618
Concordia.
Dich ſtets als mein tröſtendes Engerl, wie noch die Nacht meine Augen umzogen hatt'.“
„Iſt's wahr, Mütterl?— O, wie unendlich mich das gefreut, daß Ihr mich jetzt ſehen könnt und ich dem Engerl gleich ſehe', das Euch früher im Traum erſchienen iſt,“ er⸗ widerte die junge Frau.
„Und das verdanken wir nächſt Gott dem wackeren Herrn Silberhorn im Oedhof,“ ſprach der Gatte des lieb⸗ reizenden Weibchens.„Heut' kommt der Vater vom Ruck⸗
Gütl herab in Heimgarten zu uns. Reſerl, wart' ihm fein guat auf Dein' Vater, liab's Weiberl, net wahr?“ fuhr der Sprechende weiter.
„Gewiß, liaber Mathies! da ſoll's net fehlen,“ ſagte ihr roſiger Mund. Doch da horchte ſie nach dem nahen Sommer⸗ häuschen hin; ſie legte den Finger auf den Mund und ſagte: „Horch', Mathies, unſere kleine Wally weint,“ und es ent⸗ ſchwand zwiſchen blühenden Bäumchen und Büſchen unſeren Blicken die junge glückliche Mutter, das Reſerl am Brandt
Geheimnißvolle Pfade.
Erzählung von Otto Eberſtein. (Fortſetzung.)
„Mutter, halt' ein!“ ſchrie Suſanne in überwallendem Schmerz und preßte das thränenfeuchte Tuch an die Stirn.
„Nun denn,“ ſagte Ernſt und eine wunderbare Feſtigkeit lag in den ſonſt ſo weichen Zügen,„ſo laſſen Sie auch mich Ihnen ſagen, daß ich Suſanne liebe mit der ganzen leiden⸗ ſchaftlichen Gluth, deren das Männerherz fähig iſt, mit der Tiefe und Innigkeit, die ſich über alle künſtlichen Schranken hinwegſetzt, die nicht nach Rang und Stand fragt, ſondern die allein das geliebte Weſen, ſo wie es iſt, umfaßt. Als ich an jenem verhängnißvollen Tage in Suſanne's Armen aus meiner tiefen Betäubung erwachte, und mein erſter Blick ihr thränen⸗ feuchtes Auge traf, in welchem ſich die bange Sorge um mich malte, da ward es auch mir klar, daß das Gefühl in meiner Bruſt mehr als Freundſchaft zur Jugendgeſpielin, daß es Liebe für das edelſte, aufopfernſte Weſen ſei, das jemals verdiente, geliebt zu werden.“
Um den Hals des Grafen ſchlangen ſich ſtürmiſch zwei volle, weiße Arme mit ſolcher Heftigkeit, als wollten ſie ihn nie wieder von ſich laſſen.
Eine ſeltſame Ruhe lag in dem Weſen des jungen Mannes, der in dieſem Augenblicke aus dem ſchwärmeriſchen Jünglinge zum ſtarken, kräftigen Manne herangereift zu ſein ſchien. Frau Gerhard ſchaute mit einem Blicke, in dem ſich Staunen und Bewunderung miſchten, zu ihm auf.
„Noch einmal, Herr Graf, bedenken Sie den Standes⸗ unterſchied, laſſen Sie ſich nicht von augenblicklicher Stimmung hinreißen und machen ſich und das arme, unverſtändige Ding dort für immer unglücklich. Es werden Ihnen reiche, glänzende Partien geboten werden, in Ihren vornehmen Salons, wo die Diamanten funkelu und der Atlas rauſcht, könnten Sie leicht geblendet werden und an den feurigen Augen einer Ihrer Modedamen ſich eine Flamme in Ihrem Innern entzünden, welche die Erinnerung an die arme Bahnyvärterstochter ver⸗ zehrt. Ich weiß, wie es zugeht,“ fuhr ſie fort und begann in ihr Lieblingsthema einzulenken;„als ich noch in meinen jungen Jahren bei dem Geſandten diente, da hatte ich Augen und Ohren offen, und ich habe bei unſeren Soireen und Geſell⸗ ſchaften manchen leichtfertigen Kavalier, manches kokette, ge⸗ fallſüchtige Dämchen kennen lernen und manche Liebesintrigue hat ſich, ſo zu ſagen, unter meinen Augen abgeſpielt. Oft habe ich meinem Benjamin, der damals noch Unteroffizier war, davon erzählt, wenn wir unſeren Abendſpaziergang machten— was wird er ſagen, wenn er von der Strecke heimkehrt und hier dieſe Veränderung findet!“
Der Graf reichte der Alten lächelnd die Hand.
„Fürchten Sie nicht, daß ich mich in Netze verſtricken werde, die geſponnen werden, mich zu fangen. Ich verachte dieſes Treiben, und werde etwaigen Verſuchungen in ge⸗ bührender Weiſe begegnen. Nur um das Eine bitte ich noch, halten wir unſere Liebe für jetzt geheim, bewahren wir ſie als Heiligthum vor den neidiſchen Augen der Welt, die uns unſer Glück nicht gönnen könnte, bis es Zeit iſt, den Schleier des Geheimniſſes zu lüften und ich offen hervorzutreten vermag mit dem Bekenntniß: Dieſe hier und keine Andere ſoll es ſein!“
„So ſchütze und ſegne Euch der grundgütige Himmel!“ ſagte Frau Gerhard und langte das alte Geſangbuch hervor, um ihre Hoffnungen für das junge Paar an einem der alten guten Kirchenlieder zu ſtärken und aufzurichten, während Ernſt und Suſanne an's Fenſter traten und ſich in der Sprache der jungen Liebe unterhielten, die ſich ſo unendlich viel zu ſagen hat und ſich doch nur ſo unvollkommen in Worten auszudrücken vermöchte, wenn nicht ein Händedruck, ein inniger Blick das Fehlende ergänzte.
Draußen, hinter den Blumenſtöcken, die Suſanne's ſor⸗ gende Hand vor das Fenſter geſtellt hatte, um ihnen Luft und Sonnenſchein zuzuführen, verſchwand bei der Annäherung der Liebenden der Kopf einer Frau, die mit ſcharfem Auge und Ohr der Szene im kleinen Stübchen gefolgt war. Unhörbar huſchte die Geſtalt in das dichte Haſelgeſträuch, das vom nahen Waldesſaum bis an das Haus herantrat und ſie ſofort den Blicken der Bewohner entzogen haben würde, wenn dieſe über⸗ haupt daran gedacht hätten, ſich nach unberufenen Spähern umzuſehen.
Es war die tolle Guſte, die durch das Gebüſch dem Walde zueilte.
6. Kapitel.
An jenem Abende, als der Legationsrath im Parke die tolle Guſte verlaſſen hatte, ſchritt er haſtig, aber geräuſchlos der Richtung zu, von welcher die beiden Pfiffe gekommen waren. An einer Biegung, unweit des Herrenhauſes, trat ihm plötzlich ein Mann in den Weg, der ſich bis dahin in dem dichten Buſchwerk verſteckt gehalten haben mußte. Stüber fixirte ihn ſcharf, ſoweit dies die Dunkelheit zuließ; in ſeinem Weſen prägte ſich der tiefe Unmuth aus, den er über den Beſuch zu empfinden ſchien.
„Du hier, rother Barthel?“ flüſterte der Legationsrath dem Fremden zu;„das iſt gegen die Verabredung!“


