Jahrgang 
2 (1879)
Seite
621
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Concordia. 621

finden, deren ſie bei ihren ausgedehnten Beſitzungen doch ſo dringend bedurfte. Eine ſtarke, energiſche Manneshand nur konnte im Stande ſein, die vielfachen Geſchäfte, welche die Verwaltung ihrer Güter mit ſich brachten, ruhig und ſicher abzuwickeln, ſie, die unerfahrene, nachgiebige Frau, mußte in dieſer ungewohnten Thätigkeit mit der Zeit erſchlaffen und die mühſam aufrecht erhaltene Ordnung in ihren Angelegenheiten dann dem Chaos verfallen. Dieſe Erwägungen legten ihr die Gewißheit nahe, daß ſie früher oder ſpäter ihren Wittwenſtand werde aufgeben müſſen, wollte ſie ſich nicht der Entwerthung ihrer Güter und empfindlichen Uebervortheilungen ausſetzen. Auf der anderen Seite durfte ſie ſich nicht verhehlen, daß eine Verbindung mit dem Legationsrath auch ihr Bedenkliches hatte. Es war ihr nicht entgangen, daß Ernſt eine tiefe Ab⸗ neigung gegen ihn hegte, die ſich dadurch äußerte, daß er denſelben ſo wenig beachtete, wie es, ohne unartig zu ſein, überhaupt geſchehen konnte. Wußte ſie auch, daß ihr Sohn weder den Willen noch die Macht beſaß, eine etwaige Wieder⸗ verheiratung zu verhindern, ſo würde es ihr doch ſehr ſchmerz⸗ lich geweſen ſein, wenn ſich zwiſchen den beiden ihr am nächſten ſtehenden Perſonen ein unfreundliches, geſpanntes Verhältniß

entwickelt haben würde. Was ſie über die Familienverhältniſſe des Jegationsrathes kannte, war nur ſehr wenig und ſtützte ſich auf gelegentliche Aeußerungen deſſelben, aber es genügte ihr. Danach war Stüber's Vater ein hoher Beamter in einem Miniſterium mit dem Titel Geheimrath geweſen, aber bereits verſtorben, noch ehe der Knabe der Schule entwachſen war. Nach beendeten Studien war er in den Staatsdienſt getreten und ſpäter als Attaché der Geſandtſchaft in Paris beigegeben worden. Mißhelligkeiten mit ſeinem Chef bewogen ihn, ſeinen Abſchied zu nehmen, und noch in demſelben Jahre hatte ihn der Graf Gatterſee in Nizza kennen gelernt. Die Gräfin dachte vorurtheilslos genug, um in der bürgerlichen Abkunft ihres Gaſtes kein Hinderniß ihrer etwaigen Verbindung zu erblicken; es genügte ihr, daß derſelbe aus guter Familie ſei, und der Umſtand, daß ſeine Verdienſte durch Verleihung des Kreuzes der franzöſiſchen Ehrenlegion, deſſen ſcharlachrothe Roſette er mit Vorliebe im Knopfloch trug, anerkannt worden waren, ſowie daß der Landesherr ihn mit dem TitelLegations⸗ rath ausgezeichnet hatte, bewieſen ihr, daß ſeine Kenntniſſe und Fähigkeiten ſich über das Niveau des Alltäglichen erhoben (Fortſetzung folgt).

Zum guten Herzen. Eine Novelle. (Fortſetzung und Schluß.) Ohne Dich hätt' ich dort jetzt auch längſt ſchon frei: miteinander in England und Spanien geweſen, hatten in den

Quartier, alter Kamerad! ſprach der Fremde gerührt und reichte dem Einnehmer beide Hände entgegen.Du haſt mich herausgehauen, das war mein Glück, aber Dein Unglück; von unſerem Bataillon blieben Viele, Du kamſt mit Deiner abgehauenen Rechten wie ich mit einer durchſchoſſenen Bruſt in's Lazareth in Brüſſel. Von da ab biſt Du mir aus den Augen gerathen.

