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Concordia. 632
„Ihr wißt, daß ich auf dem Lande lebe und nur ſelten nach der Stadt komme, Trautmann! Aber— was thut der Biber im Bau?“
Der Andere lächelte verſtändnißinnig, und in derſelben dunklen Redeweiſe anwortete er:
„Der Biber ruht und raſtet nicht.“
Es war dies offenbar nur eine dem Eingeweihten ver⸗ ſtändliche Parole.
„Führt mich zum Bau,“ ſagte der Fremde.
„Ihr findet die Pfade eben und ohne Hinderniß, Ihr be⸗ dürft alſo keines Führers.“
„Gut, auf Wiederſehen.“
Der Fremde trat an das Büffet, berührte eine geſchnitzte Arabeske und ſofort ſprang geräuſchlos eine niedrige Thür auf, in welcher der Mann verſchwand. Augenblicklich ſchloß ſich die Thür wieder und nicht die geringſte Spur war von dem geheimnißvollen Eingange mehr ſichtbar.
Tiefe Finſterniß umgab den Eingetretenen, aber mit voller Sicherheit, die ſeine genaue Bekanntſchaft mit dem dunklen Orte bewies, ſchritt er vorwärts, bis eine zweite Thür ihm den Weg verſperrte. Er bückte ſich zur Erde und drückte auf einen, etwa eine Hand breit vom Fußboden entfernten Knopf. Langſam drehte ſich die ſchwere eichene Thür in den Angeln und der Fremde trat ein. Gleichzeitig ward der ſchwirrende Ton einer elektriſchen Klingel hörbar, die in einiger Ent⸗ fernung, aber doch deutlich vernehmbar anſchlug.
Nach etwa vierzig Schritten hemmte abermals eine Thür das weitere Vordringen des im Finſtern Tappenden. Er lauſchte eine Weile, aber Grabesſtille umgab ihn. Beruhigt zog er eine kleine ſilberne Pfeife hervor und ließ einen kurzen, durchdringenden Pfiff ertönen.
Es war derſelbe Pfiff, wie ihn der Legationsrath Stüber an jenem Abende nach der Unterredung mit der Gräfin im Park von Gatterſee vernommen hatte.
Nach einigen Minuten wurde das Signal erwidert, gleich⸗ zeitig erſchallten im Innern drei leiſe Schläge an die Thür.
Der Fremde neigte den Mund an das Schlüſſelloch, von dem er einen Schieber beſeitigte, und ſagte leiſe, aber mit deutlicher Stimme:
„Was thut der Biber im Bau?“
„Der Biber ruht und raſtet nicht,“ erklang es hinter der Thür; ein leiſes Knacken, wie wenn ein eiſerner Riegel zurück⸗ geſchoben würde, wurde hörbar und die Thür ging auf, wie von unſichtbarer Hand geleitet.
Ein mäßig großer Raum empfing den Eingetretenen. Eine feuchte, dumpfe Kellerluft herrſchte hier und einige Petroleum⸗ lampen verbreiteten ein unheimlich rothes Licht, das die Gegen⸗ ſtände in dem Gemach nur ſchwer unterſcheiden ließ. Die Beſtimmung deſſelben konnte ein Uneingeweihter unmöglich be⸗ zeichnen: man konnte es für die Werkſtätte einer Kunſtanſtalt, für das Laboratorium eines Chemikers oder endlich für das Atelier eines Alchymiſten halten, wie es durch Sage und Ge⸗ ſchichte der Gegenwart überliefert worden iſt. Flaſchen und Gläſer mit chemiſchen Subſtanzen waren auf einer langen Tafel aufgeſtellt, auf einem Herde brannte ein munteres Feuer, über welchem ein Schmelztiegel ſtand, deſſen Inhalt ſiedete und ziſchte: Spirituslampen, Löthrohre und ähnliche In⸗ ſtrumente lagen umher und in der Mitte des Raumes ſtand
eine kleine Maſchine, dem Anſcheine nach eine Art Buch⸗ oder Steindruckpreſſe.
