Jahrgang 
2 (1879)
Seite
658
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658 Concordia.

delt haben, wie dieſes Frauenzimmer. Die Baroneſſe ſprach dieſe Worte mit einem unbeſchreiblich geringſchätzenden Tone.

Suſanne iſt ein Juwel, ein Muſter edler Weiblichkeit, ein echtes, unverdorbenes, reines Naturkind. Wenn ſie auch nicht Franzöſiſch plappert und Klavier klimpert, wie unſere modernen Penſionsdamen, ſo beſitzt ſie doch Geiſt und Gemüth genug, um dieſe oberflächliche Politur vergeſſen zu machen.

Sie ſehen mich im höchſten Grade erſtaunt, Herr Graf! Seit wann brechen hochadelige Kavaliere ihre Lanzen für Bahnwärterstöchter?

Es iſt Pflicht jedes Ehrenmannes, Beleidigungen Ab⸗ weſender entgegenzutreten, beſonders wo es ſich um, wenn auch arme, ſo doch brave, tugendhafte Menſchen handelt.

Die Tugend dieſes Mädchens hat aber nicht zu ver⸗ hindern vermocht, daß ſie mit einem Hauſirer auf und davon⸗ gegangen iſt!

Eiſigkalt entſtrömten dieſe Worte dem Munde des Mädchens; ihre Wirkung auf den jungen Mann war eine furchtbare. Er war aufgeſprungen, Todtenbläſſe bedeckte ſein Geſicht, ein krankhaftes Zittern durchlief ſeinen Körper.

Einige Augenblicke ſtand er ſo da, dann packte er mit feſtem Griffe den Arm der Baroneſſe, daß dieſe laut aufſchrie.

Was ſagen Sie da? mit einem Hauſirer ſei meine Braut davongelaufen? Was wiſſen Sie davon? Reden Sie, ich befehle

Kurz, abgeriſſen, drohend ſtieß der Graf dieſe Worte hervor, den Arm des Mädchens immer noch feſthaltend.

Ihre Braut? Alſo doch! Laſſen Sie mich los, Graf Gatterſee, oder ich rufe Hilfe!

Die Baroneſſe war ebenfalls aufgeſprungen und ſtand in ihrer ganzen imponirenden Größe dem Grafen drohend gegenüber.

Was geht hier vor? ertönte plötzlich eine Stimme.

Es war der Legationsrath, der mit der Gräfin am Arme vor die Beiden trat.

Beſchützen Sie mich vor dieſem Herrn! rief Eliſe, indem ſie an die Seite Stüber's eilte.

Ernſt, was iſt vorgefallen? ſagte die Gräfin in vor⸗ wurfsvollem Tone.

Nicht hier, Mutter, nicht vor dieſen Beiden laß mich reden, Dir, nur Dir allein will ich mich vertrauen!

Und er bot ſeiner Mutter den Arm und ſchritt mit ihr dem Schloſſe zu.

Der Legationsrath folgte langſam mit der Baroneſſe.

Sie haben eine Unüberlegtheit begangen, Eliſe, die nicht wieder gut zu machen iſt. Sie und Ihren Vater treffen die Folgen am härteſten, ſagte im Vorwärtsſchreiten Stüber zu ſeiner Begleiterin, die einzuſehen begann, daß ſie zu weit ge⸗ gangen war und daß durch ihre Schuld das mühſam errichtete Gebäude der Intrigue zuſammenzuſtürzen drohte.

es!

11. Kapitel.

Etwa drei bis vier Meilen ſüdlich von Gatterſee zieht ſich die Landesgrenze hin; die Gegend iſt induſtriearm und dünn bevölkert, aber unabſehbare Waldungen erſtrecken ſich viele Meilen weit zu beiden Seiten der Grenze in die Nach⸗ barländer hinein. Die Axt des Holzfällers, die Schritte eines Grenzbeamten, der Schuß aus der Büchſe eines Jägers oder

V rumpeln, ſo iſt für ausreichende Gelegenheit zur Flucht geſorgt.

