Jahrgang 
2 (1879)
Seite
639
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Concordka. 639

Es kann uns doch Niemand belauſchen, auch Eure Tochter nicht? ziſchelte Helmert, ſich beſorgt umſehend.Die Frauenzimmer horchen gern, aber es giebt ſo Manches, was nicht für ihre Ohren taugt.

Hannchen wird nach den Ziegen ſehen, ſonſt iſt Niemand im Hauſe.

Der Bauer rückte ſo dicht an Born heran, daß er mit ſeinem Munde faſt deſſen Ohr berührte. Für dritte Perſonen unhörbar, ward die Unterhaltung geführt, lange und ein⸗ gehend ſprachen die beiden Männer mit einander. Endlich erhob ſich Helmert.

Alſo es iſt abgemacht, ſagte er noch immer mit ge⸗ dämpfter Stimme,ſobald das Geld an mich ausgezahlt wird, bekommt Ihr zweihundert Thaler. Mit Andreas werde ich in anderer Weiſe fertig, ſobald mir das Ballmann'ſche Gut zugeſchrieben iſt.

Ihr wollt das Beſitzthum kaufen? fragte Born.

Es muß in meine Hände kommen. Das Gut iſt ganz vortrefflich bewirthſchaftet, hat ausgezeichneten Boden und verzinſt ſich ſehr vortheilhaft. Ballmann kann die ſchuldigen zweitauſend Thaler jetzt, nach dem Brande, auf keinen Fall

ſchaffen, ich werde Subhaſtation beantragen und im Termin

andere Bieter fern zu halten ſuchen. Auf dieſe Weiſe denke ich billig dazu zu kommen, um ſo mehr, als mir meine For⸗ derung mit angerechnet werden muß.

Und was ſoll mit dem kleinen Gütchen werden, das Ihr jetzt beſitzt?

Das wird Andreas übernehmen und ich werde dabei auch nicht ſo genau rechnen. Eine Hand wäſcht die andere, Born, iſt's nicht ſo?

Ein rohes Lachen folgte dieſen Worten, dann reichte Hel⸗ mert dem Korhmacher die Hand und entfernte ſich.

Born trat an's Fenſter und ſchaute dem Davongehen⸗ den nach.

Zweihundert Thaler iſt ein ſchönes Stück Geld, ſagte er zu ſich ſelbſt,das Handwerk bringt uns jämmerlichen Lohn und die Jagd iſt jetzt zu gefährlich. Aber wenn die Sache herauskäme? Bah, das iſt nicht möglich, der einzige Beweis, die Quittung, iſt verbrannt, und Helmert und Andreas werden ſich wohl hüten, die Wahrheit zu ſagen. Eine Ge⸗ legenheit, ohne Mühe ſo viel Geld zu verdienen, findet ſich nicht wieder!

Er brannte ſich eine Pfeife an und ſtreckte ſich wieder aufs Sopha.

Helmert hatte offenbar recht, vom Arbeiten war Born allem Anſcheine nach kein großer Freund. 4

3. Kapitel.

Bei einem befreundeten Gutsbeſitzer fand Ballmann mit ſeiner Familie nach dem Brande vorläufiges Unterkommen. Der ihn betroffene ſchwere Verluſt hatte den geſunden Sinn des rüſtigen Mannes nicht zu beugen vermocht, und mit Zu⸗ verſicht ſah er der Zukunft entgegen. Den Wiederaufbau ſeines Gehöftes konnte er freilich nur mit fremder Hilfe, die ihn mit Kapitalien unterſtützen mußte, bewirken, da er ſelbſt ſeine baaren Gelder in großen, mitverbrannten Vorräthen angelegt hatte; aber er hoffte, mit Energie und unausgeſetzter Thätigkeit bald wieder dahin zu kommen, daß er nach und

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nach die Beträge zurückzahlen und dadurch ſein Grundſtück entlaſten konnte.

