Jahrgang 
2 (1879)
Seite
638
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Concordia.

2. Kapitel.

Etwa eine Viertelſtunde abſeits vom Dorf ſtand eine kleine, halbzerfallene Hütte, deren morſches Strohdach an ver⸗ ſchiedenen Stellen dem Sonnenſchein und Regen freien Zutritt geſtattete. Ein kleiner Bach ſchlängelte ſich in zahlreichen Windungen an dem Häuschen vorüber und alte, verwitterte Weiden ſchauten träumeriſch in das kryſtallklare Waſſer, in welchem ſich flinke Forellen ſpielend herumtummelten. Die dichtbelaubten Bäume verdeckten die Hütte faſt gänzlich, ſo daß man ihr Vorhandenſein erſt gewahrte, wenn man bereits dicht vor ihr ſtand.

Drinnen, in dem engen, niedrigen Stübchen lag auf einem alten, zerriſſenen Sopha ein Mann mit wettergebräunten Zügen ausgeſtreckt und hielt Sieſta. Angefangene, halb und ganz vollendete Korbmacherarbeiten lagen in der Stube um⸗ her, ein Bündel Weidenruthen lehnte in der Ecke und ver⸗ ſchiedenes Korbmacherwerkzeug deutete außerdem darauf hin, daß der Bewohner des Häuschens dieſes Handwerk ausübe. Eine halboffene Thür geſtattete den Blick in ein kleines Nebengemach, in welchem ein ſauber überzogenes Bett und an den Wänden mehrere Flinten, Hirſchfänger und anderes Jagd⸗ geräth ſichtbar war, das zu den friedlichen Handwerksinſignien in der Wohnſtube nicht recht ſtimmen wollte.

Der Mann auf dem Sopha ſchien in Nachdenken verſunken zu ſein; mit halbgeſchloſſenen Augen lag er da und bemerkte es nicht, daß ein junges Mädchen in's Zimmer trat, deſſen friſche, angenehme Züge in dieſer ärmlichen Umgebung doppelt auffielen. Es ſchien, als ſcheue ſie ſich, den Daliegenden in ſeinen Träumen zu ſtören; lautlos ſchritt ſie zum Fenſter und nahm eine Arbeit zur Hand.

Plötzlich richtete ſich der Mann auf, ſeine Blicke ſchweiften im Zimmer umher und blieben endlich auf der Mädchengeſtalt haften.

Da biſt Du ja, Hannchen! ſagte er mit dem Ausdruck der Ueberraſchung, aber in ſanftem, wohlwollendem Ton.

Ich habe etwas grünes Futter für unſere Ziegen beſorgt, Vater, erwiderte die Tochter, indem ſie ihr Geſicht abwandte, um die aufſteigende Röthe zu verbergen.

Und haſt vermuthlich Fritz getroffen und mit ihm ge⸗ plaudert?

Hannchen nickte verlegen.

Nun, ich habe ja gegen den Burſchen nichts, Kind, aber Eure Liebſchaft iſt nur ganz ausſichtslos. Der alte Ballmann

iſt ſeit dem Brande ſeines Gutes ruinirt; will er wieder auf⸗ bauen, ſo muß er ſich bis über die Ohren in Schulden ſtecken und das Beſitzthum wird früher oder ſpäter unter den Hammer kommen. Was aber die Ballmann's dann anfangen wollen, iſt eine ſchwer zu beantwortende Frage; ſo viel ſteht feſt, zu Handarbeitern oder Knechten ſind ſie verdorben, hochmüthig waren ſie immer.

Aus der Bruſt des Mädchens rang ſich ein ſchwerer Seufzer.

