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Concordia.
„Ja, das wärmt!“ ſagte er, nachdem er getrunken,„man fühlt förmlich neues Leben durch die Adern rollen; ich danke Ihnen recht ſehr, Mrs. Rogier.“
„Nicht nöthig, Maſter— nur verdienter Lohn,“ meinte die Frau freundlich, ſeinen Dank ablehnend;„doch nun, Mr. Wright— ich habe, weiß Gott, den Rohlweß kaum verſtan⸗ den— theilen Sie mir gefälligſt genau mit, was und wie Sie Alles gefunden. Meine Bitte iſt gewiß nicht von reiner Neugierde, ſondern vielmehr von wirklicher Theilnahme an dem traurigen Geſchick des armen Sir Robert diktirt. Er war kein würdiger, achtungswerther Mann— es iſt wahr— aber wir dürfen nicht vergeſſen, daß er unſer Brotherr ge⸗ weſen!“
„Sie haben ganz recht, Mrs. Rogier!“ ſagte Wright gedrückt und betrübt;„ich begreife nicht allein Ihre Empfind⸗ ungen, ſondern theile dieſelben auch vollkommen!“
Der Verwalter ſtattete hiernach einen ſehr detaillirten Be⸗ richt ſeiner jüngſten Erlebniſſe ab, welcher häufig durch Aus⸗ rufe der Verwunderung oder des Schreckens von ſeiner lebhaften Zuhörerin unterbrochen wurde.
„Und keine Spur weiter von dem Mörder, als das Meſſer?“ fragte dieſelbe, als Wright geendet hatte.
„Keine— Miſtreß!“ antwortete jener, während er ſichtlich von Neuem angegriffen und traurig den Kopf hängen ließ.
Eine kurze Pauſe trat ein.
„Ich fühle mich wirklich ſehr mitgenommen!“ begann end⸗ lich Mr. Wright wieder,„das Entſetzen welches ich beim Anblick der Leiche Sir Burton's empfand, war gewiß ſchon nicht gering anzuſchlagen; doch bald genug ſollte ich noch von einem zweiten, größeren Schrecken durchbebt werden, und dieſer iſt es, welcher in ſeinen Nachwirkungen noch jetzt meine Seele zermartert. Ich weiß kaum, wie ich meinen Empfind⸗ ungen und Gedanken in dieſer Hinſicht Ausdruck geben ſoll und doch zwingt es mich, ſolches zu thun, um mir durch Mit⸗ theilung Beruhigung zu ſchaffen. Meine Wahrnehmung und die ſich aus derſelben ergebenden Folgerungen liegen mir wie eine Centnerlaſt auf der Bruſt!“
Mrs. Rogier ward aufmerkſam.
„Sprechen Sie, Wright!“ ſagte ſie,„es iſt ganz richtig, Mittheilung erleichtert unſer gepreßtes Herz; mir ſcheint faſt, als hätte ſich Ihnen ein gewiſſer Verdacht hinſichtlich des Thäters aufgedrängt!“
„Es iſt ſo, Miſtreß! Aber ich fürchte mich auch, dieſen Verdacht auszuſprechen; und dennoch— dennoch—“
„Denken Sie dabei etwa an Einen von unſeren Leuten?“ fragte Mrs. Rogier gedehnt.
Wright ſchüttelte lebhaft ſein weißes Haupt.
„Nein— nein, Miſtreß!“ antwortete er mit Nachdruck, „unſere Leute hätten Sir Burton vielleicht gelegentlich durch⸗ gebläut, aber nie ermordet; dazu verachteten ſie ihn zu ſehr. Er war ihnen mehr verächtlich und zugleich lächerlich, als ein Gegenſtand des Haſſes. Außerdem weiß ich beſtimmt, daß keine Perſon des Hofes während dieſer Nacht ſich aus dem⸗ ſelben entfernt hat. Nach der Richtung hin hege ich nicht die geringſte Befürchtung!“
Mrs. Rogier ſah den nachdenklich vor ſich niederſchauen⸗ den Sprecher prüfend an.
