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Concordia. 619
„Nun, ich hätte mir einen beſſeren Empfang gewünſcht, Thomas,“ gab der Angeredete mit heiſerem Lachen zurück.
„Hier dürfen wir nicht bleiben,“ ſagte Stüber, die ironiſche Bemerkung ſeines Bekannten abſichtlich überhörend,„man könnte uns ſehen oder gar belauſchen. Komme mit in mein Zimmer, aber ſo geräuſchlos wie möglich, es iſt Alles verloren, wenn man Dich hier findet.“
Er ſchritt voran, der rothe Barthel, wie ihn Stüber ge⸗ nannt hatte, folgte. Auf den weichen Teppichen, welche die Treppen und Korridore bedeckten, gelangten ſie unbemerkt in's zweite Stockwerk des Schloſſes, wo die Wohnung des Legations⸗ rathes lag. Sie beſtand aus zwei geräumigen, geſchmackvoll ausgeſtatteten Zimmern und einem Schlafkabinet, an welches die Dienerſtube ſtieß.
Nach dem Eintreten verſchloß und verriegelte Stüber ſorg⸗ fältig die Thür und zündete die auf einem ſilbernen Arm⸗ leuchter befindlichen Lichter an, während der Fremde ſich ohne Umſtände in eine mit hellblauem Seidendamaſt überzogene Cauſeuſe warf.
„Wie ich ſehe, biſt Du hier recht behaglich eingerichtet,“ ſagte er, indem er den Blick im Zimmer umherſchweifen ließ, „und ich finde es ſehr begreiflich, daß Du hier eine andere Rolle, als die eines Gaſtes, ſpielen möchteſt.“
„Laß das jetzt,“ erwiderte der Legationsrath,„und ſage mir ohne Umſchweife, weshalb Du mich hier aufſuchſt. Aber um des Himmels willen, ſprich leiſe!“
„Du behandelſt Deinen Beſuch nicht ſehr gaſtfreundlich, Thomas, obgleich Du ſelbſt von dieſer Tugend ſehr aus⸗ giebigen Gebrauch machſt. Anſtatt mir zunächſt eine Cigarre zu präſentiren und Dich nach meinem Befinden zu erkundigen, fragſt Du ſofort in geſchäftsmäßigem Tone nach meinem Begehr!“
Ein ſchneidender Spott lag in der Redeweiſe des Fremden; der Legationsrath hatte offenbar Mühe, ſeine Ruhe zu be⸗ wahren. Er ſetzte eine Schatulle mit Cigarren auf den Tiſch; der rothe Barthel langte ſich ſofort eine zu und ſetzte ſie in
rand.
„Die Zeit drängt, in einer Stunde wird das Thor ge⸗ ſchloſſen und Du könnteſt ohne Hilfe des Hausmeiſters nicht mehr in's Freie gelangen. Du darfſt aber unter keinen Um⸗ ſtänden im Schloſſe geſehen werden.“
„Du willſt mich doch nicht in ſo ſpäter Abendſtunde an die Luft ſetzen, Thomas? Die Nachtluft könnte mir nach⸗ theilig ſein, und Du haſt ein viel zu gutes Herz, als daß Du mich der Gefahr ausſetzen möchteſt, krank zu werden. Es wird Dir deshalb nur Vergnügen machen, mich dieſe Nacht zu beherbergen; ich nehme, um Dir keine Unbequemlichkeiten zu verurſachen, gern mit dem Sopha vorlieb. Morgen, mit Einbruch der Dunkelheit, ziehe ich dann wieder friedlich meine Straße.“
Er ſagte das ſo beſtimmt, daß Stüber die Erfolgloſigkeit ſeiner Einwendungen einſah. Der innere Grimm über den aufdringlichen Gaſt machte ſich in dem nervöſen Zucken ſeiner Hände bemerkbar.
„In unſerem Atelier ſieht's jetzt traurig aus,“ fuhr der Fremde fort,„die Arbeit iſt gefährlich geworden, ſeitdem unſere uniformirten guten Freunde Lunte gerochen zu haben ſcheinen. Wir müſſen jetzt die äußerſten Vorſichtsmaßregeln anwenden, denn wir haben untrügliche Anzeichen, daß man uns beobachtet.
