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Concordia.
Nacht ſchwierig geweſen wäre. Dies ſchienen die Forſtbeamten zu wiſſen, denn plötzlich machte der jüngere von ihnen noch einige Sprünge, um den Wilddieb zu packen. Nur noch wenige Schritte war der Jäger von dem Manne entfernt, da riß dieſer die Büchſe an die Schulter, fenerte und mit dem Rufe:„Ich bin getroffen,“ faßte der junge Mann den Arm ſeines inzwiſchen herangekommenen Begleiters.
Letzterer öffnete in dieſem Augenblicke die Flügel einer Blendlaterne und ein heller Schein beleuchtete die nächtliche Szene. In derſelben Sekunde aber fielen zwei Schüſſe von verſchiedenen Seiten; der Wildſchütz wankte und brach dann lautlos zuſammen.
Die beiden anderen Gehilfen des Oberförſters hatten auf das Signal mit der Laterne die Schüſſe abgegeben und eilten nun herbei, um die Wirkung zu ſehen. Sie hatten ihr Ziel gut in's Auge gefaßt, eine Kugel hatte den Oberarm geſtreift, während die andere in die Bruſt eingedrungen war. Der Verwundete ſtöhnte vor Schmerz, während zwei der Gehilfen bemüht waren, beim Schein der Laterne einen Nothverband anzulegen.
„Haben wir den Burſchen endlich?“ fragte der Oberförſter, indem er dem Getroffenen in's Geſicht leuchtete.
Der an der Schulter nur leicht verwundete Forſtgehilfe war ebenfalls herangetreten. Eine raſche Wendung im Augen⸗ blicke der Gefahr bewahrte ihn vor dem tödtlichen Blei.
„Was iſt das?“ rief der Forſtbeamte enttäuſcht. nicht Born? Das Geſicht iſt mir unbekannt!“
„Es iſt der Bauer Andreas, Herr Oberförſter, der allem Anſcheine nach viel gefährlicher iſt als Born,“ ſagte der Jäger⸗ burſche.„Man munkelt im Dorfe Mancherlei von ihm, und wir können mit unſerem Fange ſehr zufrieden ſein.“
„Wir müſſen den Verwundeten ſo bald als möglich unter Dach und Fach bringen,“ entſchied der Vorgeſetzte.„Den Transport bis zu der weit entfernten Förſterei hält er wahr⸗ ſcheinlich nicht aus, er muß alſo in dem am nächſten gelegenen Hauſe untergebracht werden.“
„Das wäre Born's Haus, das von hier kaum eine Viertel⸗ ſtunde entfernt iſt,“ ſagte einer der Gehilfen.„Freilich iſt es nicht unbedenklich, ihn gerade dort in Pflege zu geben.“
„Gleichviel, dem Manne muß ſo ſchnell als möglich Hilfe werden,“ beſtimmte der Beamte.„Zwei Mann bleiben bei ihm als Wache zurück, bis Anzeige erſtattet und vom Gericht weitere Verfügung getroffen iſt.“
Behutſam wurde der Verwundete in Born's Wohnung getragen und noch in der Nacht ärztlicher Beiſtand gerufen. Zwei Forſtgehilfen blieben als Bedeckung zurück, während der Oberförſter mit dem Leichtverletzten den Heimweg antrat.
„Alſo
5. Kapitel.
Auf die Anzeige des Oberförſters erſchien am anderen Tag in Born's Behauſung eine Gerichtskommiſſion, um den That⸗ beſtand feſtzuſtellen. Der mitanweſende Gerichtsarzt hatte den Verwundeten unterſucht und ſeinen Zuſtand für bedenklich er⸗ klärt. Von einem Weitertransport konnte keine Reve ſein, und ſo wurde ein Beamter zurückgelaſſen, der in Gemeinſchaft mit Hannchen Andreas pflegen und bewachen ſollte. Born ſelbſt durfte das Zimmer, in welchem der Getroffene lag, nicht betreten, um zu vermeiden, daß die beiden Männer Verabred⸗
ungen treffen möchten, die auf den Gang der Unterſuchung möglicherweiſe hemmend einwirken könnten.
