Jahrgang 
2 (1879)
Seite
656
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Concordia.

von dieſem Augenblicke an war ſie in meiner Gewalt. Ich ſchlug einen anderen Weg ein; die Kleine ließ es bei einigen Thränenſtrömen bewenden, und war klug genug, im Hinblick auf die ihr gezeigten Feſſeln und den Mundknebel keinen un⸗ nützen Skandal zu machen. Jetzt befindet ſie ſich unter der treuen Obhut meiner liebevollen Ehehälfte und hat gerade ſo viel Freiheit, wie die Gazelle im zoologiſchen Garten der Reſidenz, das heißt, ſie darf nicht über die Umzäunung meines kleinen Grundſtückes hinaus.

Vortrefflich, ſchmunzelte der Legationsrath,und Du biſt ſicher, daß ſie dort Niemanden ſieht und von Niemandem geſehen wird?

Sie iſt nie ohne Aufſicht, und die paar armen Holz⸗ ſammler, die ſich gelegentlich einmal in die Nähe meiner Hütte verirren, ſind vollſtändig ungefährlich. Dieſe Leute ſind froh, wenn man ſie unbehelligt läßt, ſie ſelbſt kümmern ſich um nichts.

Wann kehrſt Du nach Hauſe zurück? fragte Stüber. Ich möchte Dich bitten, Deiner Frau die verſprochene Er⸗ kenntlichkeit zu überbringen.

Das will ich gern thun, erwiderte der Stößer lachend, aber ſorge für klingende Münze. Mit unſeren ſelbſt⸗ gefertigten Bilderbogen kann ſich meine Frau nicht recht be⸗ freunden!

Der Legationsrath nickte zuſtimmend.

Da iſt Falſetti! rief er, mit der Hand auf eine große vergoldete Weintraube deutend, die über einer eleganten Glas⸗ thür hin⸗ und herſchwankte;treten wir ein, ich verſpüre Appetit!

Die beiden Freunde verſchwanden hinter den Spiegel⸗ ſcheiben des Weinlokales.

10. Kapitel.

Die Verlobung der Gräfin Gatterſee mit dem Legations⸗ rath Stüber war proklamirt und die Freunde und Bekannten des Brautpaares von dieſem Ereigniſſe durch Karten in Kenntniß geſetzt worden. Graf Ernſt hatte aus Achtung vor ſeiner Mutter gegen dieſe Verbindung keinen Widerſpruch er⸗ hoben, aber er verhielt ſich gegen ſeinen künftigen Stiefvater zurückhaltender, als je. Seit Suſannens Verſchwinden war er auffallend ſtill und in ſich gekehrt, tagelang war er ab⸗ weſend, und eine gewiſſe nervöſe Reizbarkeit hatte ſich ſeiner bemächtigt, als alle Nachforſchungen nach der Tochter des Bahnwärters ohne Erfolg blieben. Die kurze Notiz von Suſannens Hand, welche ſo geheimnißvoll in ſein Zimmer gelangt war, hatte zwar ſeine Hoffnung auf baldiges Wieder⸗ finden der Geliebten neu belebt, als aber Woche um Woche verging, ohne daß die verheißene weitere Mittheilung folgte, verdüſterte ſich das Gemüth des jungen Mannes immer mehr. Seine Streifereien in Wald und Feld hatten noch immer den Zweck, irgend eine Spur der Verſchollenen aufzufinden, das Vergebliche dieſer Mühen machte aber den Grafen mit jedem Tage muth⸗ und hoffnungsloſer.

Die Baroneſſe Eliſe kam jetzt ſehr oft nach Gatterſee. Sie wußte, daß die Gräfin Alles aufbot, um Suſanne wieder⸗ zufinden, und heuchelte daher Theilnahme an dieſen Ve⸗ ſtrebungen und dem Schickſale des Mädchens. Es war ihr gelungen, der Gutsherrin den Glauben an die Aufrichiigkeit

ihres Gefühles beizubringen, und bei dieſer war der tröſtende Zuſpruch von beruhigender Wirkung. Unmerklich hatte ſich zwiſchen den beiden Frauen ein freundſchaftliches Verhältniß gebildet, das der Baroneſſe das Recht gab, öfter, als es ſonſt hätte geſchehen können, nach dem Schloſſe zu kommen. Die ſchaue Intriguantin wollte ſich erſt des Vertrauens und der Zuneigung der Mutter verſichern, ehe ſie ihre Pläne gegen den Sohn in's Werk ſetzte.

