634 Concordia. 8
Thorheit belächeln und ſich nach einer ſoliden, ſtandesgemäßen Verbindung umſehen—“
„Wenn uns nicht die Bahnvärterstochter einen Strich durch die Rechnung macht,“ fiel Stüber raſch ein.„Das Mädchen gilt für klug und energievoll, ſie könnte leicht Mittel und Wege finden, um eines ſchönen Tages durch ihr Wieder⸗ erſcheinen zu überraſchen. Sie müſſen daher Graf und Gräfin von der Erfolgloſigkeit unſerer Nachforſchungen zu überzeugen ſuchen und, wenn uns dies gelungen iſt, das Zuſtandekommen der Doppelheirat beſchleunigen; haben wir erſt dieſes Ziel er⸗ reicht, ſo iſt es ziemlich gleichgiltig, ob das Mädchen zurück⸗ kehrt, der Graf iſt für ſie doch verloren.“
„Ganz meine Anſicht, Legationsrath,“ ſagte Herr von Waltersdorf.„Es kommt jetzt Alles darauf an, das Mädchen ſo lange fern zu halten, bis der Graf ſie vergeſſen hat und es Eliſen gelungen iſt, ihn für immer in Hymens Feſſeln zu ſchmieden. Und ich denke, der Stößer wird ſeine Schuldigkeit thun; bis zu ſeinem einſamen Horſt dringt ſchwerlich ein Späherauge, und einen zuverläſſigeren Wächter konnten wir ſchwerlich finden.“
„Vergeſſen Sie nicht, Eliſe jetzt fleißig nach Gatterſee zu ſenden,“ bemerkte Stüber, indem er ſich erhob und ſeinen Hut ergriff.„Der Graf braucht Zerſtreuung, ſeine Gedanken müſſen von der Verſchwundenen abgelenkt werden, die Vor⸗ züge der feinen Erziehung der Baroneſſe müſſen dem Grafen den Unterſchied zwiſchen den beiden Mädchen vor Augen führen, und ſobald es Eliſen gelungen iſt, den jungen Mann für ſich zu intereſſiren, haben wir gewonnen. Die Baroneſſe iſt ein⸗ geweiht, ſie bedarf keiner Inſtruktion für ihr Verhalten.“
Er reichte dem alten Herrn die Hand zum Abſchiede und eine Minute ſpäter ritt er die Dorfſtraße hinab auf Gatter⸗ ſee zu.
Mit ſchwerfälligen Schritten ging der Baron im Zimmer auf und ab, nachdem ihn ſein Gaſt verlaſſen hatte.
„Dieſer Legationsrath giebt ſich den Anſchein, als habe er über das Wohl und Wehe von mir und Eliſe zu verfügen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Seine Anordnungen klingen dikta⸗ toriſch, als könne von einer anderen Meinung oder gar Wider⸗ ſpruch keine Rede ſein, er befiehlt, und wir— nun, wir ge⸗ horchen einfach. Freilich haben wir keine andere Wahl, ſeine Pläne ſind auch die unſerigen, und die Art, wie er ſie zu er⸗ reichen ſucht, iſt ohne Zweifel die einzig richtige.“
Er trat au's Fenſter und ſchaute gedankenvoll hinaus in die Landſchaft, eine tiefe innere Bewegung prägte ſich in ſeinen Geſichtszügen aus.
„Es gilt, noch eine kurze Zeit dieſe Diktatur zu ertragen,“ rief er faſt heftig aus,„aber ſobald ich der Schwiegervater des Grafen Gatterſee bin, iſt es mit Ihrer Herrſchaft über mich vorbei, mein Herr Legationsrath. Wollte Gott, dieſer Zeitpunkt träte bald ein,“ fügte er mit einem Seufzer hinzu, „bei meiner Ehre, es wird hohe Zeit für das Haus Walters⸗ dorf!“——
Als am Abende dieſes Tages der Graf Ernſt abermals in ruheloſem Umherirren in Wald und Feld zugebracht hatte und der junge Mann im Begriff ſtand, ſein Lager aufzuſuchen, bemerkte er auf dem Tiſche ſeines Zimmers ein abgeriſſenes Stück Papier, das offenbar von der Düte eines Kolonial⸗ waarenhändlers herrührte. Bei genauerer Beſichtigung entdeckte
er Schriftzüge, die mit einer Nadel gekritzelt waren. Sie ent⸗ hielten die Worte:
„Ich lebe und bin geſund, werde aber ſtreng bewacht. Sobald ich weiß, wo ich mich befinde, erhältſt Du Nach⸗ richt.
