Jahrgang 
2 (1879)
Seite
624
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624 Concordia.

Knechten zu und lud ſie ein, ihn zu fangen. Auf ihre Fragen antwortete er ihnen mit Drohungen und Schimpfreden, und war durch nichts zu bewegen, von ſeinem hohen Sitz herabzukommen.

Das ganze Dorf verſammelte ſich nach und nach auf der Brandſtätte, die die Luft mit dem Geſtank verſengter Felle und kochenden Fetts verpeſtete. Auch der Kommiſſär fand ſich ein und gab dem Freiknecht gute Worte, herabzukommen; aber vergebens. Laut ſchrillte ſeine Fiſtelſtimme durch die Zweige; täuſchend ähnlich ahmte er das Geſchrei der Krähen nach.

Er hat den Verſtand verloren, Kinder, ſagte der Kom⸗ miſſär.Sucht ihn nur zu fangen.

Haut den Baum um, rief Johann und im Nu waren drei bis vier ſcharfe Aexte beſchäftigt, nach dem Takt tiefe Hiebe auf die alte Fichte zu thun; in wenigen Minuten neigte ſie ſich langſam zur Seite. Der Freiknecht hatte dem Treiben unter ihm mit wahnſinnigem Lächeln zugeſchaut; als er den Baum wanken fühlte, kletterte er wie eine Katze von einem Aſt zum anderen, und während die Zuſchauer ein lautes Freudengeſchrei bei dem Sinken der Fichte ausſtießen, ſtürzte er mit einem furchtbaren Gekreiſch ſammt dem Baum zu Boden. Schnell packten ihn ein Dutzend rüſtiger Fäuſte und banden ihm Hände und Füße, weil er wie ein Wüthender um ſich ſchlug. Noch an demſelben Morgen ließ der Krüger ihn in die Stadt bringen und über das Unglück Bericht abſtatten.

Der alte Freiknecht war bei dem Brande geblieben; als man die rauchenden Stellen durchſuchte, fand man ſeine verſchmorte Leiche ausgeſtreckt und unter ihr die Baarſchaft der Familie.

Boß ward von den Aerzten für wahnſinnig erklärt und in's nächſte Irrenhaus gebracht. In einem Rath, den der Krüger, der Einnehmer, Johann und der Kommiſſär pflogen, rieth der Letztere, die Gründe zu verſchweigen, welche ſie be⸗ rechtigten, den wahnſinnigen Freiknecht für den Brandſtifter und vielleicht ſelbſt für den Mörder ſeines eigenen Vaters zu halten. Boß blieb im Irrenhauſe und erhielt ſeine Vernunft nie wieder. Nach mehreren Jahren ſtarb er.

Johann aber hatte die Einwilligung zur Vermählung mit des Einnehmers Tochter von ſeinem Vater erhalten. Er baute ein ſchönes neues Wirthshaus an der neuen Heerſtraße, und noch ehe dieſes ganz vollendet war, zog er mit Evelis in daſſelbe ein. Das Schild des neuen Krugs trug die durch den Einfluß der Witterung heute ausgelöſchten Worte:Zum guten Herzen. Kommiſſär nahm ſeinen alten Kriegskameraden mit ſich in die Reſidenz. Beide ſtatteten lange Zeit alljährlich einen Beſuch imguten Herzen ab.

Bald rollte die Lokomotive durch die Gegend, in der dieſer Geſchichte ſich begab. Die neue Straße iſt auch bald eine alte geworden.

Plandereien.

Rechtspflege in Tunis.

Ein in Tunis ſehr angeſehener Notar wurde einſt wegen Fälſchuug eines Kaufkontraktes vor Gericht geladen. Bald ergab es ſich vor dem Tribunal des Bey, daß der Angeklagte des Ver⸗ brechens ſchuldig ſei, und er wurde nach und nach ſo in die Enge getrieben, daß er ſich zu demſelben bekannte. Der Strafe der Fälſchung alſo verfallen, wurde er zum Verluſte der rechten Hand verurtheilt und der Spruch ſofort an ihm vollzogen. Die Hand wurde mit großer Gewandtheit vom Arme abgelöſt und der Arm⸗ ſtumpf in heiß gemachtes Pech getaucht. Darauf ſetzte man den Sträfling verkehrt auf einen Eſel, band die abgehauene Hand dem Thiere mitten auf den Rücken und führte den Fälſcher ſo unter Begleitung Tauſender durch die Hauptſtraßen von Tunis und end⸗ lich nach Hauſe. Hier kann der Beſtrafte nun ruhig und ferner ungekränkt unter Freunden und Nachbarn leben, ohne daß er vom öffentlichen Anſehen irgend etwas eingebüßt hätte. Denn bei den Muſelmännern ſtirbt die Infamie des Verbrechens mit der er⸗ haltenen Strafe, und der ärgſte Delinquent nimmt ſofort Rang und Anſehen wieder ein, ohne daß fortan noch der geringſte Makel an ihm oder ſeiner Familie haften bliebe!

