630 Concordia.) dieſe genöthigt war, einige Einkäufe für die Wirthſchaft zu ſich direkt nach dem Gerichtsgebäude. Auf ſeine bezügliche machen. Frage ward er von einem der anweſenden Huiſſiers in ein
Kunden waren während dieſer Zeit nicht zu bedienen, und ſo öffnete denn Mr. Myers das Fenſter des Ladens, um einen Blick auf die Straße zu werfen.
Das Wetter war noch ganz daſſelbe wie zur Nachtzeit; es ſtürmte und regnete vergnüglich weiter. Umſomehr mußte es daher Myers auffallen, daß überall an den Straßenecken Leute ſtanden und trotz Wind und Regen ſehr eifrig ein Plakat ſtudirten oder lebhaft debattirten.
Bald darauf langte auch Mrs. Myers wieder an, und Mann und Frau begrüßten ſich in einer Weiſe, aus der hervorging, daß Beide auf gutem Fuße ſtanden.
„Was giebt's denn da an den Straßenecken?“ fragte der Mann hierauf,„die Leute thun ja, als ob es etwas Beſonderes wäre. Weißt Du davon?“
„Ja, Alter!“ antwortete die Frau,„es iſt da irgendwo ein ſchweres Verbrechen begangen und das Meſſer, welches zur Ausführung deſſelben gedient, aufgefunden worden. Man hat eine Aufforderung an Alle erlaſſen, welche das Meſſer kennen könnten, um Auskunft über deſſen Eigenthümer zu geben. gleich ſind fünfzehn Pfund für Entdeckung oder Kennzeichnung des Mörders geboten!“
„Ein Meſſer— hm!“ meinte Mr. Myers,„das ſchlägt in mein Fach! Eine Prämie von fünfzehn Pfund auch noch? wäre nicht übel! ich dächte, die Sache wäre einen Gang werth, Alte!“
„Was?! willſt Du den Judaslohn verdienen, Mann?“ rief die Frau unwillig.
„Wie Du ſprichſt, Frau!“ entgegnete der Mann.„Das Verbrechen und den Verbrecher aufzudecken und zu entlarven, iſt kein Verrath, ſondern Pflicht jedes Staatsbürgers. Iſt nebenbei noch Geld zu verdienen, deſto beſſer. Ich habe in⸗ deſſen weniger die Prämie, als das Meſſer im Auge gehabt. Ich bin neugierig, zu erfahren, ob es mein Fabrikat iſt!“
„Nun, nun; ich merke ſchon, Alter,“ ſagte die Frau lachend,„Du willſt auf gute Manier dazu kommen, im Kreiſe guter Freunde, bei einem kleinen Discours, einen Krug Ale⸗ zu trinken. Meinetwegen denn— geh' nur; aber komme zur rechten Zeit zu Tiſche!“
„Da Du mir die Ausſchweifung ſo gutwillig erlaubſt, Alte,“ erwiderte der Mann vergnügt,„ſo mag ſie nebenher laufen. Vor allen Dingen muß ich mir erſt die Publikation anſehen!“
Mr. Myers war ein etwas förmlicher Mann. Wie bei allen Leuten, welche nur ſelten ihre Wohnung verlaſſen, war ein Ausgang ein wichtiges Ereigniß für ihn, welches umſtänd⸗ liche Vorbereitungen erforderte.
Es dauerte daher ziemlich eine Stunde, bis er ſo weit kam, das Haus zu verlaſſen. Vorſichtig ſteckte er noch die große Hornbrille und ein Buch, welches Geſchäftsnotizen ent⸗ hielt, zu ſich. Dann verabſchiedete er ſich unter lebhaften Verſicherungen, keinen Haarbeutel erwerben zu wollen, von Mrs. Myers und ſtand wenige Minuten ſpäter, die Hornbrille auf der Naſe, an der nächſten Ecke, mitten in einem Menſchen⸗ haufen, um ebenſo eifrig wie ſeine Umgebung das Plakat zu ſtudiren..
