Jahrgang 
2 (1879)
Seite
657
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ent⸗ iner ich, den und ittel

Concordia. 657

ihrer Blumenkronen eingebüßt. Wie zierlicher Korallenſchmuck funkelten ſcharlachrothe Hagebutten zwiſchen dem in bräun⸗ lichem Schimmer erglänzenden Laub der Roſenſtöcke, und die Blätter und Ranken des wilden Weines wetteiferten an Gluth mit dem Abendroth, das den weſtlichen Horizont mit Purpur übergoß.

Oben in den Zweigen aber, deren Blätterwerk bereits merklich gelichtet erſchien, war es ſtumm. Kein fröhliches Lied, kein munteres Gezwitſcher klang herab, tiefe Stille lagerte über der Natur. Nur drüben über dem See ſtrich

lautlos ein Raubvogel dahin, und in dem dürren Laub am

Boden raſchelte es leiſe und vorſichtig; es war ein flinker Igel, der durch das Geſträuch huſchte, um ſich ſeinen Abend⸗ imbiß zu erſpähen.

Auf einer Gartenbank, von den letzten Strahlen der Abend⸗

ſonne umfloſſen, ſaß Ernſt, den Blick gedankenvoll in die

Ferne gerichtet. Sein Geiſt weilte bei ihr, deren Schickſal

ein unenthüllter Schleier bedeckte, die er, nachdem er ſie kaum

gefunden, ſo jäh wieder verlieren mußte. Wenige Monate waren erſt dahingegangen, als ſich ihm zum erſten Male das

ewige Räthſel der Liebe erſchloß, als ſich ihm mitten im

Toben der Natur, unter Blitz und Donner jenes Wonnegefühl offenbarte, das den Menſchen wie mit Zaubermacht umfängt. Wieder war es ihm, wie damals, als er unter dem furcht⸗ baren Gewitterſchlage, der die ſtolze Edeltanne fällte, zu Boden ſank, als käme die holde Mädchengeſtalt angſterfüllt mit aus⸗ gebreiteten Armen auf ihn zugeſtürzt, wieder fühlte er den warmen Hauch ihrer Lippen ſeine Wangen ſtreifen und mit erſchreckender Deutlichkeit zauberte ſeine Phantaſie den Jammer⸗ ruf an ſein Ohr, der ihm zuerſt das ſüße Geheimniß offen⸗ barte, das zwei Herzen umfangen hielt.

Ernſt, mein Ernſt!

Ein ſchwacher Schrei ertönte in der unmittelbaren Nähe des jungen Mannes, der entſetzt aufſprang; eine ſchlanke Frauengeſtalt lehnte an dem Stamme des Nußbaumes, der die Gartenbank überſchattete. Regungslos ſtand ſie da, als habe ihr der Schreck die Glieder gelähmt.

Um Gottes willen, Baroneſſe Eliſe, iſt Ihnen ein Unglück begegnet? rief Ernſt, als er die Geſtalt erkannte, indem er ihr ſeinen Arm als Stütze bot.

O, es iſt nichts, es wird vorübergehen! ſagte Eliſe mit ſchwacher Stimme,der Schreck

Bin ich die Urſache Ihrer Furcht, Baroneſſe?

Ich erbat mir von Ihrer Mama die Erlaubniß, bei dem ſchönen Abend ein halbes Stündchen im Garten promeniren zu dürfen; ich liebe die Einſamkeit und konnte nicht ahnen, ein menſchliches Weſen, am wenigſten Sie, Herr Graf, hier zu finden.

Sie ſagte das ſo natürlich, daß der junge Mann nicht an der Wahrheit ihrer Worte zweifeln konnte.

Alſo mein Anblick flößte Ihnen ſolchen Schrecken ein? erwiderte Ernſt mit einem leiſen Anflug von Ironie.

Laſſen Sie uns ein wenig Platz nehmen, Graf, ich be⸗ darf der Erholung, lispelte Eliſe, indem ſie ihn zur Garten⸗ bank zog.

Willenlos folgte Ernſt.

Nicht Ihr Anblick, Graf, konnte mich in Furcht ver⸗ ſetzen, fuhr ſie fort,ſondern der Umſtand, daß ich ſo plötzlich,

ſo ganz unvermuthet Jemand entdeckte, wo ich mich ſo ganz allein und einſam wähnte.

