Jahrgang 
2 (1879)
Seite
623
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mich. Ich war ein Mann, und der Vater ſchlug mich, wenn ich mit den Hunden in's Dorf laufen wollte. Ich wußte nichts von Gott noch Menſch, bis ich Dich ſah; ich wußte nicht, wie häßlich meine Mutter mich geboren hatte, wie häß⸗ lich meine Fratze, bis ich Dich ſah; ich wußte nicht, wie ſcheuß⸗ lich die Schinderin, bis ich Dich, Dich ſah! Du öfnneteſt mir die Augen, Du lehrteſt mich, daß es einen Gott geben müſſe und einen Teufel, einen großen Gott und einen größeren Teufel; Du füllteſt meine elende Seele mit Liebe und mit

Haß, mit weit mehr Haß als Liebe; ſeit ich Dich ſah, ward

ich grauſamer als zuvor gegen die hinfällige Kreatur, am grauſamſten gegen mich ſelbſt. Sieh', Nächte lang hab' ich zwiſchen dem Aas und der naſſen Haide gelegen und habe

mich ſelbſt tauſendmal abthun wollen wie ein böſes Vieh;

aber dann biſt Du mir erſchienen, dann habe ich Dich am Fenſter ſitzen, am Rand des Waldes Heidelbeeren pflücken, in der Stube ſpinnen ſehen, und dann hat es mich wieder auf⸗ geriſſen, ich habe nachgelaſſen, mein eigen Fleiſch zu ſchinden, und habe geheult mit dem Sturm im Walde und geſchrieen mit den Krähen. Halte die Augen nicht zu, Täubchen, daß ich Dich ſehen kann, wenn es blitzt. Hör' mich an! Geſtern Nacht dacht' ich ein anderer Menſch zu ſein, ich hatte mit Dir geſprochen, Dein Athem war mir entgegengeweht, Du hatteſt meinen Durſt geſtillt, mich mitleidig angeſehen. Da glaubte ich, als ich zurückging, alles Uebrige wäre nur ein Traum geweſen, mein ganzes Leben ein Traum; ich ging zurück und ſah durch Dein Kammerfenſter, ich klebte mein Ohr an die Scheiben und ſcheuerte meine Schulter wund gegen die Mauer. Der Tag vertrieb mich, ſonſt wäre ich zu Dir hineingekommen, der Tag riß mich auch aus meinem Wahn, ich war derſelbe Gottverdammte, der Häßliche, vor dem Weiber und Kinder die Flucht ergriffen. Ich verfluchte den Tag und ſchlich nach Hauſe wie ein geſchlagener Hund. Da erzählte der Vater mir, ſie wollten nächſtens einen Menſchen köpfen, der ſeinen Vater umgebracht hätte; da dachte ich an Deinen Raub. Was kann mir Aergeres widerfahren als dem Mörder; ich wollte Dich rauben, bei Tag oder bei Nacht, ich wollte Dein Haus und Dich nicht mehr aus den Augen verlieren, aber daß es ſo raſch, ſo leicht ginge, das dachte ich nicht! Nun habe ich Dich, Liebe, und Du biſt mein. Kein Menſch kommt zu uns in den Wald; da binde ich Dich feſt, daß Du bei mir bleiben mußt!

Der Freiknecht warf ſein Opfer rücklings in das Haide⸗ kraut, umklammerte die Arme auf's Neue, hob ſie mit ſeinen Armen in die Höhe und ſchritt dem Walde zu. Evelis ſtieß noch einen furchtbaren Schrei aus, dann lag ſie ohnmächtig an der Bruſt des Schrecklichen.

Eben zuckte ein greller Blitz über den rabenſchwarzen Wald, da hörte der Räuber Fußtritte hinter ſich erſchallen. Noch ehe er den Kopf gewendet, fuhr ihm eine gewaltige Fauſt hinten in den Nacken, daß er mit ſeiner Bürde zu Boden ſtürzte. Raſch ließ er dieſe fahren und wollte ſich emporrichten, aber die Fauſt ſeines Verfolgers ließ nicht von ihm ab, ſie hielt das lange rothe Haar gepackt und ſtemmte den Kopf des Elenden in das feuchte Moor, während wie Centnerlaſt ein Knie auf ſeinen Nacken drückte, das ſeine wüthendſten An⸗ ſtrengungen nicht von ſich loszumachen vermochten.