„Hm!“ brummte er ſchließlich, die Brille abnehmend,„wir werden ja ſehen!“
Mr. Myers brach ſich Bahn durch die Menge und begab
Zu⸗
Bureau gewieſen.
Der erſte Andrang der Neugierigen und ſolcher Leute, welche in dem Wahne lebten, die Mordwaffe erkennen und den Eigenthümer derſelben bezeichnen zu können, war bereits gelichtet; es befanden ſich augenblicklich nur wenig Menſchen im Lokale anweſend. Der fragliche Gegenſtand lag auf der Platte der Barre, welche den Raum des Zimmers in zwei Theile ſchied; er hing durch eine leichte Stahlkette mit der Barre in Verbindung, offenbar um eine Entwendung oder einen Austauſch zu verhindern.
Mr. Myers begrüßte die auf der anderen Seite der Barre befindlichen Beamten ſehr höflich. Einer derſelben erhob ſich ſofort und trat ihm, ſeinen Gruß erwidernd, näher.
„Ah— ſieh' da, Mr. Myers!“ ſagte der Mann freund⸗ lich,„alſo endlich! Alle Ihre Geſchäftsgenoſſen waren bereits da und ich wollte ſchon zu Ihnen ſenden, um Sie erſuchen zu laſſen, ſich ebenfalls einzufinden!“
„Ich habe erſt unlängſt erfahren, was ſich zugetragen, Sir!“ antwortete Mr. Myers,„dann jedoch ſofort Kennt⸗ niß von der Aufforderung genommen. Alte kinderloſe Leute, welche zurückgezogen leben, hören erſt ſpät von Neuigkeiten. Aber ich ſtehe nunmehr zu Dienſten, Sir!“
„Es wird auch nicht viel verſäumt ſein, Maſter!“ er⸗ widerte der Beamte lächelnd;„da Sie alſo bereits wiſſen, worauf es ankommt, kann ich weitere Auseinanderſetzungen ſparen. Hier iſt das fragliche Inſtrument!“
Mr. Myers nahm wiederum ſeine Hornbrille zu Hilfe, bog ſich vor und beſchaute das Meſſer, während er ſeine Hände vorſichtig nach hinterwärts in Sicherheit brachte. Der Beamte lächelte mit einem Anfluge von Spott.
„Fürchten Sie ſich, das Ding anzufaſſen, Maſter?“ fragte er;„ich werde es Ihnen näher bringen!“
„Bitte— nein, Sir!“ entgegnete Myers,„ich wollte mich nur erſt überzeugen, ob es mein Fabrikat iſt; wäre es nicht der Fall, brauchte ich es auch nicht in die Hand zu nehmen. Aber wie ich ſehe, iſt es wirklich meine Arbeit!“
Myers brachte ſeine Hände wieder nach vorn und ergriff jetzt ohne Scheu das Meſſer mit der Linken.
„Hier,“ ſagte er, mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf eine Stelle der Klinge deutend,„hier iſt mein Fabrik⸗ zeichen und unter derſelben meine Namenschiffre!“
Der Beamte fuhr lebhaft empor.
„Wirklich?!“ rief er,„aber nun, werden Sie ſich erinnern können, wer das Meſſer von Ihnen entnommen?“
„Ich denke wohl, Sir!“ erwiderte der Meſſerſchmied,„denn die Anfangsbuchſtaben meines Namens auf der Klinge be⸗ deuten, daß es ein Probemeſſer für meinen Reiſenden geweſen, und dieſe laſſe ich nur unter beſonderen Umſtänden im Einzelverkauf ab; laſſen Sie mich einmal nachdenken!“
Myers wendete das Meſſer in ſeinen Händen umher und ſchien ſich auf etwas zu beſinnen. Der Beamte folgte ſeinen Bewegungen mit großer Spannung.
„Richtig!“ hob Erſterer wieder an„ſo war es,„ſo war es! Anfangs Frühling dieſes Jahres— es wird im April geweſen ſein— erſchien ein junger Mann bei mir und ſprach den Wunſch aus, ein Doppelpiſtol zu erwerben. Ich zeigte ihm verſchiedene Waffen der Art, die er jedoch zu theuer fand.
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