Concordia. 631
Er entſchloß ſich daher, ein Meſſer zu kaufen und zwar ein recht gutes. Dabei entwickelte er eine ſolche Kenntniß der Eiſeninduſtrie, beſonders der Schneidewaaren, daß ich auf die Idee kam, in ihm einen Handwerksgenoſſen ſehen zu müſſen. Ich war daher ſchon genöthigt, ihm einen preiswürdigen Artikel zu liefern, und empfahl ihm dies Meſſer, welches er denn auch gegen Zahlung von drei Schilling an ſich brachte!“
„Aber wer war der Käufer?!“ rief der Beamte lebhaft, „können Sie den Mann näher bezeichnen, ſeinen Namen nennen?!“
„Bitte um einen Augenblick Geduld, Sir!“ ſagte Myers, „ich denke auch damit dienen zu können!“
Myers zog ſehr bedächtig ſein Notizbuch hervor und begann in demſelben zu blättern. Endlich ſchenkte er einer Stelle ſeine beſondere Aufmerkſamkeit.
„Ich habe ihn!“ brummte er, mit dem Kopfe nickend, und las dann mit ſicherer Stimme:„Am fünften April Probemeſſer Nummer Zehn an den Gärtner William Stoone zu Travells⸗ houſe verkauft.“„Nun ſehen Sie ſelbſt nach, Sir, ob nicht auf der rechten Seite der Schale eine römiſche Zehn ein⸗ gekratzt iſt!“
Der Beamte ergriff ſchnell das wieder auf der Platte liegende Meſſer.
„Wahrhaftig!“ rief er nach kurzer Prüfung,„da iſt die Zahl— zwar nicht auffallend ſichtbar, aber doch zu erkennen!“
Myers ſchloß ſein Buch und brachte es wieder zurück in die Taſche.
„Nun wüßten Sie wohl, Sir,“ meinte er,„was Sie wiſſen wollten!“
„Ja— ja, Maſter!“ erwiderte der Beamte lebhaft,„ich bin Ihnen ſehr verbunden!“
„Und wie ſteht es mit der Prämie, Sir?“ fragte Myers, pfiffig lächelnd.
„Wenn der Mann, deſſen Namen Sie angegeben, der That überführt wird, ſo erhalten Sie die ausgeſetzte Prämie— das unterliegt keinem Zweifel!“
„Natürlich kann ich nicht wiſſen, Sir, ob jener William Stoone bis jetzt im Beſitz des Meſſers geweſen!“
„Das wird ſich ſchon herausſtellen. Wird der Thäter durch Ihre Angaben entdeckt, erhalten Sie immer die Prämie, mag es nun William Stoone oder ein Anderer ſein.“
„Ich danke, Sir; darf ich mich zurückziehen?“
„Noch einen Augenblick— ich muß Ihre Ausſage nieder⸗ ſchreiben und Sie haben dieſelbe mit Ihrer Unterſchrift zu verſehen. Natürlich vermögen Sie Ihre Auslaſſung durch einen Eid zu bekräftigen!“
„Mit Sicherheit und gutem Gewiſſen!“ erwiderte Mr. Myers feierlich.
Das Protokoll ward geſchrieben und von Myers unter⸗ zeichnet. Hiernach ſtand ſeiner Entfernung nichts weiter im Wege.
Eine halbe Stunde ſpäter eilte ein berittener Kriminal⸗ Poliziſt von Salisbury auf dem Wege nach Travellshouſe dahin, um den Gärtner William Stoone zu verhaften.
(Fortſetzung folgt).
Geheimnißvolle BPfade.
Erzählung von Otto Eberſtein. (Fortſetzung.)
Auf jene feurige, ſelbſtvergeſſene Liebe, die nur die Jugend zu bieten vermag, erhob die Gräfin keinen Anſpruch; ſie hätte dieſelbe nicht zu erwidern vermocht und hielt ſie deshalb bei Menſchen in vorgerückteren Jahren für unnatürlich. Was ſie forderte, war rückſichtsvolle Zuneigung, entgegenkommende Achtung, unbedingtes Vertrauen. Alles das, ſie fühlte es, hätte ſie dem Legationsrath mit Freuden gewährt, und ſie war überzeugt, daß auch er ihr dies zu bieten der Mann war; ſein ganzes bisheriges Betragen bürgte ihr dafür.
Dieſe Gedanken waren es, welche auch jetzt wieder die Gräfin beſchäftigten, und das Zünglein der Waage, auf welcher ſie das Für und Wider einer Verbindung mit ihrem Gaſte abwog, neigte ſich immer entſchiedener auf Seite des Letzteren. Der Entſchluß, die Bewerbungen deſſelben nicht zurückzuweiſen, befeſtigte ſich immer mehr in ihr, zumal ſie die Gewißheit zu haben glaubte, daß der milde, verſöhnliche Charakter ihres Sohnes die Abneigung gegen ihren künftigen Gatten überwinden und dieſe ſich mit der Zeit in Achtung verwandeln werde.
„Die Motive, die den Legationsrath veranlaſſen, um meine Hand zu werben,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„können keine un⸗ lauteren ſein. Er verſchmäht die rauſchenden Vergnügungen der großen Welt, denn er theilt monatelang unſeren ſtillen, einſamen Landaufenthalt; ſein Vermögen iſt, wenn auch wahrſcheinlich nicht ſehr groß, doch gewiß ausreichend, ihm eine angenehme, ſtandesgemäße Exiſtenz zu ſichern, ſo daß die Ausſicht auf den Mitbeſitz meiner Güter für ihn ohne großen
Werth ſein muß; wenn er ſich aber endlich nach einer an⸗ genehmen Häuslichkeit ſehnt, ſo iſt das bei einem Manne in ſeinen Jahren nicht zu verwundern. Bedarf ich doch ſelbſt eines Haltes, eines Schutzes, der mich vor den Stürmen bewahrt, denen Frauen mehr als das ſtarke Geſchlecht ausgeſetzt ſind; warum ſoll ich nicht die freundſchaftliche Hand ergreifen, die ſich mir entgegenſtreckt, um mir die auf mir laſtende ſchwere Bürde zu erleichtern?“
Der Kampf war zu Ende— ſie hatte ſich zu Gunſten des Bewerbers entſchieden. Ein Gefühl der Beruhigung überkam ſie, als ſie endlich mit ſich ſelbſt im Klaren war. Ihr Ent⸗ ſchluß war kein übereilter, ſie hatte Alles reiflich erwogen, und ſie mußte ſich ſagen, daß nach menſchlicher Verechnung dieſe Verbindung für ſie nur von Vortheil ſein konnte. War der Legationsrath doch kein Fremder, ſondern der langjährige Freund ihres Hauſes, deſſen ehrenwerthen Charakter ſie achten und ſchätzen gelernt hatte!
Da trat der Diener in's Zimmer und meldete, daß eine Frau die Gräfin dringend zu ſprechen wünſche. Er habe ſie wegen der frühen Stunde abweiſen wollen, ſie ſei aber in Thränen ausgebrochen und habe gefleht, ſie vorzulaſſen. Sie ſei in die bäuerliche Tracht der Umgegend gekleidet und habe ſich Frau Gerhard genannt.
„Frau Gerhard?“ rief die Gräfin;„das iſt ja der Name des Bahnwärters draußen am Wald! Führe die Frau herein!“