Da lob' ich mir den Andreas, fuhr der Mann fort, der wird's zu etwas bringen. Hat ſich ein hübſches Sümm⸗ hen geſpart, rührt ſich und ſcheut ſich keiner Arbeit, führt auch eine vortreffliche Büchſe und hat ſchon manchem feiſten Rehbock eine Kugel zwiſchen das Gehör geſchickt, daß er zu⸗ ſammenbrach wie ein Kartenhaus vor dem Windhauch. Wußte

immer die Grünröcke irre zu führen, daß ſie ihm nichts an⸗ haben konnten, wenn er'mal einen nächtlichen Pürſchgang vorhatte. Ich begreife Dich nicht, Mädchen, fügte er leb⸗ hafter werdend hinzu,daß Du dem Andreas, der ſich ſo viel Mühe giebt, Dir zu gefallen, ſo ſchroff entgegentrittſt; er geht jetzt, wo es bei Ballmann nichts mehr für ihn zu thun giebt, mit dem Gedanken um, ein Gütchen zu kaufen, und es hängt nur von Dir ab, ſeine Hausfrau zu werden und Dich zur Gebieterin von ein paar Dutzend lebender Weſen, Men⸗ ſchen und Vieh, zu machen.

Hannchen ſah ihrem Vater mit einem vorwurfsvollen Blick in's Geſicht.

Du kannſt das unmöglich im Ernſt wollen, Vater, rief ſie erregt;dieſen finſteren, unheimlichen Menſchen fürchte ich, denn ſein verſchloſſenes Weſen deutet auf keinen guten Charakter. Fritz hat mich geliebt, als er noch wohlhabend war, und ich müßte mich ſelbſt verachten, wenn ich jetzt, nach⸗ dem das Unglück über ihn hereingebrochen iſt, ihn treulos ver⸗ laſſen ſollte.

Der Vater des Mädchens war aufgeſtanden und einige Male im Zimmer auf⸗ und abgegangen. Dann ſtrich er ſeiner Tochter mit der Hand über das volle und weiche Haar und ſagte:

Du weißt, Hannchen, daß ich Dir in ſolchen Dingen freie Hand laſſe, aber freuen würde ich mich, wenn Du zur Einſicht kämſt und das beſte Theil erwählteſt. Das iſt aber ohne Frage Andreas!

In dieſem Augenblick klopfte es leiſe an die Thür; gleich darauf trat ein Mann in unſauberer Bauerntracht herein und reichte dem jungen Mädchen und ihrem Vater die Hand.

Guten Tag, Hannchen, guten Tag, Born, rief er in vertraulichem Tone, der erkennen ließ, daß er hier ſchon oft verkehrt haben mußte.ZIhr ſeid heute fleißig geweſen, wie dieſe Arbeiten zeigen; wird Euch ſauer genug angekommen ſein, Born; Arbeiten war nie Eure ſchwache Seite.

Wenn Ihr dieſe Arbeit meint, Helmert, entgegnete der Korbmacher,ſo mögt Ihr recht haben. Ich war von jeher lieber draußen im Wald und ſpürte dem Wild nach, als daß ich in dumpfiger Stube Weiden flocht. Aber was hilft's, die Zeiten ſind ſchlecht, und leben will der Menſch. 8

Ja, ja, warf Helmert ein,es iſt gegen früher Manches anders geworden; ſeit der neue Förſter Tag und Nacht im Freien liegt und ſein Aufſichtsperſonal verdoppelt hat, iſt für einen Jäger ohne Jagdkarte nicht mehr viel zu holen.

Hannchen ſtand auf und verließ das Zimmer. Das Ge⸗ ſpräch hatte eine Wendung genommen, die ſie peinlich be⸗ rührte.

Der Angekommene rückte näher an Born heran.

Wir ſind jetzt allein, ich habe mit Euch zu reden, flüſterte er.Ich weiß ein kleines Geſchäft für Euch, das ein paar hundert Thälerchen abwirft.

Born horchte auf.Was habe ich dafür zu thun? fragte er.

O, nichts weiter, als einen Gang nach der Stadt und 1

dort in ein gewiſſes, Euch recht gut bekanntes Gebäude. Ihr könnt den Weg gleichzeitig mit Andreas machen, der um die⸗ ſelbe Zeit in der Stadt ſein will.

Ihr macht mich neugierig, Helmert; laßt hören, um was es ſich handelt, drängte Born.