Jahrgang 
2 (1879)
Seite
598
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Concordia.

und herſchwankte. Eine gute Strecke vom Chauſſeehauſe ent⸗ fernt, ging der Weg zum Walde von der Heerſtraße ab und bog in die Haide, in die der Freiknecht den erſchöpften Gaul einige hundert Schritte tief hineintrieb und zerrte, dann plötz⸗ lich Halt machte, die Zügel befeſtigte und das Brot hervor⸗ zog, das ihm Evelis geſchenkt und das er unter ſeinem ſchmu⸗ zigen Hemde auf der Bruſt verwahrt hatte. Er brach es entzwei, warf die Brocken in einen leinenen, mit einem Riemen verſehenen Sack, den er dem Pferde um das Maul band, und verließ ſein Geſpann. Eilig kehrte er quer durch die Haide zu dem Chauſſeehauſe zurück, dem er ſich ſchleichend näherte. Leiſe, die großen, ſchweren Schuhe von den Füßen ziehend, trat er in den Hof und kauerte ſich unter dem niedrigen Kammerfenſter an die Erde. Die Laterne am Straßenfenſter erleuchtete das Innere des Wohnzimmers und ſchien durch die geöffnete Thür ſelbſt in die Kammer. Vorſichtig und langſam hob der Lauernde den Kopf und lugte durch die faltenloſen Vorhänge in das Innere des Gemachs. Deutlich konnte er das Gewand des in der Stube im Lehnſtuhl ſitzenden Mädchens unterſcheiden, deutlich ſehen, wie ſie ihre Schuhe von den kleinen Füßen ſtreifte. Gierig verfolgte er jede ihrer Be⸗ wegungen. Evelis ſtand auf und näherte ſich der Kammer, ſie löſte das Band des engen Mieders, das die ſchöne Bruſt bedeckte, ſie enthüllte ihre weißen Schultern von dem bunten Tuch, das ſie bis zum Halſe einhüllte, ſie entfeſſelte das auf⸗ geflochtene Haar, daß es wie ein langer braunſeidener Büſchel den Rücken herabhing. Dann ſchlüpfte ſie raſch aus ihrem Gewande, warf ein Nachtkleid über, trat hinter die Kammer⸗ thür und huſchte in ihr einſames Lager.

Der ſchamloſe Späher ſchwelgte in dem Anblick der ſchönen Geſtalt, die ſich ſeinem lüſternen Sinne ſo unverhofft preisgegeben hatte. Regungslos verharrte er in ſeiner liegen⸗ den Stellung am Boden; da er mit den Augen nichts als einen undeutlichen Schimmer von dem Lager des Mädchens gewahren konnte, legte er behutſam das Ohr an's Fenſter und horchte auf die lauten Athemzüge des ſchlafenden Ein⸗ nehmers und auf die Seufzer der Tochter, die er deutlich unterſcheiden konnte. Er ſelbſt hielt den Athem an und lag

moch lange horchend an der Erde auf den Knieen, bis ihm das

lewieher des verlaſſenen Gauls in der Haide an den Aufbruch mahnte. Leiſe kroch er unter dem Fenſter fort, erhob und beſchuhte ſich wieder und kehrte ſeitwärts zu ſeinem Fuhrwerk zurück.

Der Tag begann zu grauen, als der Freiknecht mit dem Karren in den Fichtenwald einbog. Als er ſich ſeiner Behauſung auf einige hundert Schritte genähert hatte und auf dem freien Platz ankam, in deſſen Mitte die Wohnung lag, erhob ſich ein Geheul von Hundeſtimmen, die die Ankunft ihres Herrn ver⸗ kündeten.

Der Platz, zu dem der Holzweg führte, bot einen über⸗ raſchenden Anblick dar. Rings von hohen finſteren Tannen eingehegt, erhob ſich hinter einem waſſerleeren Graben eine Art niedriger Verſchanzung, in deren Inneres man durch eine hölzerne Pforte gelangte; drei kleine Gebäude lehnten ſich in der Mitte des Platzes aneinander; das mittlere, das ein paar ürmliche Fenſter hatte, war das Wohnhaus, eines der beiden Seitengebäude ein Stall und das andere die Fettſiederei des Freiknechts. In dem letzteren befand ſich ein großer ein⸗ gemauerter Keſſel und andere zum Durchſeihen des flüſſigen

