Jahrgang 
2 (1879)
Seite
632
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Der Bediente verbeugte ſich und ging; gleich darauf trat die Angekommene in's Zimmer.

Es war wirklich Suſanne's Mutter, aber in einem Zu⸗ ſtande, der die Gräfin erſchrecken ließ. Die ſonſt ſo ſaubere Frau war kaum wieder zu erkennen, ihr Anzug in Unordnung, ihr Haar wirr um den Kopf hängend, die Augen rothgeweint und die Kleidung mit Staub bedeckt, als habe ſie ſchon einen weiten Weg zurückgelegt.

O, gnädigſte Frau Gräfin, es iſt mein Tod, wenn Sie mir nicht helfen o Gott, warum muß ich das erleben

Schluchzen erſtickte ihre Stimme; halb bewußtlos ſank ſie in einen Seſſel.

Um Gottes willen, was iſt geſchehen, Frau Gerhard ſo ſprechen Sie doch! rief die Gutsherrin, indem ſie die Stirn der Bahnwärtersfrau mit einem ſtärkenden Parfüm beſprengte.

O du mein Jeſus, das Unglück auf meine alten Tage meine Tochter, mein gutes, liebes Suschen

Sie verhüllte das Geſicht, über welches ſich unaufhaltſam ein Thränenſtrom ergoß.

Sie machen mich ganz ängſtlich! Was iſt Suſanne zugeſtoßen? fragte in höchſter Unruhe die Gräfin.

Fort, verſchwunden, Niemand weiß, wohin! ſtieß die arme Frau hervor.

Verſchwunden? Wie iſt denn das möglich? Beſinnen Sie ſich, Frau Gerhard, Ihre Tochter wird in einem benach⸗ barten Dorfe eine Freundin beſucht haben und dann zurück⸗ kehren.

Die Gräfin glaubte ſelbſt nicht an ihre Worte.

Suſanne's Mutter ſchüttelte heftig das Haupt.

Nein, nein, rief ſie,das iſt unmöglich. Sie weiß, wie ſehr wir uns ängſtigen, und wäre längſt wieder da, wenn ſie nur Jemand hätte heſuchen wollen. Auf keinen Fall würde ſie über Nacht weggeblieben ſein, ohne uns davon zu unterrichten.

Aber ſeit wann iſt ſie denn fort?

Sie ging geſtern Nachmittag, wie gewöhnlich, hinüber nach Birkenthal, um bei dem Dorfkrämer einige Einkäufe für den Hausbedarf zu beſorgen. Von da iſt ſie nicht zurück⸗ gekehrt!

Wieder verfiel die Frau in convulſiviſches Schluchzen.

Das iſt ſeltſam! Und Sie haben in Birkenthal bereits Nachforſchungen gehalten?

Gewiß! Mein Mann darf den Dienſt nicht verlaſſen und ich bin deshalb geſtern noch in ſpäter Abendſtunde nach Birkenthal geeilt, fand aber den Laden des Krämers geſchloſſen und dieſen bereits zur Ruhe. Auch die wenigen Bekannten, wo ich meine Tochter hätte vermuthen können, waren ſchon zu Bette, nur in der Dorfſchänke fand ich die Leute noch wach. Sie hatten Suſanne nicht geſehen, Niemand wußte etwas von ihr. O Gott, mein armes, armes Kind!

Sie waren heute Morgen ſchon wieder in Birkenthal, um den Krämer und ihre Bekannten zu befragen?

Ich habe während der ganzen Nacht kein Auge ge⸗ ſchloſſen. Als der Krämer heute in der Frühe ſein Verkaufs⸗ gewölbe öffnete, hatte ich vor demſelben ſchon eine Stunde gewartet. Suschen iſt dort geweſen, hat Alles pünktlich be⸗ ſorgt und iſt dann heiter wie gewöhnlich fortgegangen. Sonſt hat ſie Niemanden beſucht.

Fragten Sie noch einmal in der Schänke nach, und waren dort Fremde anweſend?

Concordia.