Sie ſtanden mit auf der Todtenliſte.

Das war ein Irrthum, Freund, ich blieb am Leben, nahm den Abſchied, ward wieder geſund und ging zum Civildienſt über; nun finde ich in meinen alten Tagen Dich wieder, wo ich Dich nicht ſuchte. Wie geht es Dir? ſprich!

Wie es einem alten Invaliden heutzutage gehen kann, mein Lieutenant; aber ginge es mir noch zehntauſendmal ſchlechter, eine ſolche Freude, wie Sie mir jetzt verſchaffen, Sacristi! würde groß genug ſein, mich alles Ungemach vergeſſen zu laſſen!

Auch das franzöſiſch Fluchen verſtehſt Du noch? Aber ſprich, wie lebſt Du? Biſt Du zufrieden mit Deinem Loos?

Davon ein andermal, mein Lieutenant, oder was Sie ſonſt ſind, denn ich weiß es nicht.

Mach' keine Umſtände, guter, alter Haudegen; für Dich bin ich nichts als ein alter Kriegskamerad, der ſich freut, Dein Schuldner zu ſein. Es hat ſo kommen ſollen. Du weißt, Ihr ſollt hier vermeſſen werden und eine neue Land⸗ ſtraße erhalten. Ich bin im Auftrage der Regierung hier, um eine Karte von dieſer Gegend aufzunehmen. Da laß ich mir denn heute vom Wirth allerlei vorſchwatzen, über Land und Leute, höre Deinen Namen und erkenne Dich an der Beſchreibung.

Beide Männer wußten ſich viel zu erzählen, ſie waren

Ebenen von Brabant zuſammen gefochten. Treulich gedachten ſie der alten Zeiten, ihrer Schlachten, des Ruhmes, den ſie ihrem Vaterlande erfochten halfen, und des Friedens, der ſo viel goldene Früchte verheißen und ſo wenig Hoffnungen er⸗ füllt hatte.

Das muß anders werden mit Dir, ſprach der Kommiſſär, nachdem der Einnehmer von dem Tod ſeiner Frau, ſeinen trüben Ausſichten, ſeiner kargen Beſoldung und ſeiner lieben Evelis geſprochen hatte.Laß mich für das Mädchen ſorgen wie für Dich. Aber ſehen muß ich doch Deine Puppe, komm, wir wollen zu ihr.

Die beiden Kameraden brachen zuſammen auf; als ſie zur Thür hinausgingen, machten ihnen die Bauersleute, die vor dem Hauſe verſammelt waren und das Wetter beobachteten, ehrerbietig Platz und zogen die Mützen von den Köpfen. Nicht ohne Stolz ſchritt der Einnehmer neben ſeinem vornehmen Be⸗ gleiter her, an dem Krüger vorüber, der ihm freundlich zu⸗ nickte. Verwundert beobachteten die Dorfbewohner des Fremden Zutraulichkeit und die Dreiſtigkeit des Inypaliden. Der Krüger löſte ihnen das Räthſel und erregte manches Zuhörers Neid; einen ſolchen Kameraden wünſchte ſich wohl ein Jeder.

Als die beiden Krieger ſich dem Chauſſeehaus näherten und von dem kleinen Fenſter aus erblickt werden konnten, erſchraken Evelis und Johann, die Beide ſich ihr Leid geklagt hatten. Johann war gekommen mit betrübter Miene und hatte ein betrübtes Geſicht gefunden; Evelis ſchien ihm ver⸗ ändert, ſie war einſilbig und traurig, wie er ſie nie geſehen.

Sie wollen uns auseinander bringen, ſagte das gute Herz. 1

Evelis ſeufzte und ſchwieg. Da nahm ihr Freund ſie bei der Hand und führte ſie an die Schwelle der ſtillen Kammer.