Jahrgang 
2 (1879)
Seite
659
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Concordia.

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Die Polizei hat eine feine Naſe, wenn ſie erſt Eueren Eingang kennt, wird ſie auch die Ausgänge erfahren. Man hat Dich hier als Waldwärter angeſtellt, Du verbringſt aber die meiſte Zeit in der Reſidenz, und wenn es in unſerem abgelegenen Winkel eine Kontrole gäbe, hätten ſie Dich längſt zum Teufel gejagt.

In einigen Monaten gehe ich freiwillig! lachte der Stößer.Der Winter wird Gelegenheit genug geben, noch ein paar Hundert Banknoten an den Mann zu bringen, und zum Frühjahr geht's hinüber nach Amerika.

Wenn man den freien Amerikaner nicht inzwiſchen die

Züchtlingsjacke anzieht! höhnte die Frau.

Ein Mädchen trat aus dem Hauſe, zögerte an der Thür einen Augenblick und ſchritt dann auf die Beiden zu.

Es war Suſanne; aber wer das friſche, blühende Geſicht früher geſehen hatte, würde ſie ſchwerlich wieder erkannt haben. Tiefe Bläſſe lagerte auf den eingefallenen Wangen, die vom vielen Weinen entzündeten Augen, deren müder Blick kaum zwiſchen den halbgeſchloſſenen Lidern hervorzudringen wagte, gaben Zeugniß von den in Thränen durchwachten, ſchlafloſen Nächten, und die matte, gebrochene Haltung ihres ſonſt ſo elaſtiſchen Körpers deutete die ſchweren Seelenkämpfe an, denen Geiſt und Körper endlich zu erliegen drohten.

Werde ich heute endlich erfahren, weshalb Ihr mich hierher geführt habt und hier gefangen haltet? fragte ſie das würdige Ehepaar..

Man wird Dir Alles mittheilen, wenn es dazu Zeit iſt; Deine Fragen ſind bis dahin völlig nutzlos, erwiderte der Stößer feſt, aber ohne jene harte Betonung, welche der Frau eigen war.

Dieſelbe Antwort erhalte ich nun ſeit jenem Unglückstage, an dem ich Euch das erſte Mal ſah, täglich, und noch immer macht Ihr mir keine Hoffnung auf Erlöſung! O, meine armen Eltern! Thränen erſtickten ihre Stimme.

Haſt Du denn bei uns ſo große Noth, daß Du den Kopf hängen läßt, wie eine geſchlachtete Gans? fragte rauh das Weib, indem ſie das Kinn des Mädchens faßte und das thränenüberſtrömte Geſicht mit einem ſtarken Ruck zu ſich emporrichtete.

Laß das! ſagte der Stößer mit einem Anfluge von Mitleid, und zu Suſanne gewendet, fügte er hinzu:Wir können jetzt nicht anders handeln, Kind; es wird Dir aber kein Unrecht geſchehen, wenn Du klug biſt und muthig aus⸗ harrſt.

Ich verliere noch den Verſtand, wenn nicht bald eine Aenderung eintritt! ſchluchzte das Mädchen.

Du wirſt hoffentlich ſo vernünftig ſein, keinen Flucht⸗ verſuch zu wagen, es könnte Dir dies übel bekommen, warnte die Frau.Der dort verſteht in ſolchen Fällen keinen Spaß.

Sie zeigte auf einen großen, zottigen Wolfshund, der ſich behaglich in der Sonne ſtreckte.

Suche Dir jetzt im Garten eine Beſchäftigung, das wird Dich zerſtreuen und auf andere Gedanken bringen, rieth in mildem Tone der Mann.

Wenn Ihr mir geſeattet, pflücke ich mir einen Strauß Waldblumen, ſie erinnern mich an die Heimat.

Gehe aber nicht weiter, als ich Dich ſehen kann, ent⸗ ſchied die Frau.