Es iſt eigenthümlich, daß das Schickſal zuweilen ſich ein Opfer auserſieht, das es mit unaufhörlichen Schlägen heim⸗ ſucht, während andererſeits auch wieder Fortuna ihre Aus⸗ erwählten mit Glücksgütern geradezu überſchüttet, ſelbſt wenn ſie es am wenigſten verdienen. Das Glück iſt blind, ſagt ein altes deutſches Sprichwort, und es hätte hinzufügen können: das Unglück iſt blind und taub zugleich, damit es den Jam⸗ mer der Gequälten nicht vernehmen kann.

Die alte Großmutter lag auf dem Schmerzenslager, der furchtbare Schreck hatte ſie niedergeworfen. Sie bedurfte der aufopferndſten Pflege, und ihr Sohn theilte ſich mit ſeiner Gattin in die Nachtwachen am Bett der Schwerkranken. Seit jenem Tage, der den Wohlſtand Ballmann's vernichtete, waren mehrere Wochen verfloſſen, und ſchon waren emſige Hände auf der Brandſtätte mit Wegräumung des Schuttes beſchäftigt. Der Termin mit Helmert hatte ſtattgefunden, dieſer als Be⸗ weismittel die Schuldverſchreibung produzirt, Ballmann aber eingewendet, daß er die ſtreitigen zweitauſend Thaler bereits vor fünf Jahren an den Vater des Klägers zurückgezahlt und von dieſem eine Quittung erhalten habe, die freilich beim letzten Schadenfeuer, das Ballmann's Gut einäſcherte, mit vernichtet worden ſei. Das Gericht erkannte daher auf einen Erfüllungseid; der Beklagte ſollte ſchwören, daß er die frag⸗ liche Summe wirklich gegen Quittung erlegt habe, letztere aber in der angegebenen Weiſe vernichtet worden ſei. Dieſen Eid leiſtete Ballmann, und der Kläger ward demgemäß mit ſeinen Anſprüchen abgewieſen und in die Koſten verurtheilt.

Wenige Tage ſpäter erhielt Ballmann eine Vorladung von dem Staatsanwalt; derartige Citationen find ſtets ge⸗ eignet, ſelbſt das beſte Gewiſſen zu beunruhigen, beſonders aber wurde Frau Katharine durch dieſelbe in Angſt verſetzt.

Weißt Du denn nicht, Ernſt, was die Veranlaſſung ſein könnte? fragte ſie ihren Gatten.

Ich bin mir keines Unrechts bewußt, erwiderte dieſer zuverſichtlich,auf dem Beſtellzettel iſt der Grund nicht an⸗ gegeben; ich vermuthe aber, daß die Vernehmung mit unſerem Brandunglücke zuſammenhängt.

Das gewiß nicht, Ernſt. Wie ſollte man jetzt, nach Wochen, auf den Gedanken kommen, zu bezweifeln, daß wirk⸗ lich der Blitz unſer Gut in Brand ſteckte? Alle Welt weiß, daß durch dieſes Unglück uns kaum zu überwindende Verluſte zugefügt worden ſind, es wird alſo doch wohl Niemand glauben können, wir ſelbſt ſeien die Veranlaſſung zu dem Feuer geweſen.

Es giebt genug ſchlechte Menſchen, und auch wir haben Feinde und Neider, erwiderte Ballmann.Ein hingewor⸗ fenes böswilliges Wort iſt oft die Urſache zu Gerüchten, die der Behörde Veranlaſſung zum Einſchreiten geben.

Die Frau ſchüttelte den Kopf.

Und wenn es nur das betrifft, bemerkte ſie erleichtert, ſo können wir ruhig ſein. Hat ſich denn von der Kaſſette noch keine Spur im Schutte gefunden?

Nicht die geringſte, obwohl an der Stelle, wo ſie liegen müßte, bereits vollſtändig aufgeräumt iſt. Freilich wird die Gluth das Eiſen des kleinen Kaſtens geſchmolzen haben, aber auch hiervon war trotz ſorgfältiger Nachforſchungen nichts zu bemerken.