Jahrgang 
2 (1879)
Seite
620
Einzelbild herunterladen

620 Concordia.

Entſchädigung in baarem Gelde zuſicherſt, um ſo eher können wir unſere Verhandlungen abbrechen. Ich möchte Deinen Vor⸗ wurf, nicht gehörig auf meine Zukunft bedacht geweſen zu ſein, entkräften, Du mußt mir aber dies durch die gewünſchte Zuſage ermöglichen.

Es liegt für mich nicht die geringſte Veranlaſſung vor, mich in dieſer Weiſe zu Verpflichtungen zwingen, mir die Hände im Voraus binden zu laſſen. Deine Zumuthung an mich iſt nahe verwandt mit Erpreſſung, und ich bin durchaus nicht geneigt, über mein künftiges Thun und Laſſen Vorſchriften anzuhören.

Das iſt nicht die Sprache der Freundſchaft und Kollegia⸗ lität, beſter Thomas! Was würde Deine künftige Braut ſagen, wenn ſie einen Blick in Deine Vergangenheit werfen könnte, wenn ſie von unſerer gemeinſchaftlichen Arbeit im Atelier erführe, von unſeren fidelen Gelagen mit Champagner und ſchönen Frauen, wenn ſie wüßte, daß ſelbſt Dein Titel

Wenn Du der Verräther wäreſt, würden Dich ſelbſt die ſchwerſten Folgen treffen! rief haſtig der Legationsrath und ſeine ſonſt ſo bleichen Wangen erſchienen zorngeröthet.

Möglich, ja vielleicht gewiß! erwiderte der Andere mit vollkommenem Gleichmuthe,Du vergiſſeſt aber, daß für mich Nichts, für Dich Alles auf dem Spiel ſteht. Die Aus⸗ ſicht, anſtatt als Gemahl der Gräfin Gatterſee in glänzender Equipage fahren zu können, in einer vielleicht ſehr noth⸗ wendigen, aber durchaus nicht angenehmen öffentlichen Anſtalt mit in grobe Leinwand gekleideten Leidensgefährten den zwei⸗ räderigen Karren ſchieben zu müſſen, iſt in der That nicht verlockend.

Wahrhaftig, Barthel, das iſt mehr als teufliſch! knirſchte Stüber.Ich bin leider Gottes in Deiner Gewalt, Du ſollſt die ſchriftliche Zuſage haben, über die Form werden wir uns morgen verſtändigen. Aber Du mußt mir in anderer Weiſe gefällig ſein.

Siehſt Du, ſo gefällſt Du mir, ich wußte es, daß Du zur Einſicht kommen würdeſt. Natürlich kannſt Du auf mich zählen, wenn ich der Aufgabe gewachſen bin.

Ganz gewiß biſt Du es, es handelt ſich um den jungen Grafen. Aber es iſt zu ſpät, Du wirſt der Ruhe bedürfen, Morgen ein Mehreres!

Mit gemiſchten Gefühlen ſuchten die beiden Freunde ihre Lagerſtätten auf, der Legationsrath Grimm und ohnmächtige Wuth im Herzen, der Andere mit dem befriedigten Bewußt⸗ ſein, ſeinen Zweck erreicht zu haben.

Es geht wider Erwarten gut, lachte der rothe Barthel, als er ſich allein ſah;es war ein glücklicher Zufall, der mich in dem Augenblick an die Stufen der Terraſſe führte, als dieſer ſogenannte Legationsrath der ſchönen und reichen Gräfin eine Liebeserklärung machte. Wahrhaftig, alter Freund, ich hätte nicht geglaubt, daß Du ſchon ſolche Fortſchritte gemacht hätteſt, aber die Kenntniß davon giebt mir eine unſchätzbare Waffe in die Hand. Alſo hüte Dich und ſei nicht ſo knauſerig gegen Deine nächſten Bekannten, ſie könnten ſonſt Veranſtaltung treffen, daß Dir das Goldfiſchchen in letzter Stunde entſchlüpft.

Er ſtreckte ſich auf ſein Lager und bald verriethen tiefe, regelmäßige Athemzüge, daß nicht blos die Gerechten, ſondern zuweilen auch recht verkommene Menſchen ſich eines geſunden Schlafes erfreuen können.

