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636 Concordia.
Er nahm eins der Papiere, trat damit an's Licht und prüfte es ſorgfältig nach allen Seiten, nachdem er ſeinen gol⸗ denen Klemmer feſt auf die Naſe gedrückt hatte.
„Mit dieſem Scheine führe ich den Finanzminiſter ſelbſt hinter's Licht!“ rief er im Tone der Anerkennung.„Ihr habt Eure Sache gut gemacht! Aber weshalb fabrizirt Ihr jetzt dieſe grünen Noten, anſtatt der früheren blauen?“
„Ich ſagte Dir ſchon bei meinem letzten Beſuche auf Deinem künftigen Grafenſchloß, daß die Polizei Lunte ge⸗ rochen hätte,“ antwortete der rothe Barthel.„Irgend ein ſcharfſichtiger und mißtrauiſcher Kaſſenmenſch hatte entdeckt, daß unſere blauen Noten nicht in der Staatsdruckerei her⸗ geſtellt ſind, und Lärm geſchlagen. Man glaubte, vermuthen zu müſſen, daß die Fabrikation hier in der Reſidenz erfolgt ſei, wenn man auch zum Glück über das Wo und Wie keiner⸗ lei Anhalt beſaß. Demnach hielten wir es für gerathen, eine Zeit lang zu pauſiren und bei Wiederaufnahme unſerer Arbeit eine andere Gattung Noten zu wählen, da die blauen noch immer mit argwöhniſchen Augen betrachtet werden. Die Be⸗ kanntſchaft Trautmann's mit einigen Polizeibeamten kommt uns vortrefflich zu ſtatten, wir werden dadurch fortwährend auf dem Laufenden erhalten.“
„Nun, hier findei Euch der Satan ſelbſt nicht!“ lachte Thomas.„Obgleich ich die Wünſchelruthe beſitze, die mir die Pforte Eures Palaſtes öffnet, wurde es mir doch faſt unheimlich, als ich nach längerer Zeit wieder den Weg hier⸗ her betrat.“
Er nahm von dem Packet eine größere Anzahl Wexth⸗ papiere, verbarg dieſelben in ſeiner Brieftaſche und gab den Reſt zurück.
„Aber jetzt kommt, Kinder!“ ſagte er aufgeräumt,„ich ſehne mich aus dem feuchten Biberbau hinauf an's Tages⸗ licht, und ein Glas Wein wird wohl Keinem von uns etwas ſchaden.“
„Einverſtanden!“ entgegnete der Stößer,„in einer Stunde treffen wir uns bei Falſetti. Der alte graue Italiener hat zwar unverſchämte Preiſe, aber er führt die beſten Auſtern in der Reſidenz.“
„Wir dürfen das„Eichhorn“ nicht zu gleicher Zeit ver⸗ laſſen, es könnte auffallen,“ beſtimmte der Igel.„Thomas mag mit dem Stößer vorausgehen, ich folge mit dem rothen Barthel nach.“
Die beiden Erſtgenannten betraten den Boden eines Auf⸗ zuges; auf einen Druck ſetzte ſich der Mechanismus in Be⸗ wegung und langſam ſchwebten der Legationsrath und Stößer aufwärts. Der Apparat war eine Vorſichtsmaßregel gegen einen etwaigen Ueberfall der Polizei. Oben angelangt, um⸗ fing ſie ein kleiner gemauerter Raum mit einem ſchmalen Fenſter am oberen Theile der Wand; der Stößer zog einen Schlüſſel aus der Taſche, öffnete die niedrige Thür und die Beiden traten hinaus in den Hof des Gaſthauſes zum Eich⸗ horn. Sie ſchritten nach dem anſtoßenden Garten und ge⸗ langten durch eine hinter Buſchwerk verſteckte Pforte in's Freie.(Fortſetzung folgt).
Schuld und Anſchuld.
Erzählung von Woldemar Berndt.