Das Zimmer war leer, nirgends ein menſchliches Weſen zu erblicken.
„Nun, in der That, die Vorſichtsmaßregeln ſind über alles Lob erhaben, eine Ueberraſchung Unberufener gehört geradezu zur Unmöglichkeit!“ ſagte der Fremde lächelnd zu ſich ſelbſt, indem er abermals das ſilberne Pfeifchen ergriff und ihm drei kurze, ſcharfe Töne hintereinander entlockte. Es war, als öffneten ſich wie mit Zauberſchlag die Wände, denn plötzlich ſtanden drei Männer in dem vorher ſo öden, einſamen Raume.
„Meiner Treu, der ungläubige Thomas!“ rief einer der Männer lachend;„ich hätte wahrhaftig nicht geglaubt, daß ſich der Herr Legationsrath noch einmal in den Bau des Bibers verirren würde.“
„Das Landleben mag doch auch ſeine Schattenſeiten haben, namentlich für einen ſo luſtigen Lebemann, wie Thomas es iſt,“ warf eine bekannte Stimme ein, die dem rothen Barthel angehörte.
„Nun, wenn man eine reiche Braut damit erkaufen kann, heuchelt man ſchon ein paar Monate lang den Naturfreund, ſchwärmt beim Anblick langweiliger Saatfelder, geräth von dem Gezwitſcher einer Grasmücke in heilige Verzückung und ſchwört zehn körperliche Eide, daß es nichts Schöneres und Edleres gebe, als Jasminduft, Mondſchein und Nachtigallen⸗ ſchlag!“
„Der Igel ſcheint aus Erfahrung zu ſprechen,“ höhnte der rathe Barthel,„er weiß ganz genau, auf welche Weiſe man ſich bei ſentimentalen Weibern inſinuirt.“
„Laßt doch endlich dieſes unnütze Geſchwätz!“ rief der Le⸗ gationsrath, oder, wie er hier genannt wurde, Thomas, ärger⸗ lich dazwiſchen,„ſagt mir lieber, ob Ihr einige von unſeren Bilderbogen auf Lager habt, ich kann ſie verdammt nöthig brauchen.“
„Und wenn wir nun„Nein“ ſagten, was dann?“ ſpottete
einer der Spießgeſellen.
„Laß Deine ſchlechten Witze, Stößer, und rücke heraus; nachher haben wir ohnedies noch eine andere Angelegenheit zu beſprechen,“ erwiderte Stüber mit einem gewiſſen Nach⸗ druck.
Es war nicht zu leugnen, die Bezeichnungen Igel und Stößer waren treffend gewählt; es lag nicht blos eine gewiſſe Berechtigung, ſondern auch ein hoher Grad von Humor in dieſen Spitznamen. Der„Igel“ zeichnete ſich durch einen Haar⸗ ſchmuck aus, der eine überraſchende Aehnlichkeit mit dem Stachelfelle des gleichnamigen Thieres hatte, während der „Stößer“ mit ſeiner ſchiefen, weit vorſpringenden Naſe der flach gedrückten Stirn und dem auffallend entwickelten Hinter⸗ kopfe in der That ein raubvogelartiges Anſehen hatte.
„Nun, ein paar der kleinen Bildchen, nach denen Du ſolche Sehnſucht haſt, laſſen ſich vielleicht noch auftreiben,“ ſagte der Stößer lächelnd, indem er in eine Ecke des Zimmers ſchritt, einen Stein aus dem Pflaſter des Fußbodens aufhob und aus der Oeffnung ein Packet in Papier hervorlangte.
„Alle Wetter!“ ſagte der Legationsrath, als ſich der In⸗ halt des Packetes als eine bedeutende Anzahl Banknoten erwies,„das iſt ja ganz neues Fabrikat! Laß ſehen, wie es gelang.“
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