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wegen, dieſe als künftige Schwiegertochter zu begrüßen. So nachgiebig ſie ſonſt gegen die Wünſche und Abſichten ihres Sohnes war, in dieſem Punkte blieb ſie ſtandhaft, und Fritz blieb nichts übrig, als ſeine Hoffnung auf die Zukunft zu ſetzen. Auch Hannchen litt ſchwer unter dem feindſeligen Ver⸗ halten der Mutter ihres Geliebten; freilich mußte ſie geſtehen, daß daſſelbe wohlberechtigt, mindeſtens entſchuldbbar war.——
Der Winter hatte Wald und Flur mit einer dicken Schnee⸗ und Eisdecke überzogen und in dem ausgedehnten Forſt, der ſich bis dicht an das Dorf heranzog, beugten ſich die alten Föhren und Buchen unter der Laſt des auf ihnen lagernden Schnee's. In der Stube des Förſterhauſes aber, das faſt in der Mitte des Waldes lag, herrſchte behagliche Wärme, die vier Männer, die ſich in derſelben befanden, waren eifrig beſchäftigt, ihre Gewehre in Stand zu ſetzen und ſich zu einem Ausflug in das Revier zu rüſten.
„Es gielt jetzt, einen Feldzugsplan zu entwerfen und die Rollen gehörig zu vertheilen, wenn wir endlich einmal Erfolg haben wollen,“ nahm ein älterer Herr mit rieſigem Schnurr⸗ barte das Wort.„Die Kerls ſind ſchlau, aber einmal gehen ſie doch in die Falle.“
„Meinen Sie, Herr Oberförſter, daß es Mehrere ſind, die unſeren Wildſtand ſchädigen?“ erwiderte ein junger, kräf⸗ tiger Mann, deſſen Kleidung ebenſo wie die aller Uebrigen den Jäger verrieth.
„Ich bin überzeugt, daß wir es mit einer ganzen Bande von Wilddieben zu thun haben, wenn ich auch zugeben will, daß Born die Seele des Ganzen iſt. Er kennt alle Schleich⸗ wege und Verſtecke weit und breit, und es iſt daher auch noch nicht gelungen, ihn auf friſcher That zu ertappen.“
„Was hat die auf Ihren Antrag hin in Born's Wohnung ſtattgefundene Hausſuchung für ein Reſultat gehabt?“ fragte einer der Forſtgehilfen.
„Leider kein befriedigendes. Man fand einige Gewehre, Hirſchfänger und anderes Jagdgeräth bei ihm, ſonſt aber nichts Verdächtiges; auf den Beſitz von derartigen Utenſilien hin kann aber gegen Niemand Unterſuchung wegen Wilddieberei eingeleitet werden.“
„Dennoch iſt Born ein Hauptſpitzbube.“
„Das iſt zweifellos, und der Fuchs geht uns bei aller Vorſicht doch noch in die Falle,“ meinte der Oberförſter. „Aber jetzt wollen wir aufbrechen, ehe es zu ſpät wird, ich werde Ihnen unterwegs mittheilen, auf welche Weiſe wir heute das Wild zu fangen ſuchen wollen.“
Unter leiſen Geſprächen ſchritten die vier Männer in den Wald hinein.
Die Nacht war inzwiſchen gänzlich hereingebrochen; dicke Schneewolken hingen am Himmel und ſendeten ihren weißen Flaum herab auf die ſchlummernde Erde, die ſich behaglich in die wärmende Decke einzuhüllen ſchien. Tiefe Stille herrſchte im Walde, die nur dann und wann durch den heiſeren Schrei einer Eule unterbrochen wurde.
Vom Dorfe her ſchritt eine dunkle Geſtalt dem Forſte zu; ſie vermied ſorgfältig die Stellen die Weges, welche von dem aus den Häuſern ſtrahlenden Lichte erhellt waren, und ſuchte unverkennbar abſichtlich die einſamſten und dunkelſten Neben⸗ pfade auf. Ueber der Schulter des Mannes hing eine Flinte und an der Seite trug er eine große, aus Hanf geſtrickte Jagdtaſche, auf dem Kopfe aber eine Pelzmütze aus Dachsfell,
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deren Ohrenklappen herabgeſchlagen waren, ſo daß von dem Geſicht wenig mehr als die Naſenſpitze und die Augen ſicht— bar waren.