Gnade! röchelte endlich ſein Mund, der tief am Boden wühlte.

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Wollt Ihr mich hängen? kreiſchte der Freiknecht,ich habe keinen Strick. Aber ſchon zogen die ſchrecklichen Hände, unter deren Bleiſchwere er ſich nicht zu regen vermochte, ein Seil aus der Taſche ſeines Leinenkittels, packten ſeine beiden Fäuſte und knebelten ſie auf dem Rücken feſt zuſammen. Als der Freiknecht ſo gebunden war, erhob ſich ſein Sieger von ſeinem Nacken.

So ſollſt Du liegen bleiben, ſprach er zu dem Ge⸗ ſchlagenen,rege Dich nicht von der Stelle, wenn Dir Dein Leben noch lieb iſt. Mach' einen Verſuch, Dich aufzurichten, und ich ſtoße Dir dieſe Meſſerklinge in den Rücken!

Habt Erbarmen, ſtammelte der Unglückliche und ſchau⸗ derte vor der kalten Klinge zuſammen, mit der ſein Feind ihm die Hände ſtreifte. Dieſer hörte ſein Flehen nicht mehr; unter einem furchtbaren Donnergetöſe raffte er die ohnmächtige Evelis auf und trat mit ihr den Rückweg an. Der Regen ſchlug ihm und dem Mädchen in's Geſicht; die Kälte weckte die Lebensgeiſter der Letzteren. Aus einer entſetzlichen Todes⸗ angſt befreite ſie die Stimme ihres Geliebten. Furchtſam umklammerte ſie ſeinen Hals und barg ihr Geſicht an ſeine Bruſt. Sanft trug er ſie vorwärts. Als ſie das Häuschen erreichten, ſahen ſie den alten Invaliden ſich anſchicken, es zu verlaſſen. Evelis ſtürzte halb leblos in ſeine Arme. Bald erfuhr er das Geſchehene. Johann wich nicht aus dem Zimmer, er machte ſich tauſend Vorwürfe, Evelis vermocht zu haben, ihn in der Nacht zu erwarten; er vereinigte ſeine Stimme mit dem Gebet der armen Evelis, die ihrem Schöpfer auf den Knieen dankte, ſie aus ſo namenloſer Qual befreit zu haben.

Das arme gepeinigte Mädchen ſchlummerte endlich ein; die beiden Männer hielten an der Schwelle der Kammer Wache und draußen tobte das Gewitter, Blitz auf Blitz, Schlag auf Schlag.

Es muß im Walde gezündet haben, ſagte Johann, als er gegen Morgen, da es kaum zu dämmern begann, einen dichten Rauch aus dem Holze in die Höhe fahren ſah. Der Einnehmer war ſeiner Meinung; bald blieb ihnen kein Zwei⸗ fel mehr, denn ein röthlicher Schimmer glühte in dem Rauch herüber.

Du mußt Lärm im Dorfe machen, ſagte der Invalid zu dem jungen Bauern, der ſich ungern von Evelis trennen wollte. Die Gefahr hieß ihn, der Pflicht die Liebe opfern. Raſch lief er in's Dorf und in kurzer Zeit eilte ein Haufen rüſtiger Knechte mit Aexten und Sägen dem Walde zu. Hell kniſterte der Brand durch's Holz, das Getöſe leitete die Mann⸗ ſchaft der Behauſung des Abdeckers zu. Ein brenzlichter, un⸗ erträglicher Qualm ſtrömte ihnen entgegen. Ein unendliches Gekrächze von verſcheuchten Krähen gellte durch den Wald. Es muß bei dem Freiknecht eingeſchlagen haben, ſagten die Knechte und bald ließ die helle ſprühende Gluth auf dem freien Platz im Holze keinen Zweifel mehr. Sie kamen zu ſpät, um zu retten. Die elenden Ställe und die Baracke der Kavillerei waren niedergebrannt. Der heftige Regen hatte verhindert, daß das naheſtehende Fichtenholz von den Flammen angeſteckt wurde.

Noch ehe Einer die Frage nach den Bewohnern der Ab⸗ deckerei aufgeworfen hatte, erblickte Johann den jungen Boß auf dem Aſt einer hohen Tanne. Grinſend nickte er den

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