Concordia. 661
Es war um die Nitte der fünfziger Jahre unſeres Säculums, an einem wolkenloſen Sommertage, als das Verdeck des Wachtſchiffes bei Holyhead von den ſtarken Schritten widerhallte, die von dem auf- und abwandelnden Wächter herrührten. Dieſer Mann war eine eigenthümliche Erſcheinung, die ſeltſam mit der Umgebung, in welcher er ſich befand, und mit der von ihm bekleideten Stellung kontraſtirte. Er hatte offenbar die Dreißig noch nicht überſchritten, ſein Geſicht zeigte noch die Friſche der Jugend, und die ſchlanke, elaſtiſche Geſtalt, die feinen weißen Hände und die zwar ſchmutzige und vernachläſſigte, aber aus den feinſten Stoffen beſtehende Kleidung deutete darauf hin, daß der junge Mann ſich früher in anderer Atmoſphäre als der rauhen Seeluft bewegt haben müſſe. Drei große ſchottiſche Jagdhunde, die geſenkten Kopfes den Schritten des Wächters folgten, ließen dieſe Vermuthung zur Gewißheit werden.
Der Mann, welcher ſich dem menſchenfreundlichen, aber langweiligen und beſchwerlichen Dienſte des Wachtſchiffes ge⸗ widmet hatte, war kein Geringerer, als der Baronet James Turner, der reiche Sprößling einer angeſehenen Adelsfamilie Altenglands. Er war ſein Leben lang das geweſen, was der Volksmund treffend mit dem Worte„Pechvogel“ bezeichnet, und ſein, freilich zum Theil ſelbſtverſchuldetes Unglück hatte ihn endlich bewogen, den Freuden der Welt zu entſagen und hier, auf dieſer ſchwimmenden Einſiedelei, ein trauriges Aſyl zu ſuchen, das ihn von dem Treiben und Ringen der Menſch⸗ heit fern hielt.
Der Baronet war an Enttäuſchungen gewöhnt, und immer kam er einen Augenblick zu ſpät, um ſein Glück erfaſſen und genießen zu können. War er zur Tafel geladen, wo er hochgeſtellte Perſonen finden konnte, deren Bekanntſchaft er längſt gewünſcht hatte, ſo platzte ihm ſicher beim Ausſteigen aus ſeinem Wagen die Aermelnath ſeines Frackes, ſo daß er umkehren und auf die Einladung verzichten mußte; wollte er verreiſen, ſo pfiff der Zug in dem Augenblicke zum Bahn⸗ hofe hinaus, wo Sir James Turner eben am Schalter das Fahrgeld für das Billet bezahlt hatte; ſetzte er im Spiel zwanzigmal auf eine Karte, ohne nur ein einziges Mal zu gewinnen, und wechſelte er endlich, ſo konnte er gewiß ſein, daß dieſe Karte ſofort gewann, ſobald ſie von einem Anderen geſpielt wurde. Alle dieſe kleinen Mißgeſchicke brachten indeß den Baronet nicht aus der Faſſung; als aber eine Täuſchung an ihn herantrat, die er nicht überwinden zu können glaubte, da ward er menſchenſcheu und betrachtete es als ein Glück, als ihm die Laternenwärterſtelle auf dem Wachtſchiffe, um die er ſich bewarb, übertragen wurde.—
Die Beſitzungen des Baronets befanden ſich auf der Inſel Angleſea, wo er die Sommermonate als leidenſchaftlicher Jäger und Angler zubrachte. Hier lernte er bei einem Guts⸗ nachbar George Peebles, einen jungen, ritterlichen Edelmann, kennen, der des Baronets Liebe zu Jagd und Fiſchfang theilte und deshalb ſehr bald deſſen vertrauteſter Freund wurde. Mehr noch als dieſe Uebereinſtimmung in den beiderſeitigen Neigungen feſſelte aber den Baronet die Schweſter ſeines Freundes, die blonde, rothwangige Miß Mary; unbemerkt entwickelte ſich in dem Herzen des jungen Mannes eine leiden⸗ ſchaftliche Liebe zu dem reizenden Weſen, das die Aufmerkſam⸗ keiten Sir James Turner's keineswegs ungünſtig aufzunehmen
ſchien.