Geräuſchlos wie ein Geſpenſt der Nacht wanderte der Mann auf dem weißen Schnee dahin und betrat den Wald. Er mußte gut Beſcheid wiſſen, denn ſicheren Schrittes drang er vorwärts, augenſcheinlich einem beſtimmten Ziele entgegen. Der glänzende Schnee milderte die Finſterniß etwas und geſtattete, wenigſtens die nächſten Gegenſtände zu erkennen; aber ſchon in der Entfernung von wenigen Schritten verſchwamm Alles in graue, unbeſtimmte Formen.
Eine halbe Stunde mochte der Mann im Walde fort⸗ geſchritten ſein, als er endlich wieder Halt machte. Er be⸗ fand ſich an einer umfangreichen Lichtung, die in der warmen Jahreszeit wahrſcheinlich mit Gras bewachſen, jetzt aber mit Schnee bedeckt war. Hinter einem mächtigen Buchenſtamm faßte der Mann Poſto, nahm die Büchſe von der Schulter und machte ſie ſchußfertig.
Mit bewundernswerther Geduld ſtand er ſo eine lange Zeit, das Jagdglück ſchien ihm heute nicht günſtig zu ſein. Aber es ſchien nur ſo, denn plötzlich entdeckte das ſcharfe Auge des Jägers auf der Schneefläche dunkle Thiergeſtalten, die ſich beim Näherkommen als ein Rudel Rehe erwieſen. Ahnungs⸗ los kamen die Thiere näher und näher,— da erhellte ein Blitz das Dunkel, ein Knall folgte und ein ſtattlicher Rehbock ſprang hoch in die Luft, um gleich darauf leblos zu Boden zu ſinken. Eine Weile lauſchte der glückliche Schütze, ob ſich nichts Verdächtiges im Walde rege, aber Alles war ſtill, und geräuſchlos ſchritt er hinaus auf die Lichtung, um ſeine Beute auszuweiden und in Sicherheit zu bringen.
Plötzlich hielt er in ſeiner Beſchäftigung inne und ſeine Hände umfaßten krampfhaft das Gewehr. Sein geübtes Ohr hatte Tritte bemerkt, er war jedoch noch ungewiß, ob ſie von ſeinen grünröckigen Feinden herrührten, die möglicherweiſe der Schuß auf die richtige Fährte gelockt haben konnte, oder ob es harmloſe Waldarbeiter waren, die vielleicht ihr Lager auf⸗ ſuchen wollten.
Aber es war keine Täuſchung; deutlich konnte er jetzt er⸗ kennen, daß zwei Männer gerade auf die Stelle zuſchritten, wo er im Begriff ſtand, das erlegte Wild waidgerecht zu präpariren. Sie mußten ihn bereits bemerkt haben, zur Flucht war es daher zu ſpät; da indeß die Gegner nur zwei Mann ſtark waren, hoffte er mit ihnen fertig zu werden.
„Im Namen des Geſetzes fordere ich Euch auf, mir das Gewehr abzuliefern und mir als Gefangener zu folgen!“ rief einer der beiden Männer.
„Habt Ihr ſonſt noch einen Wunſch, ſo macht's kurz!“ höhnte der Wildſchütz.
„Wenn Ihr nicht augenblicklich meiner Aufforderung nach⸗ kommt, brauche ich Gewalt!“ ſchrie der Erſte wieder, in wel⸗ chem der Andere den Oberförſter erkannte, der jetzt mit ſeinem Begleiter einige Schritte vorwärts machte, um ſeine Drohung auszuführen.
„Zurück!“ donnerte der Wilderer;„wer noch einen Fuß breit näher kommt, iſt eine Leiche.“ Drohend wiegte er das Gewehr in den Händen.
Unentſchloſſen ſtanden die beiden Männer ſtill, während der Andere einige Schritte vorwärts that, um den Wald zu
gewinnen, in welchem eine weitere Verfolgung im Dunkel der 81


