Jahrgang 
2 (1879)
Seite
660
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660 Concordia.

Nachtlager in dem Fichten⸗Dickicht aufſchlage, weil ich mich nicht um die Gewohnheiten anderer Menſchen kümmere und mich nicht nach ihnen richte, weil ich alle Geheimniſſe in der Familie kenne weil ich überall und nirgends bin und ge⸗ wiß da ein ſicheres Verſteck erſpähe, wo es etwas Wichtiges zu erlauſchen giebt. Dem Einen diene ich für's Geld, dem Anderen, weil ich ihn liebe und er gut gegen mich iſt, dem Dritten endlich, und das iſt die Hauptſache, weil ich meine Rache befriedigen muß.

Suſanne ſchaute die Frau betroffen an und ſie erſchrak vor dem unheimlichen Funkeln, das ihr aus den Augen der Asmuſſen entgegenblitzte.

So war ich vor einigen Tagen, fuhr ſie fort,im Schloßparke und bemerkte den jungen Herrn einſam und ver⸗ laſſen auf einer Bank ſitzen. Er dauerte mich in der Seele, wie er ſo ſchwermüthig vor ſich hinblickte und ſeinen Gedanken nachhing. Da ſah ich das Fräulein aus Birkenthal die Terraſſentreppe herabkommen, ſtehen bleiben und ſich nach allen Seiten umſchauen. Jetzt wußte ich, daß ſie den Grafen ſuchte ich mußte hören, was ſie von ihm wollte. Du hätteſt ſie ſehen ſollen, wie natürlich ſie die Erſchreckte ſpielte, als ſie des jungen Herrn anſichtig wurde; wie ſie that, als könne ſie vor momentaner Schwäche nicht weiter, und den Grafen zwang, neben ihr auf der Bank Platz zu nehmen. O, wie ich ſie haſſe, dieſes hochmüthige, bettelſtolze Frauen⸗ zimmer, die mir einſt einen Hieb mit der Reitpeitſche verſetzte, weil ihr geborgtes Pferd vor meinem Tragkorbe ſcheute und einen Seitenſprung machte. Sie heuchelte Theilnahme für den Grafen, weil er gemüthskrank zu ſein ſcheine, bot ihm Hilfe an und kam ſchließlich auch auf Dich zu ſprechen.

Suſanne horchte auf.

Ja wohl, und ſie ſprach von Dir in ſehr geringſchätzen⸗ der, wegwerfender Weiſe und behauptete ſogar, Du ſeieſt mit einem Hauſirer durchgegangen.

Die Schändliche! rief das Mädchen entrüſtet,ſie weiß

ſicher, daß Ernſt mir freundlich geſinnt iſt!

Du kannſt es ruhig ausſprechen, daß er Dich liebt, er hat es Dir ja im Beiſein Deiner Mutter geſtanden, unter⸗ brach ſie die tolle Guſte, während Suſanne ſie halb erſtaunt, halb mißtrauiſch anblickte, daß ſie auch dieſen Vorgang be⸗ merkt hatte.Aber höre weiter. Du hätteſt den jungen Grafen ſehen ſollen, wie er aufſprang, leichenblaß ausſah und das Fräulein am Arme packte, daß es laut aufſchrie, und ſie erſt los ließ, als der fremde Mann, der im Schloſſe wohnt, mit der Gräfin dazu kam.

In dieſem Augenblicke tönte vom Hauſe her die kreiſchende Stimme der Frau des Stößers, die nach Suſanne rief.

Ich muß jetzt fort, ſagte ſie haſtig, indem ſie der As⸗ muſſen die Hand reichte;wpielleicht kann ich Eure Mühen und Aufopferung einſt vergelten. Vergeßt nicht, zu meinen Eltern und zu Ernſt zu gehen!

Sie eilte dem Hauſe zu.