Fühlten Sie wirklich das Bedürfniß nach Einſamkeit, Baroneſſe? ich finde dies bei einem ſo lebensluſtigen jungen Mädchen, wie Sie es ſind, einigermaßen auffallend.

Sie finden es auffallend und entziehen ſich, wo es nur irgend mit Anſtand geſchehen kann, doch ſelbſt unſerer Ge⸗ ſellſchaft in unverzeihlicher Weiſe. Ueberraſchte ich Sie nicht eben ſelbſt, als Sie eines der ſtillſten Plätzchen des Parkes aufgeſucht hatten, um offenbar Ihren Träumereien nach⸗ zuhängen? Woran dachten Sie, Graf Ernſt?

Die Stimme der Baroneſſe klang ſo weich und bittend, daß der junge Mann ihr überraſcht in's Geſicht ſchaute. Ein voller, unendlich ſchmachtender Blick aus ihren dunklen Augen traf ihn und ſetzte ihn in Verwirrung.

Sie haben recht, ich liebe es, allein zu ſein, und ich gebe zu, daß ich in dieſer Beziehung von den meiſten meiner Altersgenoſſen abweiche. Aber ich finde keinen Gefallen an den Vergnügungen der jungen Männer, ich bin kein Freund vom Spiel und Tanz, und ſuche lieber die Natur auf, um mich zu unterhalten und zu zerſtreuen.

Das iſt es nicht, Graf Ernſt! Sie weichen mir aus. Ein Kummer bedrückt Sie, und das ſchmerzt mich. Vielleicht gewährt es Ihnen Erleichterung und Troſt, ſich mitzutheilen. Sie werden in mir, der Freundin Ihrer Mutter und Ihres Hauſes, eine verſchwiegene Mitwiſſerin Ihres Geheimniſſes finden, die ſtets bereit iſt, Ihnen, ſoweit es ihre ſchwachen Kräfte vermögen, Rath und Hilfe zu ſpenden.

Ich danke Ihnen! ſagte der junge Mann, dem Mädchen die Hand reichend, die dieſe leiſe drückte,ich danke Ihnen für Ihre Theilnahme, Hilfe aber erwarte ich nur von der Alles heilenden Zeit.

Seit jenem Gewittertage, als Sie im Walde der Unfall betraf, ſind Sie ernſt und ſtill geworden. Aber der Blitzſtrahl fügte Ihnen keinen bleibenden Nachtheil zu, er war nur die Veranlaſſung, daß Sie von allen Seiten, ſelbſt von Ihnen ganz fremden Menſchen, Kundgebungen wärmſter Sympathie empfingen.

Ein boshaftes Lächeln überflog einen Moment das ſchöne, ſtolze Geſicht der Sprecherin.

Kundgebungen von mir ganz fremden Menſchen? fragte Ernſt verwundert.

Ich glaube gehört zu haben, daß ſich in dieſer Beziehung ganz beſonders die Familie eines Bahnwärters ausgezeichnet hat. Die Tochter hat ſogar die Dreiſtigkeit gehabt, ſich hier im Schloſſe wiederholt nach Ihrem Befinden zu erkundigen.

Sprechen Sie nicht von Dreiſtigkeit, Baroneſſe von Waltersdorf! rief der Graf erregt.Vielleicht habe ich es der erſten aufopfernden Pflege dieſes Mädchens zu verdanken, daß ich meine Geſundheit ſo ſchnell und vollſtändig wieder⸗ erlangte. Ich ſelbſt bat ſie, mich hier in Gatterſee zu beſuchen, und nur dieſen dringenden Bitten gab ſie endlich nach.

Nun, es liegt mir ja fern, die Verdienſte dieſer Perſon ſchmälern zu wollen, erwiderte Eliſe mit verächtlicher Hand⸗ bewegung, ‚aber vielleicht überſchätzen Sie dieſelben auch. Es iſt gewiß ſehr ritterlich von Ihnen, Herr Graf, daß Sie für eine kleine Gefälligkeit ein ſo treues Gedächtniß haben, indeſſen würde in ähnlichem Falle jeder andere Menſch ebenſo gehan⸗

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