Jahrgang 
2 (1879)
Seite
629
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lich Alles zu ſagen, iſt Sir Burton das Opfer, welches ihm die Gerichte durch Verurtheilung der Schuldigen bringen müßten, gar nicht werth, weil jene auch noch trotz der in ihrer Verblendung begangenen That hoch über ihm ſtehen!

Mrs. Rogier war erbleicht und ſah den Sprecher mit weit aufgeriſſenen, ſtarren Augen an.

Mein Gott! rief ſie mit bebender Stimme, während ſie ihre Hände feſt zuſammenpreßte,mir kommt eine eigene Ahnung!

Denken Sie ſich, fuhr Mr. Wright fort,eine junge Dame, welche gezwungen werden ſoll, einem von ihr mit vollem Rechte verabſcheuten und verachteten Manne ihre Hand zu reichen; denken Sie ſich ferner einen jungen, braven Mann, der mit ſchwärmeriſcher Verehrung und Treue an jener jungen Dame hängt, ihre Neigungen, Empfindungen und Wünſche kennt und der zugleich wiederholt von dem rohen Uebermuthe des fraglichen Mannes, dem die junge Dame geopfert werden ſoll, ſchwer gekränkt wurde, und der fernere Gedanke liegt nahe, daß die geheimen Wünſche des Herzens zu Worten wurden und dieſe zur grauſen That führten. Möglich auch, daß Idee und That dem jungen Manne allein angehören und zur Laſt fallen; jedenfalls habe ich in den Händen deſſelben ein Meſſer geſehen, welches dem ähnlich iſt, mit welchem die Miſſethat dieſer Nacht verübt wurde, und der Mann heißt

William! rief Mrs. Rogier verzweiflungsvoll.

Sie haben ſeinen Namen genannt, Miſtreß, ſagte Wright traurig.

O Gott, ſtöhnte die Frau,wohin haben die unglück⸗ lichen jungen Leute ſich treiben laſſen. Beklagenswerthe Lady Anna armer William ſchändlicher Squire Du haſt Dein Ende verdient! Und ihm ſollten dieſe beiden jugend⸗ lichen Leben zum Opfer fallen? Nimmermehr!

Vergeſſen Sie nicht, Miſtreß, bemerkte der Verwalter, daß meine Anſichten, mein Verdacht und ſelbſt meine Ueber⸗ zeugung nur für uns, doch für Niemand ſonſt Bedeutung haben. Das einzig Wichtige bildet nur meine Beobachtung in Betreff des Meſſers.

O, ich erkenne jetzt Alles deutlich genug, Maſter! rief Mrs. Rogier,ich durchſchaue Alles ſo gut wie Sie. Mir iſt durchaus die Angſt und Verzweiflung des ſchan ſo lange von dem tyranniſchen, geizigen Lord gequälten Kindes klar der Schmerz des armen William und ſeine Bereitwillig⸗ keit, zu helfen o, du Allmächtiger!

Mrs. Rogier griff nach ihrer Schürze, um ſie an die Augen zu bringen ſie begann zu weinen, eine große Seltenheit bei der körperlich kräftigen und geiſtig ſtarken Frau. Mr. Wright ſaß gebückt und gedrückt da.

Miſtreß, begann derſelbe endlich, indem er den Kopf hob, ziemlich beſtimmt,ich habe mich ausgeſprochen, um meine Bruſt zu erleichtern. Meine Abſicht iſt erreicht; zugleich habe ich aber auch einen Entſchluß gefaßt und hoffe, Sie werden denſelben billigen.

Sprechen Sie! ſagte Mrs. Rogier, trocknend,was gedenken Sie zu thun?

