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der junge Herr von dem Unglück wüßte, wäre ich ruhig, meiner Tochter würde dann kein Haar gekrümmt werden. Aber es kann nicht ſein, der gute, liebe Graf hätte uns alten Leuten dieſen Kummer nicht gemacht; wozu ſollte er auch Su⸗ ſanne ihren armen Eltern entriſſen haben, da er jederzeit bei uns gern geſehen war!“
Auf's Neue brach der Schmerz bei der alten Frau aus.
Die Gräfin fühlte Mitleid.
„Beruhigen Sie ſich, Frau Gerhard, noch heute werde ich mit meinem Sohne ſprechen. Gehen Sie jetzt nach Hauſe und vertrauen Sie auf die Zukunft. Iſt Ihre Tochter bis morgen früh nicht zurückgekehrt, ſo kommen Sie wieder zu mir, ich ſelbſt werde Sie dann in meinem Wagen zur Stadt begleiten, um den Vorfall zur Anzeige zu bringen. Liegt ein Verbrechen vor, ſo dürfen wir keine Zeit verlieren; hoffentlich klärt ſich die Sache aber in harmloſerer Weiſe auf.“
Sie reichte der Alten zum Abſchied die Hand. Frau Ger⸗ hard entfernte ſich mit dem Verſprechen, auf alle Fälle morgen wiederzukommen.
Als ſich die Thür hinter der Davongehenden geſchloſſen hatte, ſank auch die Gräfin erſchöpft in die weichen Polſter eines Fauteuils; die Mittheilungeun der Bahnwärtersfrau hatten ſie mächtig ergriffen.
8. Kapitel.
Eine Woche war ſeit dem räthſelhaften Verſchwinden der Tochter des Bahnwärters vergangen, ohne daß die geringſte Spur von dem Verbleib derſelben aufgefunden worden wäre. Die Behörde hatte die umfaſſendſten Maßregeln zur Auf⸗ klärung des Geheimniſſes getroffen, aber ohne jeden Erfolg. Das Dunkel, ob eine Verunglückung oder ein Verbrechen vor⸗ liege, konnte nicht aufgehellt werden, nicht der geringſte Anhalt war zu entdecken. Man hatte die Wälder und Teiche der Umgegend ſorgfältig durchſucht, die vom Gericht geſandten Kriminalbeamten entwickelten die größte Umſicht und Thätig⸗ keit, aber vergebens. Der alte Gerhard war in einen an Stumpfſinn grenzenden Zuſtand verfallen und man hatte ihm einen Stellvertreter geſandt, da er jetzt unfähig war, ſeinen Dienſt mit gewohnter Pünktlichkeit und Zuverläſſigkeit zu ver⸗ ſehen, während Suſannens Mutter ſich eine fieberhafte nervöſe Aufregung bemächtigt hatte.
Eine ganz beſondere Thätigkeit zur Auffindung der Ver⸗ mißten entwickelte der Legationsrath. Er durohſtreifte zu Fuß und zu Pferde die ganze Umgegend von Gatterſee und Birken⸗ thal, aber immer mußte er bei ſeiner Heimkehr der Gräfin die niederſchlagende Mittheilung machen, daß ſeine Bemühungen ohne jedes Reſultat geblieben ſeien. Die Schloßherrin hatte eine bedeutende Geldbelohnung ausgeſetzt, um die Nach⸗ forſchungen nicht ermatten zu laſſen, und Graf Ernſt ermüdete nicht, die Gemeindebehörden der Umgegend und die aus der Stadt geſendeten Gensd'armen zu immer neuer, eifriger Thätigkeit anzufeuern; aber alle Anſtrengungen führten zu keinem Ziele.
Von einem ſeiner Streifzüge zurückgekehrt, hielt der Le⸗ gationsrath an der Beſitzung des Barons von Waltersdorf, warf dem herbeieilenden Diener die Zügel ſeines Pferdes zu und eilte nach dem Zimmer des Hausherrn, den er, wie ge⸗ wöhnlich in ſeinen alten Schlafrock gehüllt, mit der langen Pfeife und die Cognackflaſche vor ſich auf dem Tiſche, fand.
