Jahrgang 
2 (1879)
Seite
622
Einzelbild herunterladen

622

Concordia.

Weißt Du noch, fragte er ſanft,als ich mit der ſeligen Mutter allein blieb, kurz vor ihrem Tode? Weißt Du, was ſie mir ſagte, was ich ihr gelobte? Deine Mutter fragte mich, ob ich auch immer gut bleiben und an ſie denken wollte, und als ſie mir die Hände auf den Kopf gelegt und geſprochen hatte: Der Herr ſegne Dich! da fragte ich ſie, ob ſie keinen Wunſch mehr hätte. Ich habe noch einen, ſagte ſie, verlaß meine Evelis nicht, ſei ihr ein treuer Freund durch's Leben. Ich verſprach es ihr von Herzen in die Hand. Hab' ich Wort gehalten?

Schluchzend barg Evelis ihr Geſicht an des Freundes Bruſt.

Du hielteſt Wort, guter, lieber Johann, flüſterte ſie und hob das Auge thränenfeucht, wehmüthig zu ihm auf.

Er ſchlang den Arm um ihre ſchöne Schulter und drückte ſie innig an ſeine Bruſt.

Dich und keine Andere, rief er,dem Vater hab' ich's rund heraus geſagt. Er hat auch gefreit, die er wollte. Ich laſſe mich nicht zwingen!

Da kamen der Vater und der fremde Herr aus dem Dorfe.

Nur jetzt laß Dich nicht vor dem Vater ſehen, bat Evelis.Geh'.

So verſprich mir, heute Abend in der Lindenlaube zu ſein, ſagte Johann haſtig.

Verſchämt nickte ſie und erröthete, als des Geliebten Mund im Fluge ihre Lippen berührte. Johann ging zur Hinterthür hinaus. Da trat der Vater mit dem Fremden in's Haus. Evelis war verwirrt und erſtaunt. Der Kommiſſär nahm ihre Hand und redete ſchöne Dinge mit ihr. Seine Stimme klang väterlich und freundlich, was er ſagte, war ihr wie ein Märchen. Er ſprach vom Wiederfinden des Vaters, nannte ihn ſeinen alten Freund, ſeinen Kameraden, ſeinen Lebens⸗ retter und ſie ſelbſt ſeine gute, ſchöne Tochter. Er blieb lange, ließ ſich noch viel erzählen und wandte faſt kein Auge von Evelis, die wenig ſagen konnte. Auf ihrer Wange glühte die Freude und das Entzücken, ihre Lippen waren wie die Roſen⸗ knospen in ihrem Häuschen, wenn ſie im warmen Schatten aufbrachen; ihr Buſen klopfte, lauter als ſonſt, vor Liebe und Freude. Abends, als es dämmerte, brachte der Vater den fremden Herrn wieder in's Dorf. Er war kein Fremder mehr im Häuschen an der Heerſtraße, kein Fremder in Evelis' Herzen. Der Vater war wieder luſtig und guter Dinge, die Hoffnung war wieder eingekehrt bei ihm und ſeinem Kinde; die Zukunft lächelte Beiden entgegen.

Nicht ohne Bangen und Herzklopfen ſah Evelis die Nacht einbrechen und den Vater ſich zur Ruhe legen. Sie hatte verſprochen in die Laube zu kommen und dachte, es ſei viel⸗ leicht nicht recht; zum erſten Male in ihrem Leben warnte ſie eine innere Stimme vor Gefahren, denen der ſchwachen Schweſtern ſo manche erlag. Aber Evelis war ein ſtarkes Mädchen, eine tugendhafte Jungfrau, und Johann ihr guter, redlicher, vielgeliebter Freund. Was hatte ſie zu fürchten?

Draußen war es finſterer, als in der Nacht zuvor. Der Himmel hatte ſich noch nicht entladen, aber ein fernes ſchwaches Blitzen und Donnern»verkündete eine Gewitternacht. Die Luft war, wie am Tage, drückend und ſchwül, die Gegend ſtill und öde. Als erwarte Thier und Menſch den Ausbruch des Sturms, ſchwieg im Walde und im Dorfe Alles ſtill;

bei dem Schein eines hellen Blitzes zeigte ſich aber in der Haide die dunkle Geſtalt des Freiknechts, der ſeinen Weg vom Tannenwalde nach dem Chauſſeehauſe nahm; gebückt ſtreifte er durch die hohen Haidebüſchel und reckte ſich dann und wann empor, um die Gegend zu beobachten. Als er in die Nähe des Häuschens kam, ging er vorſichtiger und ohne Geräuſch vorwärts, umſchlich die Wohnung und verſchwand im Hofe.