Ich war matt zum Sterben und ließ mir im Gaſthof eine Taſſe Kaffee geben. Man konnte mir nur beſtätigen, was ſie mir am Abende vorher mitgetheilt hatten. Fremde haben ſeit Wochen nicht in der Schänke verkehrt, höchſtens einmal ein Handwerksburſche. Nur ein armer Handelsmann iſt zwei Tage mit ſeiner Frau dort geblieben, weil Letztere krank geworden war. Geſtern Abend ſind ſie aber weg⸗ gefahren.

Weggefahren? Alſo hatten ſie Geſchirr?

Es ſoll ein jämmerliches Pferd geweſen ſein und ein kleiner alter Planenwagen.

Und gegen Abend ſind ſie plötzlich abgereiſt?

So ſagte die Wirthin. Aber Sie glauben doch nicht, Frau Gräfin

Ich kann natürlich keinen beſtimmten Verdacht aus⸗ ſprechen, Frau Gerhard, unterbrach ſie die Gutsherrin,aber immerhin iſt es gut, Alles, ſelbſt anſcheinende Geringfügig⸗ keiten in's Auge zu faſſen.

Die Bahnwärtersfrau lächelte ſchmerzlich.

Die Leute ſind ſo arm geweſen, daß ſie ſich in der Schänke auf das Allernothwendigſte beſchränkt haben, ſie haben kaum für ſich zu leben gehabt. Nein, gnädige Frau Gräfin, dieſe armen Menſchen ſind unſchuldig an dem Unglück. Viel eher könnte Ihr Herr Sohn, der junge Herr Graf, etwas davon wiſſen.

Mein Sohn? fragte die Gräfin im Tone des höchſten Erſtaunens,wie können Sie den mit dem Vorfalle in Ver⸗ bindung bringen? Er hat ſeit faſt einer Woche das Schloß nicht verlaſſen.

Ach, gnädige Frau, Sie wiſſen nicht, was vorgegangen iſt! Ja, ja, fügte ſie wie im Selbſtgeſpräch nachdenklich hinzu,es mögen wohl acht Tage her ſein, daß der junge Herr Suſannen ſeine Liebe erklärte.

Was ſagen Sie da? rief Ernſt's Mutter,mein Sohn hat Ihrer Tochter eine Liebeserklärung gemacht?

Frau Gerhard erzählte nun mit der ihr eigenen Umſtänd⸗ lichkeit von dem letzten Beſuche des jungen Grafen in ihrer Wohnung, wie ſie erſt ihre Tochter, dann den Sohn der Gräfin gewarnt, wie ſie gebeten habe, von dieſer unglücklichen Neigung abzuſtehen, wie aber endlich Graf Ernſt alle ihre Einwendungen mit der offenen Erklärung, daß er Suſannen liebe, beſeitigt habe. Sie habe immer geſagt, das könne zu nichts Gutem führen, und jetzt, ſchon nach wenigen Tagen, ſei dieſe Befürchtung eingetroffen.

Mit ſteigender Spannung hatte die Gräfin zugehört; die Erzählung der Bahnwärtersfrau hatte für ſie etwas ungemein Niederdrückendes.

Die Verirrung ihres Sohnes hätte ſie ihm verziehen, aber daß er ihr von ſeinem Verhältniſſe zu Suſanne keine Mit⸗ theilung gemacht hatte, ſchmerzte ſie tief.

Dieſer Mangel an Vertrauen bekümmerte ſie um ſo mehr, als ſie wohl wußte, daß bei dem Charakter Ernſt's von einer oberflächlichen Tändelei keine Rede ſein konnte. Indeſſen hielt ſie es nicht für gerathen, der alten Frau dieſe Gedanken mit⸗ zutheilen.

Sie glauben doch hoffentlich nicht, daß mein Sohn die Hand zu einem Bubenſtück geboten hat! ſagte ſie ſehr ernſt, und ihre Stimme klang erregt.

Behüte mich der liebe Herrgott, Frau Gräfin! Wenn

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