1. Kapitel.
„Du kannſt Dich darauf verlaſſen, Katharine, die Ent⸗ ſcheidung muß für uns günſtig ausfallen. Morgen iſt der Termin und das Landgericht muß Helmert mit ſeiner Forderung zurückweiſen, wenn es meine Beweismittel geprüft hat.“
„Ich weiß nicht, Ernſt, mir iſt vor dem Ausgang der Sache ſo bang. Helmert iſt Alles zuzutrauen, er iſt in Noth, eine Hypothek iſt ihm gekündigt und er weiß nicht, wo er das Geld hernehmen ſoll. Hätteſt Du Dir doch nur die Schuldverſchreibung zurückgeben laſſen!“
„Der alte Helmert, der Vater des Klägers, war ein Ehrenmann, er hatte den Schuldſchein verlegt, als ich ihm das Geld zurückzahlte, und ſtellte mir eine Quittung aus mit dem Verſprechen, mir ſofort das Dokument zurückzugeben, wenn es ſich finden ſollte. Der Tod überraſchte ihn, und ſein Sohn, dem er das Gut hinterließ, fand die Obligation ſpäter wohlverwahrt in alten Familienpapieren. Es iſt frei⸗ lich nicht beſonders nachbarlich gehandelt, daß der junge Helmert auf Grund dieſes im Nachlaß ſeines Vaters gefundenen Schuldſcheines den längſt bezahlten Betrag von zweitauſend Thalern noch einmal fordert und ſeine vermeintlichen Anſprüche ſogar gerichtlich geltend gemacht hat; aber was thut's— ich habe die eigenhändige Quittung ſeines Vaters in Händen, deſſen Handſchrift er anerkennen muß.“
„Du biſt ſehr zuverläſſig, Ernſt. Glaubſt Du denn, daß Helmert nicht darauf vorbereitet iſt, daß Du die Quittung
(Nachdruck verboten.) präſentirſt, und ſich für dieſen Fall vorgeſehen hat? Helmert iſt ſchlau, Ernſt, und kein Mittel iſt ihm zu ſchlacht; ſieh' Dich wenigſtens vor, daß Du in keine Falle gehſt.“
„Sei unbeſorgt, Katharine, Recht muß Recht bleiben.“
Das vorſtehende kurze Geſpräch ward in der Wohnſtube eines ſtattlichen Bauernhauſes geführt, das ziemlich in der Mitte des großen Dorfes auf einer kleinen Anhöhe lag. In der Stube befanden ſich der Eigenthümer des Gutes, Ernſt Ballmann, ſeine Gattin Katharine, der älteſte Sohn Fritz und die Mutter des Eigenthümers, eine Matrone von faſt achtzig Jahren. Letztere ſaß in einem mit Leder bezogenen Polſterſtuhl an dem niedrigen Fenſter und ſchaute zwiſchen den Blumen und Topfgewächſen hindurch auf die draußen bis dicht an das Wohnhaus herantretenden üppigen Saatfelder; Ballmann hatte ein Zeitungsblatt zur Hand genommen, ſeine Frau kramte in einem mit Wäſche gefüllten Kommodenkaſten herum und Fritz ſaß über den Wirthſchaftsbüchern ſeines Vaters und ſchrieb und rechnete.
„Es giebt heute Gewitter,“ ſagte die Alte im Lehnſtuhl,„mir liegt es wie Blei in den Füßen, das untrüglichſte Merkmal!“
„Du biſt kein ſchlechter Wetterprophet, Großmutter,“ er⸗ widerte Fritz, und wenn Du auch diesmal recht haben ſollteſt, müßte ich hinausgehen und den Leuten in der Heuernte Eile empfehlen.“
„Nicht nöthig, Fritz,“ ſagte Ballmann,„Andreas iſt zu⸗ verläſſig und aufmerkſam, er wird das herannahende Gewitten
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