Fettes, zum Trocknen der Felle und für ähnliche Zwecke dienende Werkzeuge. Seitwärts von den Gebäuden lag ein Haufen Pferde⸗ und anderer Gerippe, auf denen ein halbes Dutzend Raben trotz des frühen Morgens ſaßen und die Reſte des Fleiſches abhackten; ein paar aus Brettern zuſammengeſchlagene Hundehütten waren von den wohlgenährten Wächtern dieſer Einſiedelei beſetzt. Die Thiere krochen ihrem Herrn wedelnd entgegen, als er mit ſeinem Karren zum Thore einfuhr, an ihrer ſchleichenden Bewegung gab ſich ebenſoviele Freude als Furcht zu erkennen. In dem letzteren Gefühl beſtärkten ſie

mehrere Fußtritte ihres Herrn, die ihren Liebkoſungen ent⸗

gegnet wurden.

Mit dem Eintritt in ſein Revier ſchien der Anflug von

menſchlichem Gefühl, den der Freiknecht in der Nacht kund⸗

gegeben hatte, wieder von ihm gewichen zu ſein. Während er vom Chauſſeehauſe ſich entfernte und neben ſeinem Fuhrwerk langſam herwanderte, den Kopf ſinnend auf die Schultern ge⸗ bückt, lag etwas Bekümmertes, Nachdenkliches in ſeinen Zügen; bei dem Anblick ſeiner unheimlichen Behauſung und der Schädelſtätte neben ihr war ihm, als hätte er geträumt; behende und als hätte er ſich eben erſt vom ſtärkenden Lager erhoben, löſte er die Stränge des todtmatten Pferdes, führte es in den niederen Stall, entzäumte es und warf ihm einen Arm voll Heu in die Krippe, während das hungerige Thier in dem leeren Trog nach den wenigen Haferkörnern umherſchnupperte, die darin zerſtreut umherlagen. Dann lockerte der Freiknecht die Streu unter den Füßen des Thieres auf und verließ den Stall. Vor dieſem ſtand an dem beladenen Karren die rückenkrumme, grauhaarige Geſtalt eines alten Mannes, deſſen Haupt und Hände vor Alter heftig zitterten. Einen knotigen Stock in ſeiner Linken, ſtreckte er die Rechte nach dem Nacken und den Weichen des todten Pferdes aus und betaſtete es bedächtig, indem er fortwährend mit dem Kopf ſchüttelte. Das plötzliche, faſt geheimnißvolle Erſcheinen des Greiſes ſchien auf den Jüngeren nicht den geringſten Eindruck hervorzubringen; ebenſo wenig äußerte der Alte Neugierde oder Freude über des Anderen Ankunft. Beide Männer ſchenkten ſich keine Art von Aufmerkſamkeit. Boß trat vielmehr durch die Thür des Wohnhauſes in das niedere düſtere Zimmer, an einen Wand⸗ ſchrank und holte aus demſelben Stoff zu einem Imbiß hervor. Als er ſich zum Frühſtück niedergeſetzt, trat der Alte ein und nahm kopfſchüttelnd Platz in einem dunklen Winkel, aus dem ſein wackelndes greiſes Haupt geſpenſtiſch hervorblickte. So hinfällig und abgeſtorben die Geſtalt des Alten auch ſchien, lag doch in ſeinen Mienen eine Friſche, die mit der Stumpf⸗ heit ſeines übrigen Körpers im Widerſpruch ſtand. Den Blick auf den jungen Freiknecht gerichtet und jeden Biſſen, den der Hungerige zu Munde führte, mit den Augen verfolgend, ſchien er den Augenblick zu erwarten, in welchem jener das Schweigen brechen würde. Aber Boß war nicht redſeliger wie zuvor, ſondern verharrte in ſeinem Schweigen, das in dieſer ſchauer⸗ lichen Waldeinſamkeit etwas Furchtbares, zu Boden Drückendes hatte.

Sohn, ſprach endlich der Alte und hob das Haupt es giebt friſche Arbeit!

Ihr ſeht ja erwiderte der Angeredete verdrießlich, ich komme eben von der Arbeit; oder meint Ihr, es wäre keine, ſechs Meilen mit dieſem verfluchten Gaul, der nicht