„Sie ſagten vorhin,“ meinte Sie hiernach vorſichtig, „außer dem Meſſer ſei keine Spur von dem Thäter zu ent⸗
decken geweſen. Sollte jenes etwa für Sie auf eine beſtimmte Perſon hindeuten?“
Wright nickte wiederholt mit dem Kopfe, ließ jedoch einige Zeit verſtreichen, ehe er auf andere Weiſe antwortete.
„Ich habe die Frage, ob ich das Meſſer oder den Eigen⸗ thümer deſſelben kenne, vorläufig verneint!“ erwiderte er endlich,„ſo wie dieſelbe geſtellt wurde, ließ ſie ſolches auch zu. Doch wenn ich etwas über die Frage hätte hinausgehen wollen, ſo mußte ich dem Worte„nein“ hinzufügen:„aber ich habe vor einiger Zeit ein ähnliches Meſſer in der Hand eines mir bekannten Mannes geſehen!“
„Wirklich?!“ rief Mrs. Rogier auffahrend.„Sie machen mich geſpannt, Maſter!“
„So hätte ich ſagen müſſen, Miſtreß!“ fuhr Wright fort, „und daß ich es nicht gethan, kam daher, weil mir noch rechtzeitig einfiel, welches Unheil dadurch angerichtet werden kann, wenn ein Unſchuldiger verdächtigt wird. Ich habe mir jenes Meſſer in der Hand des mir bekannten Mannes nicht genau angeſehen. Es giebt unzweifelhaft viele Meſſer derſelben Art; weshalb ſollte ich nun gleich bei ſolcher Gelegenheit mit⸗ theilen, daß ein Menſch, den ich achte und dem ich zugethan bin, ein Meſſer beſitzt, welches demjenigen gleicht, womit Sir Burton ermordet wurde?“
„Ein Menſch, den Sie achten und dem Sie zugethan ſind, Maſter!“ rief Mrs. Rogier erſtaunt,„mein Gott, wer kann das ſein?“
„Sie ſollen ſeinen Namen erfahren, Miſtreß,“ antwortete der Verwalter,„doch erſt verſprechen Sie mir mit Hand und Mund, nichts über meine Mittheilungen verlauten zu laſſen und es gänzlich mir anheimzuſtellen, ob ich für nöthig halte, bei ſpäteren gerichtlichen Vernehmungen meinen Verdacht zu äußern oder nicht. Denn es könnte leicht ſein, daß dadurch nicht allein der Beſitzer des Meſſers, ſondern auch noch eine zweite Perſon in die Unterſuchung mit verwickelt würde, gegen die ich um Alles in der Welt nicht als Ankläger oder Zeuge auftreten möchte.“
„Sie machen mich auch noch ängſtlich, Wright,“ ſagte Mrs. Rogier;„aber hier iſt meine Hand und zugleich das Verſprechen, daß ich Ihre Mittheilungen, wie das ganze Ge⸗ ſpräch, welches wir hier führen, als ein Geheimniß betrachten und bewahren werde!“
„Gut, Miſtreß!“ entgegnete Wright;„wie ich dachte, als ich die Frage wegen des Meſſers verneinte, habe ich Ihnen geſagt. In dem Augenblicke glaubte ich ſogar auch wirklich daran, daß jenes in der Bruſt des Squire aufgefundene Inſtrument und dasjenige, welches ich früher in der Hand eines mir be⸗ kannten Mannes geſehen, zwei verſchiedene ſein könnten oder müßten. Doch auf dem Wege von dem Orte der Verbrechens bis hierher habe ich eine andere Anſicht von der Sache ge⸗ wonnen, mit einem Worte: mein Verdacht iſt zur Ueberzeugung geworden. Aber gerade dieſe Ueberzeugung iſt geeignet, mich noch mehr als der bloße Verdacht davon abzuhalten, die Auf⸗ merkſamkeit auf die Schuldigen zu lenken. An Sir Burton iſt ein verabſcheuungswürdiges Verbrechen begangen— das iſt wahr! Die Gerichte ſind verpflichtet, daſſelbe nach den Beſtimmungen der Geſetze ſtreng zu ahnden— das iſt richtig! Aber nach meiner Anſicht haben die Schuldigen ſich gewiſſermaßen im Stande der Nothwehr befunden und, durch Verzweiflung zum Aeußerſten getrieben, gehandelt. Um end⸗