Unter dieſen Umſtänden wirſt Du mir die Verſicherung glauben, daß der Verdienſt ein ſehr karger iſt.“
„Du hätteſt Dir in den guten Zeiten etwas zurücklegen können. Ein halbes Dutzend Champagnergelage im Jahre weniger, würden eine erkleckliche Erſparniß geweſen ſein, die Dir jetzt zu ſtatten käme.“
„Und das ſagſt Du?“ rief der rothe Barthel faſt laut, „Du, für den das Geld von jeher nicht den mindeſten Werth hatte? Du biſt von unſerer Zunft, und deshalb ſteht Dir die Rolle des Sittenpredigers wie dem Affen der Frack. Wie gewonnen, ſo zerronnen, und bei Dir hat ſich dieſes Sprich⸗ wort nicht minder bewährt, als bei uns Anderen Allen.“
„Dennoch habe ich beſſer gerechnet, als Ihr; ich habe wenigſtens an meine Zukunft gedacht!“
„Es iſt wahr, Du biſt glücklicher geweſen, als Deine Mitarbeiter, und wenn ſich die Pläne, von denen Du mir früher ſagteſt, verwirklicht haben werden, biſt Du ein gemachter Mann. Siehſt Du, Thomas, und jetzt gerathen wir in's richtige Fahrwaſſer, juſt deswegen habe ich Dich aufgeſucht. Der Arbeit in unſerem Atelier bin ich nachgerade überdrüſſig, jeden Augenblick läuft man Gefahr, beim Kragen genommen und auf Jahre hinaus der Fürſorge und Obhut von Leuten anvertraut zu werden, nach deren Wohlwollen ich mich eben ſo wenig ſehne als Du.“
Ueber die Züge des Legationsrathes glitt ein ſarkaſtiſches Lächeln.
„Du willſt doch nicht Miſſionsprediger werden?“ fragte er mit einem Anflug von Hohn.
„Dieſe Beſchäftigung würde mir vorausſichtlich wenig zuſagen, viel beſſer würde ich mich zu einem mehr weltlichen Poſten eignen. Zum Beiſpiel fühle ich ganz das Zeug in mir, die Stellung eines Schloßinſpektors von Gatterſee aus⸗ zufüllen, vorausgeſetzt, daß Du, wenn Du erſt Beſitzer biſt, dieſe Charge anſtändig dotirſt und dem Inhaber derſelben die unumgänglich nothwendige Equipage und einige Reitpferde zur Verfügung ſtellſt.“
„Du ſprichſt mit großer Zuverſicht von Dingen, die noch im Schoße der Zukunft verborgen liegen,“ erwiderte Stüber, deſſen Stirn ſich in düſtere Falten gelegt hatte.„Wenn je⸗ mals der Fall eintreten ſollte, den Du mit ſolcher Gewißheit vorausſiehſt, ſo würde ich mir doch die Freiheit und Selbſt⸗ ſtändigkeit meines Handelns unter allen Umſtänden zu wahren wiſſen.“
„Gut gebrüllt, Löwe!“ ſagte der rothe Barthel mit un⸗ erſchütterlicher Ruhe,„aber der König der Thiere ſoll außer ſeiner wuchtigen Stimme auch eine andere gute Eigenſchaft beſitzen— die der Großmuth. Ich bin überzeugt, Du läſſeſt als Gatte der liebenswürdigen Herrin dieſes Gutes anderen bedürftigen Mitmenſchen gern etwas von Deinem Ueberfluſſe zukommen.“
„Es iſt zwecklos, jetzt über ſolche Dinge zu reden,“ unter⸗ brach ihn der Legationsrath ungeduldig;„wenn der geeignete Zeitpunkt da iſt, läßt ſich auf die Sache zurückkommen.“
„Du irrſt, wenn Du unſere Verhandlungen für zwecklos hältſt, im Gegentheil, dieſelben ſind der Zweck meines Hier⸗ ſeins. Je ſchneller Du mir eine bindende ſchriftliche Erklärung giebſt, in welcher Du mir ſofort nach Deiner Verheiratung mit Gräfin Gatterſee eine angemeſſene, nicht untergeordnete Stellung auf einem der gräflichen Güter oder eine entſprechende
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