Jahrgang 
2 (1879)
Seite
637
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Blitz, Donner auf Donner,

gewiß bemerken und Alles aufbieten, um das Heu trocken in die Scheune zu bringen.

Andreas war ein meitläufiger Verwandter der Ballmann⸗ ſchen Familie und verrichtete die Funktionen eines Aufſehers über das Geſinde, wobei er freilich, namentlich in der Erntezeit, auch ſelbſt mit kräftig Hand anlegen mußte. Er war ein mürriſcher, verſchloſſener Menſch, der nur das Nöthigſte ſprach und ſich an keines der Ballmann'ſchen Familienglieder näher angeſchloſſen hatte, obgleich ihm dieſe ſtets freundſchaftlich entgegengekommen waren. Sein Vater hatte früher ſelbſt ein anſehnliches Gut beſeſſen, daſſelbe aber vernachläſſigt und war endlich gänzlich verarmt. Ein bitterer Groll gegen Alle, die beſſer ſituirt waren als er, hatte in dem jungen Mann Wurzel gefaßt und verleitete ihn oft zu Ungerechtigkeiten gegen ſeine Verwandten, die ihn aber deſſenungeachtet mit Rückſicht und Wohlwollen behandelten.

Da kommt Andreas mit den Wagen, rief der Guts⸗ beſitzer erfreut,die Leute haben gut gearbeitet. Wenn es nicht der Reſt des draußen lagernden Heues iſt, ſo kann doch nur noch wenig zurückgeblieben ſein. Diesmal wären wir

dem Wetter noch zuvorgekommen!

Es iſt aber auch die höchſte Zeit! meinte Frau Katharine. Seht Ihr, wie ſich die Wolken zuſammenballen, es kann jeden Augenblick losgehen.

In der That hörte man bereits jenes dumpfe, geheimniß⸗ volle Brauſen und Grollen, das ſchweren Gewittern voraus⸗ zugehen pflegt. Bleiern lagerte die glühende Atmoſphäre auf der Natur, kein Blatt rührte ſich, matt und müde hingen die

Blumen ihre duftigen Häupter zur Erde herab, als ſuchten

ſie vor dem nahenden Wetter ein ſchützendes Obdach. Aengſt⸗ lich flatterten die Vögel ihren Neſtern zu und die luſtig im Sonnenſchein ſummende und ſchwirrende Inſektenwelt ſuchte ihre Schlupfwinkel auf, um der drohenden Gefahr zu ent⸗ rinnen. Am weſtlichen Himmel aber thürmten ſich blauſchwarze Wolken über einander, durchzogen von breiten, ſchmutziggelben Streifen, und beſorgten Blickes ſchaute der Landwirth empor, ob dieſe fahlen Luftgebilde ihren verderbenbringenden Inhalt, Hagel, wohl auf ſeine Saaten entladen würden.

Da rauſchte es erſt leiſe, dann immer mächtiger in den Wipfeln der Bäume, die Ballmann's Gut umgaben. Immer höher zogen die ſchwarzen Wolken herauf, die Sonne ver⸗ finſternd, daß es trotz der frühen Nachmittagsſtunde ſo düſter

wurde, als wäre das leuchtende Tagesgeſtirn bereits hinter dem

Horizont verſunken. Plötzlich brach der Sturm mit furchtbarer Gewalt los, Alles in Staub hüllend; wie dienſtbefliſſene Höflinge vor dem hohen Gebieter, beugten ſich die Pappeln vor der Wuth des Orkans, der eine Wolke von Blättern und Aeſten vor ſich hertrieb und Alles, was ihm nicht zu wider⸗ ſtehen vermochte, niederwarf oder fortführte. Blitz folgte auf es war, als lieferten ſich die Dämonen der Unterwelt dort oben in dem ſchwarzen Gewölk eine Schlacht auf Leben und Tod.

Da zuckte ein gelber Blitz herab, daß die Wohnſtube des Ballmann'ſchen Gutes auf einen Moment taghell erleuchtet wurde, und in derſelben Sekunde folgte der Feuerſchlange ein betäubender Donner, der in dem Sparrenwerk des Gebäudes fortzupraſſeln ſchien.