Forſtmannes, der irgend einem Raubthiere das Leben koſtet,

hier und da auch das monotone Geräuſch einer Sägemühle,

die der kleine muntere Gebirgsbach in Betrieb ſetzen muß, unterbricht zuweilen die tiefe, feierliche Ruhe des Waldes und läßt erkennen, daß Menſchen in der Nähe wohnen. Eine wohlgepflegte Heerſtraße führt durch die Forſten und verbindet die Nachbarländer mit einander; Eiſenbahnen giebt es in dieſem Theile des Staates nicht.

Ungefähr eine Stunde jenſeit der Grenze führt von der Chauſſee links ein ſchmaler Pfad in den Wald hinein. Er ſcheint wenig benutzt zu werden, denn das Moos wuchert üppig und ungehindert mitten im Wege und zahlreiche herab⸗ gefallene Tannenzapfen legen Zeugniß ab, daß nicht allzu häufig ein menſchlicher Fuß ſie zur Seite ſchleudert. Der Pfad ſchlängelt ſich in unzähligen Windungen durch den Wald, bald zwiſchen prächtigen und ſchlanken Fichten und Tannen, bald durch grünes, von Buchen und Birken gebildetes Unterholz ſeine Richtung verfolgend, um ſchließlich auf einer mäßig großen, rings von dunklen Nadelbäumen eingefaßten Wald⸗ wieſe zu endigen.

Auf dieſer Wieſe ſtand, von einem Gemüſegarten um⸗ geben, ein ärmliches, aus Lehmfachwerk gebautes und mit Schindeln gedecktes Häuschen, deſſen Schornſtein dünner, bläu⸗ licher Rauch entſtieg.

Auf einer aus Baumäſten zuſammengefügten Bank vor dem Hauſe ſaß ein Mann, einer kurzen, dicken Tabakspfeife mächtige Rauchwolken entlockend, neben ihm ein Weib, deſſen

ſtarker Knochenbau und grobe Züge auf einen rohen, gemeinen

Charakter ſchließen ließen. Es war derſelbe Mann, den ſeine Spießgeſellen in der Falſchmünzerwerkſtätteden Stößer nannten; die Frau neben ihm war ſeine Gattin.

Ich muß jetzt wiſſen, wie lange ich das Geſchöpf noch bewachen ſoll, ſagte das Weib in beſtimmtem Tone.Wenn Thomas glaubt, daß ich das Frauenzimmer bis an's Ende meiner Tage behalte, ſo irrt er ſich, und ich ſchicke ſie ihm eines ſchönen Tages über den Hals, mag er dann ſehen, wie er mit ihr fertig wird.

Vorläufig muß ſie noch hier bleiben, bis Thomas uns Nachricht giebt. Er kann verlangen, daß Du ſie bis dahin behältſt, denn er hat ſich bei Dir anſtändig abgefunden, und in lauter echter klingender Münze; kein einziges Papier aus unſerer Fabrik befand ſich dabei.

Ein Lächeln glitt bei dieſen Worten über das Geſicht des Stößers.

Wenn das Mädchen vernünftig wird und aufhört, den

ganzen Tag zu heulen und die Hände zu ringen, mag ſie bleiben; ich kann ſie in Haus und Garten brauchen. Aber dieſer Jammermiene, der rothgeweinten Augen und dieſer Kopfhängerei bin ich überdrüſſig.

In einigen Tagen wollen wir in unſeremAtelier wieder arbeiten; ich hoffe bei dieſer Gelegenheit Thomas zu ſehen und werde wegen des Mädchens mit ihm Rückſprache nehmen.

Euere Arbeit wird Euch Alle noch in's Zuchthaus bringen; bleibe Du jetzt wenigſtens der Sache fern, denn wenn man Euch erwiſcht, geht es mir, als Mitwiſſerin, ebenfalls an den Kragen.

Eine Entdeckung iſt bei unſeren Vorſichtsmaßregeln nicht möglich; ſollte man uns aber dennoch durch Verrath über⸗

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