Es verging kaum ein Tag, den der Baronet nicht in
Geſellſchaft ſeiner Freunde zugebracht hätte; er fühlte ſich glücklich in ihrem Umgange, und auch Sir Peebles und ſeine Schweſter fanden Gefallen an dem liebenswürdigen jungen Gentleman.
Dieſes patriarchaliſche Verhältniß konnte aber unmöglich von ewiger Dauer ſein, und der Baronet nahm ſich vor, bei erſter Gelegenheit Miß Mary ſeine Liebe zu erklären und um ihre Hand zu bitten. Hundertmal kam er mit dem feſten Vorſatze in's Haus ſeiner Freunde, die Entſcheidung hervor⸗ zurufen, und eben ſo oft traten kleinliche Zwiſchenfälle ein, die ihn an der Ausführung ſeines Vorhabens verhinderten.
Eines Morgens war Sir James früher als gewöhnlich aufgeſtanden, kleidete ſich mit beſonderer Sorgfalt und gab Befehl, ſein beſtes Pferd zu ſatteln und vorzuführen. Er hatte während der Nacht abermals den Entſchluß gefaßt, der Angebeteten ſeines Herzens ſich zu entdecken und ihr ſeine Reichthümer und ſich ſelbſt zur Verfügung zu ſtellen. Eben meldete ein Diener, daß das Pferd bereit ſtehe, als der Kapitän ſeines im Hafen liegenden Bootes eintrat und ihm mittheilte, daß unweit der Küſte ein ſtarker Zug Sardellen geſehen worden ſei.
Die Verſuchung war zu groß, als daß ihr der Baronet hätte widerſtehen können.
„Es iſt im Grunde gleichgiltig, ob ich heute oder morgen um Miß Mary werbe,“ ſprach er zu ſich ſelbſt.„Ein Zug Sardellen kommt in unſeren Gewäſſern nicht allzu häufig vor, Mary aber wird meinen Antrag morgen jedenfalls noch eben ſo günſtig aufnehmen als heute.“
Er ließ ſofort Sir Peebles von der Entdeckung ſeines Kapitäns in Kenntniß ſetzen, während er ſelbſt ſich an Bord ſeines Bootes begab, und in See ſtach. Auf dem Waſſer hoffte er mit dem Fahrzeuge ſeines Freundes zuſammen⸗ zutreffen und Gelegenheit zu finden, mit ihm über ſeine An⸗ gelegenheit ſich rückhaltslos ausſprechen zu können.
Der Kapitän hatte recht berichtet; eine ungeheure Menge der kleinen Fiſche durchzog die ſalzige Fluth und Sir James vergaß über den reichen Fang ſein wichtiges Vorhaben gänzlich. Eifrig folgte der leidenſchaftliche Fiſcher der Richtung, welche die Sardellen nahmen, und bald war ſein heimatliches Ge⸗ ſtade und das Boot ſeines Freundes, dem er begegnet war, außer Sicht. Die Fiſche zogen ſüdwärts und der Baronet mit ihnen; ſelbſt die einbrechende Nacht vermochte ihn nicht zur Umkehr zu veranlaſſen, und als der Morgen graute, be⸗ fand er ſich zu ſeiner eigenen Ueberraſchung im Golf von Solway, wohin ihn günſtiger Wind in verhältnißmäßig kurzer Zeit geführt hatte.
Befriedigt von den Ergebniſſen ſeiner Jagd auf den kleinen Fiſch, trat Sir James die Heimreiſe an, aber die herrſchende entgegengeſetzte Luftſtrömung ließ das Fahrzeug nur langſam vorwärts kommen. Erſt am dritten Tage er⸗ reichte es den Hafen, und der Baronet beeilte ſich, nach Hauſe zu kommen, um die Kleider zu wechſeln und ſeinen Freunden noch einen Beſuch zu machen.
Da fiel ihm ein Brief in die Hände, der wenige Stunden vor ſeiner Ankunft abgegeben worden war. Er enthielt folgende Zeilen:
„Da es mir und meiner Schyeſter nicht vergönnt iſt, Ihnen perſönlich Lebewohl ſagen zu können, ſo erlaube ich
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