Gott ſei uns gnädig! flüſterte die Großmutter, die Hände faltend.

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Das war ein Schlag, erklärte der Landwirth, indem er an's Fenſter trat, um zu ſehen, ob die Wirkungen des Blitzes wahrnehmbar ſeien.

Die Thür ward aufgeriſſen und ein Knecht ſtürzte in's Zimmer.

Es brennt, das Dach ſteht bereits im Flammen, es hat eingeſchlagen! rief er athemlos in angſtvoll hervorgeſtoßenen Sätzen, dann eilte er wieder fort, um ſeine Habſeligkeiten zu retten.

Eine Minute ſtanden die Glieder der Ballmann'ſchen Familie wie betäubt; der Gutsbeſitzer ermannte ſich zuerſt wieder.

Fort von hier, wo wir keinen Augenblick mehr ſicher ſind! rief er, indem er ſeine alte Mutter faßte und hinaus⸗ führte.Greift zunächſt nach dem Wichtigſten; Du, Fritz, nimmſt die Bücher und ſonſtigen Papiere und Du, Katharine, greife nach den Werthſachen. In einem Augenblick bin ich wieder hier. Er eilte mit ſeiner Mutter einem benachbarten Gehöfte zu, um ſie dort in Sicherheit zu bringen; in wenigen Minuten war er wieder zurück.

Mit raſender Schnelligkeit hatte das Feuer um ſich ge⸗ griffen, das ausgetrocknete Holzwerk gab ihm reichliche Nahrung, und der noch immer ziemlich heftige Wind ſchürte die Flammen mehr an. Ballmann wollte die Treppe hinaufſtürzen, um aus den oberen Zimmern noch zu retten, was möglich war, aber dicker Qualm und eine furchtbare Hitze drang ihm entgegen, ſo daß es unmöglich erſchien, bis zu den bereits brennenden Stufen vorzudringen, viel weniger auf denſelben bis in das obere Stockwerk zu gelangen.

Inzwiſchen war die einzige Spritze des Dorfes heran⸗ gekommen und hatte ihre Thätigkeit begonnen; ſie erwies ſich aber als völlig unzureichend gegenüber dem immer wüthender um ſich greifenden Element. Die Gutsgebäude waren rettungs⸗ los verloren, mit Aufopferung hatten die Knechte unter der Leitung Fritzens wenigſtens das Vieh zu retten vermocht; alles Andere mußte preisgegeben werden. Nur Andreas war zum großen Erſtaunen Ballmanun's nicht ſichtbar, einer der Knechte hatte ihn, bald nachdem der Blitz gezündet, die Treppe herabkommen und zum Hauſe hinausſtürmen ſehen; ſeitdem war er verſchwunden. Erſt als das Balkenwerk des letzten Stallgebäudes zuſammenſtürzte und eine majeſtätiſche Funken⸗ garbe an ſeiner Stelle emporſtieg, kam Andreas zurück.

Ich war drüben in Gabelsberg, um die Spritze zu re⸗ quiriren, ſagte er mürriſch auf Ballmann's vorwurfsvollen Blick;aber dort hat das Gewitter noch härter aufgetroffen als bei uns, ſo daß die Gemeinde ſich weigerte, die Spritze fortzulaſſen.

Der Gutsbeſitzer reichte ſeinem Verwandten ſtumm die Hand, Andreas aber that, 8 bemerke er es nicht, und kehrte ihm den Rücken. In ſeinem unſchönen Geſicht lagerte ein unverkennbarer Ausdruck von Schadenfreude.

Als die Sonne endlich das Gewölk durchbrach und mit ihren goldenen Strahlen die erfriſchten, noch mit perlenden Regentropfen garnirten Bäume und Sträucher für die aus⸗ geſtandene Angſt tröſten zu wollen ſchien, beleuchtete ſie auch einen qualmenden Trümmerhaufen. Das ſtattliche Gehöfte Ballmann's war verſchwunden und thränenden Auges umſtanden die Bewohner des Gutes die Stätte, welche noch vor wenig Stunden eine glückliche und zufriedene Familie umſchloß.

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