Mit wohl berechneter Zurückhaltung begegnete Eliſe von

Waltersdorf dem jungen Grafen; ſcheinbar nur ſchüchtern

wagte ſie, zu ihm aufzublicken, wenn er mit ihr ſprach; ſie konnte erröthend die Augen ſenken, wenn ihr Blick zufällig dem ſeinigen begegnete, und eine gewiſſe Befangenheit ſchien ihr ganzes Weſen einzunehmen, ſobald der junge Mann in ihrer Nähe weilte. Der Gräfin konnte Alles dies nicht ent⸗ gehen; ſie ſchrieb das Benehmen des jungen Mädchens einer ſtillen Neigung zu, und der Legationsrath verfehlte nicht, ſeine Braut in dieſer Annahme zu beſtärken. Er ſuchte den Gemüthszuſtand des Grafen als bedenklich darzuſtellen und glaubte in einer baldigen Verheiratung das einzige Mittel zu erblicken, die Gedanken des jungen Mannes von der Tochter des Bahnwärters und ihrem räthſelhaften Verſchwinden abzulenken.

Eliſe hatte ſich in der Gunſt der Gräfin bereits ſo weit feſtzuſetzen gewußt, daß dieſe in der Neigung zu ihrem Sohne eine ſehr wünſchenswerthe Gefühlsäußerung erblickte. Mußte ſie doch glauben, daß in der Begründung eines eigenen Hausſtandes ein Verkehr mit einem zartfühlenden, rückſichts⸗ vollem weiblichen Weſen die einzige Möglichkeit liege, die auf ihrem geliebten, einzigen Kinde laſtende Schwermuth zu ver⸗ ſcheuchen.

Graf Ernſt ſchien von alledem nichts zu bemerken. Er begegnete Eliſe höflich und zuvorkommend; ſein Benehmen ging aber über konventionelle Artigkeit ſelten hinaus. Zu⸗ weilen gewann es ſogar den Anſchein, als vermeide er es, mit der Baroneſſe allein zu ſein, als weiche er ihr abſichtlich aus, um den Netzen zu entgehen, in die ſie ihn zu ver⸗ ſtricken bemüht war; dann aber gab es auch wieder Momente, wo er ſein Leid vergeſſen zu haben ſchien, wo er unbefangen ſcherzen und ſich einer ungetrübten Heiterkeit hingeben konnte.

In ſolchen Stunden entfaltete Eliſe den vollen Zauber ihres Weſens, die ganze unwiderſtehliche Liebenswürdigkeit, mit der ſie zu feſſeln vermochte. Ihre Augen blickten dann, in feuchtem Glanze ſtrahlend, mit dem Ausdrucke hingebender Schwärmerei, ihre friſchen, ſchwellenden Lippen formten ſich zu einem hinreißenden Lächeln, und ihr ganzes Weſen, ihre Redeweiſe, ſchien ein Gemiſch von reizender, kindlicher Naivetät und bezaubernder Koketterie zu ſein. Dem unbefangenen Be⸗ obachter freilich konnte es nicht entgehen, daß in dem Benehmen der Baroneſſe Syſtem und Berechnung lag, denn ſo ſehr ſie auch in der Kunſt der Verſtellung bewandert ſein mochte, zu⸗ weilen konnte ſie ein boshaftes Lächeln, ein triumphirendes Aufblitzen der Augen oder den ſich auf ihrem Geſichte lagern⸗ den Ausdruck zorniger Enttäuſchung nicht unterdrücken.

Es war einer jener wunderbar poeſievollen Herbſtabende, wie ſie gegen Mitte Oktober zuweilen noch einzutreten pflegen. Im Park zu Gatterſee blühten Sonnenroſen und Aſtern, und die ſtolzen buntfarbigen Georginen, die Papageien unter den Blumen, hatten noch von keinem Froſthauche an der Pracht

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