Die Blätter der Lindenlaube raſchelten, von einem Wind⸗ ſtoß bewegt. Evelis horchte auf den leiſeſten Ton draußen, ihr war, als hätte ſie Geräuſch gehört. Der Vater athmete tief und ruhig, ſie trat an's Kammerfenſter und ſpähte hinaus. Dicht vor dem Fenſter regte ſich eine Geſtalt; ſie ſchien ihr zu winken. Sanft nickte ſie ihr zu. Im nächſten Augen⸗ blick ſtand das Mädchen auf der Hofthür vor der leiſe ge⸗ öffneten Pforte.

Biſt Du es, Johann? fragte ſie halblaut und that einen Schritt in den finſteren Hof.

Statt der Antwort glitt eine dunkle Geſtalt auf ſie zu, ein Paar kräftige Arme ſtreckten ſich ihr entgegen und um⸗ klammerten ihren Leib; im Nu war das erſchrockene Mädchen über den Seitengraben hinübergehoben und in die Haide getragen. Der Schreck über dieſen plötzlichen Ueberfall lähmte ihre Zunge, das Erkennen Deſſen, der ihn ausführte, füllte ſie mit Entſetzen. Die Angſt gab ihr Kraft und Stimme wieder. Ein heller Blitz übergoß die ſchwarze Haide mit

einem röthlichen Feuerſtrom; in dieſer Gluth ſtarrte Evelis

auf ihren Räuber und erkannte den ſchrecklichen Freiknecht. Sein Haar ſträubte ſich empor, ſein Auge begegnete dem ihren mit Baſiliskenblick, ſein Mund trachtete nach ihrer Lippe, ſein keuchender Athem hauchte ſie an Evelis ſtieß einen gellen⸗ den Schrei aus; aber ein lauter Donner folgte dem Blitz auf dem Fuß und überrollte den Angſtruf des Mädchens. Raſch fühlte ſie ſich durch die Haide geſchleppt, krampfhaft ſtemmte ſie ihrem Entführer beide Hände in's Geſicht und ſuchte ſich von ihm loszuwinden; lauter als zuvor ſchrie ſie nach Hilfe. Aber der Freiknecht hielt ſeine Bürde wie mit eiſernen Klammern feſt an ſich und hemmte erſt ſeinen Lauf, als ſie ſich dem Walde näherten. Ein heftiger Regen erſchwerte ihm ſeine ſchöne Laſt; erſchöpft ließ er ſie einen Augenblick auf die Erde nieder, ohne ſeine Hände von ihr zu löſen.

Ungeheuer! ſtöhnte Evelis, das Antlitz des Gräßlichen fortwährend von ſich abwendend,was willſt Du mit mir beginnen? warum läßt Du mich nicht los? was habe ich Dir gethan?

Gutes, Liebes haſt Du mir angethan, aber weit meht Böſes, ſprach der Freiknecht und ſchöpfte Athem.Höre mich an, fuhr er fort und ließ die Ermattete vollends in das naſſe Haidekraut nieder, hielt ſie mit der Linken feſt und kniete vor ihr auf die Erde.Seit einem Jahre quälſt Du mich Tag und Nacht; ich werde Dein Bild nicht los, nicht Deine Augen, Deine Füße nicht, nicht Deine Hände, noch Deine ſchöne Bruſt die Hunde des Waſen⸗ meiſters ſind beſſer dran wie ich; ich bin das ganze Jahr auf Deiner Fährte und bin erſt ein einziges Mal in Deine Nähe gekommen; geſtern Abend, geſtern Nacht. Sie war Dein und mein Unglück, ich habe ſie verflucht, denn ſie bereitet Dir und mir Qual. Hör' mich an, ſchöne Dirne, und weine nachher, wenn Du nicht mit mir lachen willſt! Ich habe nie im Leben ein Weib berührt, die Mädchen in Städten und Dörfern