Der Wilddieb war von einem heftigen Wundfieber ergriffen worden und phantaſirte ſtark, ſo daß der Gerichtsdiener und Hannchen die größte Aufmerkſamkeit auf den Kranken verwenden mußten. Schon wiederholt hatte er den Ruf ‚Feuer“ aus⸗ geſtoßen, was die Wärter aber mit dem Kampf im Wald in Verbindung brachten.
Plötzlich richtete ſich Andreas halb auf; ſein Geſicht war verzerrt und ſtöhnende Laute entquollen ſeiner Bruſt.
„Feuer, Feuer, es brennt!“ ächzte er.„O, dieſe Kaſſette, wie ſie heiß iſt, nehmt ſie mir ab!“
Er machte eine Bewegung mit den Armen, als wolle er einen glühendheißen Gegenſtand abſchütteln, während Hannchen aufmerkſam den Worten des Fiebernden lauſchte.
„Ballmann, wollt Ihr Euren Kaſten wieder haben? nehmt ihn, er brennt! Es iſt ja nichts d'rin, nichts, kein Geld, nur Papier, werthloſes Papier—— da kommt Helmert.“
Hannchen wich entſetzt zurück, ſo entſtellt erſchienen die Züge des Verwundeten.
„Helmert, hinaus— Ballmann hat bezahlt, hier iſt die Quittung in der Kaſſette. Willſt Du mich auf's Zuchthaus bringen wegen meiner Ausſage?— jagt Helmert hinaus—
Er ſchwieg eine Weile erſchöpft; auch der Gerichtsdienern war aufmerkſam geworden.
„Es brennt bei mir, mein Gut brennt!“ ſchrie Andreas
wieder.„Die verfluchte glühende Kaſſette hat das Feuer ver⸗ urſacht. Warum verſteckte ich ſie auch auf dem Heuboden— Waſſer— Waſſer— ich brenne!“
Ohnmächtig ſank der Kranke zurück, die Aufregung hatte ihn überwältigt. Aber Hannchen wußte genug; das konnte nicht die Ausgeburt von Fieberphantaſien ſein, ein Körnchen Wahrheit mußte darin ſtecken. Ihr Entſchluß war gefaßt und die Möglichkeit, Licht in das geheimnißvolle Dunkel zu bringen, das den Ballmann'ſchen Meineidprozeß umgab, verlieh ihr, dem ſchwachen Mädchen, Kraft und Energie, um ſelbſt die für Frauen gewöhnlich ſo unangenehmen Wege zur Gerichts⸗ behörde zu unternehmen. Der Gedanke an Fritz beflügelte ihren Schritt, und bald gab ſie an Amtsſtelle ihre Ver⸗ muthungen und Wahrnehmungen zu Protokoll. Sofort wurde Hausſuchung in dem Beſitzthum des Verwundeten verfügt und zu dieſem Zweck einige Beamte abgeordnet.
Auf dem Boden einer Scheune, der zur Aufbewahrung des Heues diente, fand man eine alte, mit Lumpen angefüllte Kiſte, auf deren Grund das kleine eiſerne Käſtchen ſtand, das Ballmann ſeit dem Brand vermißte und für durch das Feuer vernichtet hielt. Einige Familienpapiere, der Kaufkontrakt über das Ballmann'ſche Gut und die Quittung über an Helmert gezahlte zweitauſend Thaler lagen darin. In höchſter Spannung war Hannchen der Gerichtskommiſſion gefolgt, und als ſie den glücklichen Fund gewahrte, da jubelte es in ihr laut auf; ſo ſchnell ſie ihre Füße tragen konnten, eilte ſie in das Gehöfte Trinkler's und fiel ihrem Fritz in Gegenwart von deſſen Mutter und dem Gutsbeſitzer ſtürmiſch um den Hals, nur des einen Wortes mächtig:„Unſchuldig!“ Erſt nach und nach vermochte ſie unter Freudenthränen den Zuſammenhang zu erzählen, und ſelbſt Frau Katharine umarmte und küßte das Mädchen, welches die freudige Botſchaft überbrachte.
Noch denſelben Abend ward von der Behörde telegraphiſch
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