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„Ah, ſieh' da! unſer Polizei⸗Kommiſſär!“ rief der alte Herr dem Ankommenden zu.„In der That, Legationsrath! Sie gehen den Gensd'armen mit einem vortrefflichen Beiſpiele voran.“
Und er lachte über den vermeintlichen Witz, daß ſeine Hand beim Füllen der auf dem Tiſche ſtehenden Gläſer zitterte.
Stüber lächelte verächtlich.
„Was thut man nicht, um gewiſſe Leute bei guter Laune zu erhalten, wenn auch der allabendliche Rapport über die Erfolgloſigkeit meiner Bemühungen nachgerade langweilig wird. Aber im Grunde genommen iſt es gleichgiltig, ob ich im Parke von Gatterſee oder in den Wäldern der Umgegend umherſchweife.“
Der Legationsrath nahm das dargebotene Glas Cognac und ſtürzte es mit einem Zuge hinunter.
„Wie denkt man jetzt drüben auf dem Schloſſe über dieſen Fall?“ fragte der Baron;„hat man endlich das Vergebliche dieſer Anſtrengungen eingeſehen?“
„Ganz im Gegentheil. Die Gräfin iſt erregter denn je, ſie will unter allen Umſtänden Gewißheit haben, ob das Mäd⸗ chen lebt oder nicht. Der junge Graf aber entwickelt eine Energie und Ausdauer, vor denen mir bangen würde, wenn irgend ein Grund zu Befürchtungen vorläge.“
„Mein Gott, macht man wegen dieſes armſeligen Frauen⸗
zimmers ein Aufhebens!“ rief der Baron, indem er die Quaſte
ſeines Schlafrocks in der Luft wirbeln ließ;„ein ſolches Ge⸗ ſchöpf weniger im Bereiche der Herrſchaft Gatterſee macht dieſe nicht um einen Heller werthloſer.“
„Sie vergeſſen, Baron! daß die Gräfin dem Mädchen perſönlich ſehr zugethan war und daß ſie noch außerdem durch die fieberhafte Erregung ihres Sohnes ſehr beunruhigt wird. Ohne Zweifel kennt ſie das Verhältniß des Grafen zu der Bahnwärterstochter und fürchtet für das Wohl ihres ver⸗ zärtelten Sprößlings, wenn die Geliebte nicht herbeigeſchafft wird.“
„Die Gräfin kennt das Verhältniß?“ fragte der alte Herr verwundert.„Sollte die alte Hexe, die Asmuſſen, falſche Karten ſpielen und nicht blos uns, ſondern auch der gnädigen Frau drüben die erlauſchten Geheimniſſe verrathen?“
„Die Mutter des Mädchens wird wahrſcheinlich der Gräfin ſelbſt Mittheilung gemacht haben, in der Hoffnung, daß der junge Mann den Aufenthalt ihrer Tochter wiſſe. Bald nach⸗ dem die Frau der Gräfin unter Heulen und Wehklagen ihren Verluſt erzählt hatte, fand eine lange Konferenz der Letzteren mit ihrem Sohne ſtatt, bei der es ſich, wie mir das Kammer⸗ mädchen ſagte, um die Liebſchaft Ernſt's mit der kleinen Wald⸗ droſſel gehandelt hat.“
„Vermuthet man, daß die Bahnwärterstochter irgendwo verunglückt iſt, oder glaubt man an Raub?“ ſagte der Baron, eine dichte Rauchwolke ſeiner Pfeife entlockend.
„Die Gräfin glaubt vermuthlich das Erſtere, während der Sohn von ihrem Tode nichts wiſſen mag. Wir müſſen ihn irre zu leiten ſuchen; ſeine Ausdauer und ſein Spürſinn können uns verhängnißvoll werden.“
„Nun, Ihr Eifer, die Vermißte auffinden zu wollen, reicht allein ſchon hin, den ſchmachtenden Seladon auf falſche Fährte zu bringen,“ erwiderte lachend der Baron, ſein Glas auf's Neue vollſchänkend.„Wie alle dieſe verliebten Schwärmer, ſo wird auch er endlich zur Befinnung kommen, ſeine jetzige
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