V

7. Kapitel.

In der erſten Etage des geräumigen Schloſſes Gatterſee befanden ſich, außer einer kleinen Gemäldegalerie, mehreren Bibliothekzimmern, ſowie Speiſe⸗ und Bankettſälen, die Woh⸗ nungsräume der gräflichen Familie. Die Mehrzahl der Ge⸗ mächer war nach dem Park zu gelegen, über deſſen ſorgfältig gepflegte Anlagen ſich von den Fenſtern aus ein herrlicher Ausblick öffnete. Die weißen Marmorſtatuen, ausnahmslos altgriechiſche und römiſche Göttergeſtalten darſtellend, hoben ſich von dem dunklen Laubhintergrunde vortrefflich ab, die Blumen und Teppichbeete prangten in den glänzendſten, ge⸗ ſchmackvollſten Farbenzuſammenſtellungen, die Schattirung des Blätterwerkes der verſchiedenen edlen Bäume und Sträucher zeigte die mannigfachſten Abwechſelungen, vom hellſten Blaß⸗ grün bis zum dunkelſten Braunroth, und aus der Ferne, zwiſchen einer Lichtung des Blätterwerkes, glitzerte der Spiegel des kleinen See's herüber. Während der Nacht hatte es geregnet und die erfriſchten Zweige und Ranken ſchienen ſich in der Morgenſonne vor Lebensluſt und Behagen zu ſtrecken und zu dehnen, und die Blumen erhoben ihre bunten Blüthen⸗ köpfe und nickten der leuchtenden Königin des Himmels dankdar zu.

An dem geöffneten Fenſter eines elegant eingerichteten Zimmers ſtand die Gräfin in einfacher Morgentoilette. Ihr Blick ſchweifte gedankenvoll hinaus in die Ferne, über die grünen Baumwipfel hinweg in's Unbeſtimmte, ohne daß das Auge einen anderen Ruhepunkt als den blauen, von den Strahlen der Sonne durchleuchteten Aether gefunden hätte. Auf den Zügen der ſchönen Frau lag eine gewiſſe Abſpannung, wie ſie ſchweren Sorgen und ſchlafloſen Nächten zu folgen pflegt; ihre Wangen waren bleich und die Ränder der Augen geröthet.

Seit jenem Abende, als der Legationsrath ſo ſeltſame Worte ſagte, hatte ſie denſelben nicht wieder geſehen. Bei Tiſche ließ ſie ſich durch Unwohlſein entſchuldigen und zu den übrigen Tageszeiten vermied ſie es ſorgfältig, ihrem Gaſte im Hauſe oder Park zu begegnen. Sie fühlte, daß ſie in ſeiner Gegenwart befangen, vielleicht ängſtlich erſcheinen würde; ſie fürchtete, ſich durch ihr Weſen verrathen, durch ein unbedachtes Wort Zugeſtändniſſe oder Weigerungen ausdrücken zu können, die ſie ſpäter vielleicht bereut haben würde. Erſt nachdem ſie mit ſich im Klaren ſein würde, wie ſie die Bewerbung des Legationsrathes aufnehmen wolle, konnte ſie denſelben wieder⸗ ſehen; je nachdem ihre Entſcheidung ausfallen würde, feſſelte ſie ihren Gaſt für immer an ſich, oder derſelbe konnte, wenn ſie ihn zurückwies, nicht ferner ihre Gaſtfreundſchaft genießen.

Soviel ſie die Angelegenheit auch bereits nach allen Seiten erwogen hatte zu einem beſtimmten Beſchluß war ſie noch immer nicht gelangt. Der Legationsrath war ein vollendeter Kavalier, im höchſten Grade rückſichtsvoll und aufmerkſam; nie hatte ſie auch nur die geringſte Verletzung der Etiquette, der Artigkeit an ihm bemerkt; ſeit ſie ihn kannte, war er ſich immer gleich geblieben. Ein ſo konſequenter Charakter konnte nicht in das Gegentheil umſchlagen, er bot die Gewähr, daß er auch in Zukunft die gleiche Haltung beobachten, ſich nie⸗ mals die Achtung ſeiner Umgebung verſcherzen werde. Sie ſtand allein, an ihrem jugendlichen Sohne, das wußte ſie, würde ſie in wirthſchaftlichen Dingen wohl niemals die Stütze