Suſanne entfernte ſich. Auf der Wieſe und am Waldes⸗ ſaume ſuchte ſie die lieben ſtummen Gefährten ihrer Kindheit, Blume an Blume reihte ſich an einander, bis ſie ſich zum ſtattlichen duftenden Strauße vereinigten. Es war ihr, als begrüßte ſie liebe Bekannte, und eine wunderbare Beruhigung überkam ſie bei dem Gedanken, daß dieſelben beſcheidenen Waldbewohner auch das Haus ihrer Eltern umſtanden, daß vielleicht auch auf dem Tiſche des traulichen Zimmers daheim dieſelben Blumen dufteten, deren Schweſtern ſie in der Hand hielt.

Sie hatte ſich, ſoweit ſie es wagen durfte, vom Hauſe entfernt und am Rande des Waldes niedergeſetzt, um ihre Blumen zu ordnen, als leiſe Schritte hinter ihr hörbar

wurden.

Frau Asmuſſen! rief Suſanne, freudig überraſcht,wie kommt Ihr hierher bringt Ihr mir Nachricht von zu Hauſe?

Finde ich Dich endlich, Suschen! ſagte die Alte, eben⸗ falls hocherfreut;nun, Gott ſei gedankt! Seit Wochen durchſtreife ich meilenweit Deinetwegen die ganze Umgegend, denn bis an die Grenze hatte ich Deine Spur ohne Mühe verfolgt. Von da an aber konnte mir Niemand mehr Aus⸗ kunft geben.

Wie geht es meinen armen, guten Eltern? und wie befindet ſich der Graf? fügte ſie leiſe hinzu.

Sie Alle hoffen Dich bald wieder zu ſehen. Den Zettel, welchen Du mir zuwarfſt, als ich Dir im Walde begegnete, wie Du auf dem Wagen des Hauſirers ſaßeſt, habe ich durch meine Bekannte im Schloſſe, die Frau des Stallknechtes, in das Zimmer des Grafen legen laſſen, wo er ihn noch den⸗ ſelben Abend gefunden. Aber, wie geht es Dir hier, wie behandelt man Dich? Die ganze Gegend ſpricht von Deinem räthſelhaften Verſchwinden.

Eilt ſo ſchnell Ihr könnt nach Hauſe und ſagt dem Grafen, wo ich mich befinde und daß man mich in unwürdiger Gefangenſchaft hält, ja, mir nicht einmal mittheilt, weshalb ich hierher gebracht worden bin.

Die Gräfin hat Dein Verſchwinden dem Gericht angezeigt, Gensd'armen haben die ganze Umgebung von Gatterſee durch⸗ ſucht und der junge Graf ſtreift noch täglich in den Wäldern umher, um eine Spur von Dir zu entdecken; er iſt ganz trübſinnig geworden, ſeit Du fort biſt.

Eine Thräne glänzte in Suſannens Auge, aber ſie ſchwieg. Die Worte der ehrlichen Frau thaten ihr unendlich wohl.

Und weißt Du auch, daß es mit der Liebſchaft zwiſchen dem Grafen und dem Fräulein aus Birkenthal zu Ende iſt?

Das Mädchen lächelte, ſie wußte recht wohl, daß ein Verhältniß, wie es die tolle Guſte andeutete, niemals beſtanden hatte, aber ſie war gutmüthig genug, auf die Unterhaltung der geſprächigen Frau einzugehen. Sich verwundert ſtellend, fragte ſie daher:

Iſt es zu Ende? Wer hat den Bruch herbeigeführt, und woher wißt Ihr es?

Die Asmuſſen rückte näher und in vertraulichem Tone er⸗ zählte ſie:

Du weißt, man nennt mich die tolle Guſte, weil ich oft mehrere Tage nach einander mein armſeliges Stübchen nicht betrete, ſondern in den Wäldern umherſchweife, Kräuter, Pilze und Beeren ſammle, und nicht ſelten wie das ſcheue Reh mein

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