Ich habe mich gewundert, Miſtreß, daß Keiner der Leute, die mit mir waren, das Meſſer erkannt hat, obgleich es William hier im Garten ſehr oft benutzt hat. Vielleicht er⸗ innern ſie ſich deſſen ſpäter. Doch wenn das auch nicht der Fall ſein ſollte, ſo muß das traurige Inſtrument immer zum

ihre Thränen

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Verräther werden, ſelbſt wenn unſere Leute es nicht wieder erkennen ſollten oder Schweigen über daſſelbe beobachten wollten wie ich! Ja, Miſtreß, ich werde bei dem ſtehen bleiben, was ich heute Morgen bereits erklärt, und keine Silbe weiter angeben.

Brav, Mr. Wright! rief Mrs. Rogier lebhaft,das iſt das Rechte.Mögen die Gerichte ſehen, wie ſie den Schul⸗ digen finden, und ſeine Schuld beweiſen; es iſt nicht unſere Sache. Wir haben unſere Anſichten und Meinungen für uns, aber für Niemand anders. Wohrſcheinlich kennen wir Beide nur genau das Verhältniß zwiſchen Lady Anna und William. Doch keine Macht kann uns zwingen, Mitheilung darüber zu machen oder gar ein Gutachten über daſſelbe abzugeben. Mag es mit William auch kommen wie es will, Lady Anna darf nicht mit in die Unterſuchung verwickelt werden, ihr Name bei einem möglichen Prozeſſe keine Bedeutung erhalten. Der arme William hatte ja ohnehin genug Urſache zum Haſſe gegen den liederlichen, verſoffenen Squire und wenn er nun wirklich ich mag gar nicht daran denken. Ich hatte den braven, treuen Burſchen ſo lieb gewonnen!

Mrs. Rogier fuhr wiederum mit der Schürze nach den Augen.

Ich ebenfalls! erwiderte Wright;gewiß wird William, ſofern es zum Aergſten kommen ſollte, die ganze Schuld auf ſich nehmen, ſelbſt wenn es anders wäre. Es wird daher nur nach ſeinem Sinne gehandelt ſein, die Lady gänzlich aus dem Spiel zu laſſen, und darüber ſind wir alſo einig!

Vollkommen! beſtätigte Mrs. Rogier.

Und wir wiſſen von nichts, als dem Zanke, welcher zwiſchen dem Squire und William hier im Frühling ſtatt⸗ gefunden wie?

Durchaus von nichts weiter! betheuerte die Miſtreß, und Beide ſchüttelten ſich zur Beſtätigung ihres Entſchluſſes oder Abkommens die Hände.

Damit war die Unterhaltung in der Hauptſache beendet und bald darauf trennten ſich die beiden guten Leute auch.

Wie wenig ahnten ſie, daß ihr Entſchluß, gewiſſe An⸗ deutungen zu unterlaſſen, die ſie zwar nicht allein, jedoch am ſicherſten machen konnten und die ſpäter von allen Seiten, vielleicht aus derſelben Rückſichtnahme unterblieben, mit dazu beitragen ſollte, ein neues entſetzliches Unheil heraufzube⸗ ſchwören.

6. Kapitel.

In einer Straße von Salisbury befand ſich vor einem unanſehnlichen Hauſe, über einer niedrigen Thüre, ein blaues Schild mit weißen Buchſtaben, welche ſich zu den Worten gruppirten: Meſſerſchmiede⸗Anſtalt und Eiſenwaaren⸗Handlung von M. E. Myers.

Im Flur des Hauſes war ein kleiner Laden eingerichtet, in welchem für gewöhnlich eine ältere Frau den Verkauf der Eiſenwaaren beſorgte. Nur wenn jene einen Gang in die Stadt zu machen hatte oder ein beſonderer Gegenſtand von einem Käufer verlangt wurde, zeigte ſich auch ein älterer, kahl⸗ köpfiger Mann, mit grüner Schürze und einer großen Horn⸗ brille ausgeſtattet, im Laden.

Dieſer Mann war Mr. Myers ſelbſt, und er hatte auch an dem Vormittage, welcher dem Morgen folgte, von dem bis⸗ her die Rede geweſen, ſeine Frau im Laden abgelöoſt, weil

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