Was haſt Du dort für eine Bekanntſchaft gemacht? fuhr ſie die Frau an;Du weißt, daß Du mit Niemandem, hörſt Du, mit Niemandem zu ſprechen haſt, wenn ich nicht dabei bin, ſonſt unterbleibt das Suchen von Waldblumen. Ver⸗ ſtanden?

Eine arme Kräuterſammlerin fragte mich nach dem näch⸗ ſten Weg zur Landſtraße, erwiderte ruhig Suſanne, indem ſie ſich abwandte und der Hausthür zuſchritt, um die Röthe zu verbergen, welche dieſe Nothlüge ihr auf die Wangen trieb.

(Fortſetzung folgt.)

Das 2

Wachtſchiff Holyhead.

Dem Sagliſchen nacherzählt von Moritz Lilie.

An der nordweſtlichen Spitze des engliſchen Fürſtenthums Wales, da, wo die iriſche See ſich zu dem Sankt⸗Georgs⸗ Kanal verengt, liegt die Stadt Holyhead, welche die fürſorg⸗ liche großbritanniſche Admiralität zu einer der wichtigſten Seeſtationen der ganzen Küſte erhoben hat. Das unruhige Meer und die riff⸗ und klippenreichen Ausläufer der felſigen Ufer machen die Schifffahrt zwiſchen England und Irland ſehr gefährlich, und eine große Anzahl von Leuchtthürmen und Warnungszeichen ſind errichtet, um den Seefahrer namentlich zur Nachtzeit auf die drohenden Gefahren aufmerkſam zu machen. Der lebhafte Verkehr zwiſchen Liverpool und Dublin führt jährlich Hunderte von Fahrzeugen längs des Nordrandes der Inſel Angleſea bei Holyhead vorüber, und es ſind daher an dieſer verderblichen Stelle auch außergewöhnliche Vorſichts⸗ maßregeln zum Schutze der zahlreichen hier vorbeipaſſirenden Schiffe getroffen worden.

Wie faſt alle Waſſerſtraßen, welche große Flächen Landes von einander trennen, iſt auch der Kanal zwiſchen den beiden britiſchen Inſeln ſehr ſtürmiſch, und die iriſche See fordert alljährlich große Opfer an Schiffen und Menſchenleben. Namentlich der Wind aus Nordweſt iſt verderbenbringend; er treibt die Fahrzeuge mit faſt unwiderſtehlicher Gewalt gegen

(Nachdruck verboten.) die furchtbaren Felſen von Holyhead, deren wüthende Wogen⸗ brandung die Planken und Maſten an den ſchaumbeſpritzten Steinwänden zerſchellt, als wäre es zierliches Kinderſpielzeug.

Eine engliſche Meile ſeewärts von der Küſte, aber noch im Geſichtskreiſe der Bewohner von Holyhead, liegt ein ent⸗ maſtetes Schiff auf dem Meeresgrunde feſtgeankert; zwei mächtige Laternen von buntem Glaſe leuchten des Nachts und während der Stürme in die See hinaus, dem mit den Elementen kämpfenden Schiffer die unheilvolle Nähe der Küſte verkündend. Ein von der Regierung angeſtellter Wächter hat die Verpflichtung, die Lampen zu bedienen; ein⸗ ſam, von aller Welt abgeſchloſſen, umtobt von Sturmgeheul und Wellenſchlag, hauſt er auf dem Fahrzeuge, und nur einmal wöchentlich empfängt er den Beſuch menſchlicher Weſen, die ihm in einem Boote die nöthigen Mittel zum Lebensunter⸗ halte zuführen.

Die unendliche Einſamkeit und Abageſchloſſenheit dieſes Vorpoſtens menſchlicher Barmherzigkeit hatte von jeher wenig Verlockendes, und die Wächter des Leuchtſchiffes beſtanden da⸗

her meiſtens aus Leuten, die Armuth, Lebensüberdruß oder

Zerfallenſein mit der menſchlichen Geſellſchaft hierher ver⸗ ſchlagen hatte.