefernſten Ausdruck an, bald heiterten ſie ſich auf, und zuweilen ſchwebte ſogar ein Lächeln auf den feinen Lippen des jungen Mannes. Dann hauchte er leiſe, kaum hörbar den Namen„Mary“ und ſein Geſicht zeigte wieder jenes ſchmerzliche, aber reſignirte Anſehen, das häufig die Folge ſchwerer Entſag⸗ ungen iſt.
Plötzlich ſchlug einer der Hunde an, ſodaß der Wächter V
aufmerkſam wurde. In geringer Entfernung zeigte ſich ein
Boot, das direkt auf das Wachtſchiff zuſteuerte und drei Perſonen enthielt. Erſtaunt blickte Sir James nach dem Fahrzeuge; ehe er ſich aber noch recht beſinnen konnte, hatte daſſelbe angelegt, und eine Minute ſpäter ſtiegen zwei Herren und eine Dame an Bord des Leuchtſchiffes.
Der vornehme Lampenwärter erblaßte, zwei der An⸗ gekommenen waren ihm nur zu ſehr bekannt: Sir George Peebles und ſeine Schweſter Mary.
„Wir haben Unglück gehabt,“ wandte ſich Erſterer an den Baronet, ohne denſelben zu erkennen;„auf unſerem kleinen Ausfluge in die See iſt das Ruder gebrochen, und wir hatten Mühe, Euer Schiff zu erreichen.“
Sir James ſchwieg; er fürchtete erkannt zu werden.
„Gewiß können Sie uns mit einem anderen Ruder aus⸗ helfen,“ fuhr Sir Peebles fort;„vorher aber wollen wir die mitgebrachten Lebensmittel an Bord ſchaffen, wir haben noch nicht gefrühſtückt und Sie können unſer Gaſt ſein.“
„Das geht unter keinen Umſtänden,“ rief der Baronet haſtig, indem er ſich bemühte, ſeiner Stimme einen tieferen Klang zu geben, und gleichzeitig den Mantel feſter zuſammen⸗ zog, ſo daß nur ein ſehr kleiner Theil des Geſichtes zu ſehen war.„Der Beſuch des Wachtſchiffes iſt Unberufenen ſtreng verboten, und ich— habe bereits gefrühſtückt.“
„Dann müſſen wir ohne Sie eſſen,“ erwiderte Mary's Bruder.„Den Aufenthalt auf Ihrem Schiffe werden Sie uns aber ſo lange geſtatten, bis unſer Boot wieder ſeetüchtig gemacht iſt. Kommen Sie, Sir Hogſon, holen wir die Lebens⸗ mittel.“
Der Baronet empfand bei Nennung dieſes Namens einen empfindlichen Stich in die Bruſt. Das alſo war der Gehaßte, der ſein Glück vernichtet, der aus einem lebens⸗ frohen, jugendblühenden Gentleman einen menſchenſcheuen Miſanthropen gemacht hatte! Sinnend ſchaute er den beiden Männern nach, die ſich eben anſchickten, ihr Boot aufzuſuchen.
Da tönte ein Schreckensruf an das Ohr des Baronets; mit dem Ausdrucke höchſter Beſtürzung zeigte Sir Peebles
hinaus in die See, wo in beträchtlicher Entfernung vom
Wachtſchiffe das Boot willenlos auf den Wellen dahintanzte. Das Tau, womit es angebunden war, hatte ſich gelöſt und die Wogen trugen das kleine Fahrzeug mit Allem, was es enthielt, auf der unendlichen Waſſerfläche davon. Mit einem Aufſchrei ſank Miß Mary um; ſie hatte erkannt, daß ihnen der Rückweg abgeſchnitten ſei, und ſie auf unbeſtimmte Zeit an dies ſturm- und wellenumtoſte Schiff gefeſſelt waren. Der Baronet fing die Sinkende in ſeinen Armen auf; mit lauter Stimme rief er ihrem Bruder zu, aus dem unteren Schiffsraume friſches Waſſer für die Ohnmächtige zu holen.
Es mußte wohl in dem Tone ſeiner Stimme etwas Be⸗
kanntes gelegen haben, denn nicht blos Sir George ſtutzte und ſah dem Sprecher ſcharf in's Geſicht, ſondern auch ſeine
Schweſter ſchlug die Augen auf und ſagte leiſe, aber im Tone
des höchſten Erſtaunens:
„Sir James, Sie hier?“
„Um Himmels willen, Baronet,“ rief nun auch Sir Pee⸗ bles,„wie kommen Sie hierher? Sie waren doch nie ein beſonderer Freund der Theerjacken, und jetzt ſind ſie ſelbſt Seemann geworden!“
James Turner räusperte ſich verlegen. Dann ſtotterte er:
Hun nur das
und
wir
wäh grö ſah, kein kra und Dit
Sir