(Tollheit eines Engländers.) Ein Engländer aus einer angeſehenen Familie machte vor Kurzem ſeinem Leben ſelbſt ein Ende, nachdem er mehrere Jahre hindurch der ſeltſamſten Manie gefröhnt hatte. Seit zwanzig Jahren ließ er ſich jedes halbe Jahr einen neuen Sarg machen, den er anprobirte, aber nie nach ſeinem Geſchmacke fand. Wenn der Tiſchler ihm das Beſtellte brachte, ſo mäkelte der Engländer daran, wie ein Stutzer an einem neuen Frack. Er legte ſich in den Sarg hinein, aber er paßte ihm nie; bald war er zu lang, bald zu weit, bald drückte er ihn an den Achſeln, bald fand er irgend einen anderen Tadel. Kurz, es hatten zwölf Tiſchler für den wunderlichen Engländer gearbeitet, ohne ihn

befriedigen zu können. Dem Letzten erſt gelang es beſſer, und der Engländer zeigte ſeinen Freunden an, daß er nun gern aus dem Leben ſcheide. Er lud ſeine Freunde zu ſich, nachdem er Gift ge⸗ nommen hatte, legte ſich vor ihnen in den Sarg und ſtarb darin.

Ein Dorfſchulmeiſter hatte ſeine Schulkinder dadurch auf das Schulexamen vorbereitet, daß er jedem die Antwort auf eine Frage einſtudirt hatte. Als nun der Schulinſpektor kam, that dieſer zwar die gewöhnlichen Fragen, fing aber beim zweiten Jungen auf der erſten Bank an und fragte:Wie heißt die erſte Perſon in der Gottheit?Gott der Sohn! war die Antwort.Beſinne Dich, mein Sohn, ich habe gefragt, wie heißt die erſte Perſon? Gott der Sohn! blieb die Antwort.Ei, ei! ſagte der Inſpektor,Gott der Vater!Ne, ſagte der Junge und wies auf ſeinen Nachbar;Der hat den Vater, ich hab' den Sohn!

Ein Schauſpiel⸗Direktor brachte vor längerer Zeit in einem kleinen Städtchen mit ſeiner Truppe, beſtehend aus fünf Familien⸗ gliedern, ein SchauſpielDie Jagd zur Aufführung. Nach Be⸗ endigung der dürftig ausgefallenen Vorſtellung fragte der Direktor den zugegen geweſenen Hauptmann v. N., wie er ſich amüſirt habe. Sehr ſchlecht, lieber Mann; was Sie eine Oper,Die Jagd von Hiller nennen, war nach meiner Anſicht nichts als eine ge⸗ meine Wilddieberei, antwortete der Hauptmann.

Ein engliſcher Lord wünſchte lange den Dichter Johnſon kennen zu lernen. Er bat ihn alſo zur Tafel. Johnſon erſchien, wurde aber wegen ſeiner nachläſſigen Kleidung vom Pförtner abgewieſen. Es entſtand ein Zwiſt unter ihnen und endlich kam der Lord hinzu. Als er den Streit erfuhr, ſah er den Dichter an und ſagte: Es iſt nicht möglich, daß Sie Johnſon ſind! Sie ſehen ja aus, als könnten Sie nicht Bah zu einem Schaf ſagen.Bah! rief Johnſon und ſah den Lord ſtarr an.

Verantwortlicher Redakteur: Otto Freitag in Dresden. Verlag von Otto Freitag in Dresden. Druck von F. W. Gleißner in Dresden.

So hatte es Evelis gewünſcht. Der

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