Ewig Deine Suſanne.“ Stürmiſch preßte der Graf das unſcheinbare Blatt an
ſeine Lippen. Die Frage, wie und durch wen dieſer Zettel
in ſein Zimmer gekommen ſei, machte ihm keine Sorgen, wußte er doch jetzt, daß die Geliebte am Leben ſei und ſeiner gedachte. Es wäre ihm unmöglich geweſen, jetzt zur Ruhe zu gehen, er eilte hinunter in den Park und die kühlende Abendluft umfächelte ihm wohlthuend die glühende Wange und Stirn.
9. Kapitel.
In einer entlegenen, finſteren Gaſſe der Reſidenz ſtand ein ziemlich großes Gebäude, deſſen Aeußeres gänzlich vernach⸗ läſſigt war. Die dicken, grauen Mauern ſchienen für die Ewigkeit errichtet zu ſein, der große Thorweg war durch eine mächtige eichene Thür geſchloſſen und die niedrigen Fenſter des Parterre waren mit Eiſengittern verwahrt, während hinter den Fenſtern des oberen Stockwerkes bunte Tapeten⸗Rouleaux herabgelaſſen waren. Das Haus machte einen düſteren Ein⸗ druck, es erſchien faſt wie ein Gefangenhaus, welcher Annahme indeß das Schild über der Thür widerſprach, auf welchem mit großen ſchwarzen Buchſtaben auf rothem Grunde zu leſen war:„Gaſtwirthſchaft zum Eichhorn“. Offenbar hatte das Haus früher einer anderen Beſtimmung gedient, wenigſtens deutete die feſte, ſchwere Thür und die Eiſengitter an den Fenſtern darauf hin.
Ein Blick durch letzteres zeigte ein großes ſaalartiges Gaſtzimmer, das ſich in nichts von denen ähnlicher Etabliſſe⸗ ments unterſchied. Das Einzige, was auffiel, war ein ſehr großes, mit kunſtvoller Schnitzerei verſehenes Büffet, das augenſcheinlich beſſere Tage geſehen hatte, ehe es zu der ple⸗ bejiſchen Beſtimmung, ſchnöde Bier⸗ und Schnapsgläſer tragen zu müſſen, degradirt worden war. Wahrſcheinlich hatte der Raum früher als Speiſeſaal gedient und das Büffet damals ſeinen eigentlichen Zweck erfüllt.
Das Gaſtzimmer war leer, nur auf einem großen Sorgen⸗
ſtuhle ſaß ein Mann und ſchlief. Es war der Wirth zum
„Eichhorn“, der hier der Ruhe pflegte, was er um ſo unbedenk⸗ licher thun konnte, als er wußte, daß zu dieſer Zeit keine Gäſte zu erwarten waren.
Das Haus mußte außer dem Thorwege nach der Straße noch einen anderen Eingang haben, denn, ohne daß die mächtige Eichenthür geöffnet worden wäre, trat plötzlich ein Mann in's Zimmer, deſſen Kleider deutliche Spuren von Straßenſtaub trugen. Vorſichtig ſchaute er ſich um, und als er Niemanden bemerkte, ſchritt er auf den Schlafenden zu, dieſem kräftig die Hand auf die Schulter legend.
„Heda, Meiſter Trautmann! noch ſo früh am Tage, und ſchon ſo müde?“
Der Wirth ſchrak leicht zuſammen, rieb ſich die Augen und ſchaute den Ankömmling einen Moment groß an.
„Ah, Ihr ſeid es, Thomas? Wahrhaftig, ein ſeltener Gaſt im„Eichhorn“.“
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