„Herr Graf?— Menſchenpflicht?“ fragte Ernſt erſtaunt und trat einen Schritt zurück.„Seit wann behandelt man ſeinen treueſten Jugendgefährten mit ſolcher Förmlichkeit?“
Es lag etwas Bittendes, aber auch ein leiſer Vorwurf in der Betonung dieſer Worte.
„Die Zeit der Jugendſpiele iſt vorüber, Herr Graf,“ nahm Frau Gerhard das Wort;„Sie ſind ein junger, vor⸗ nehmer Mann geworden und meine Tochter iſt auch kein Kind mehr. Sie waren uns ſtets ein lieber, willkommener Beſuch, Herr Graf, aber es iſt beſſer, wenn Sie Suſanne nicht mehr ſehen.“
„Sie zeigen mir die Thür, Frau Gerhard?“ rief der junge Mann beſtürzt,„und das in einem Augenblicke, wo ich mich mehr als je an dieſes liebe, trauliche Häuschen und ſeine Bewohner gefeſſelt fühle! Es zog mich mit magnetiſcher Kraft hierher und Sie ſtoßen mich von ſich!“
Suſanne ſaß wieder ſtill weinend auf ihrem Plätzchen.
„Zwiſchen dem reichen Erben einer Grafſchaft und der armen Bahnwärtersfamilie iſt eine große unüberwindliche Kluft. Wären Sie unſeres Standes, würde ich Sie mit Freuden willkommen heißen!“
„Iſt es nur das?“ fiel Ernſt eifrig ein.„Wann habe ich je daran gedacht, daß meiner ein vielleicht bedeutendes Ver⸗ mögen harrt, daß mir durch meine Geburt ein Titel zugefallen iſt, der mich in den Augen der Alltagsmenſchen hoch über ſie erhebt? Es giebt keinen Ort auf der Welt, wo ich mich ſo heimiſch fühle, als hier, in Ihrem kleinen Zimmer, unter guten, aufrichtigen Menſchen, die ſich geben, wie ſie ſind, treu und wahr. Für das Leben in der großen Welt bin ich nicht geſchaffen, die Heuchelei, der Neid und Hochmuth findet dort
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eine Pflanzſtätte, die mich mit Ekel und Abſcheu erfüllt, die ſelbſt das Familienleben überwuchert und die heiligſten Ge⸗ fühle, die ehrwürdigſten Bande der Natur vergiftet und zer⸗ reißt. O, wehren Sie mir nicht, hierher zu flüchten, wenn ich vor dem Lug und Trug der Welt entrinnen und mich der Aufrichtigkeit, der Biederkeit in die Arme werfen möchte, wenn ich nach den Oberflächlichkeiten, dem trügeriſchen Scheine, die ſich in der ſogenannten„Geſellſchaft“ breit machen, das Be⸗ dürfniß fühle, unter braven, einfachen Leuten den Glauben an die Menſchheit wiederzugewinnen, wenn ich endlich die Er⸗ innerung an die fröhlichen Kinderjahre, die mich hier in Stube, Haus und Gärtchen umgiebt, ſo lange als möglich lebendig erhalten möchte!“
Der junge Graf war in's Feuer gerathen, eine helle Röthe bedeckte ſeine Wangen und Begeiſterung ſtrahlte ihm aus den Augen.
Die alte Frau ſchüttelte bewegt das Haupt.
„Sie haben mich mißverſtanden, Herr Graf!“ ſagte ſie, einen beſorgten Blick auf Suſanne werfend,„nicht allein der Standesunterſchied zwiſchen unſeren beiderſeitigen Familien ließ mich den Wunſch ausſprechen, Sie möchten Ihre Beſuche einſtellen, ſondern das Wohl meiner Tochter zwang mich zu dieſer Bitte. Das arme Kind trägt ſich mit Hoffnungen, die unerfüllbar ſind, es nährt eine Leidenſchaft, die ihm verderb⸗ lich werden muß, ja, es muß heraus, Herr Graf, Sie müſſen Alles wiſſen, Suſanne verzehrt ſich in unglücklicher Liebe zu Ihnen, Herr Graf. O, haben Sie Mitleid mit dem beklagens⸗ werthen Mädchen, die das einzige Werthvolle iſt, was ihre armen Eltern beſitzen, geben Sie ihr den Frieden wieder, weil es jetzt vielleicht noch Zeit iſt, meiden Sie unſer Haus für immer, Herr Graf, für immer.“(Fortſetzung folgt.)
Zum guten Herzen. Eine Novelle. (Fortſetzung.)
Der Kopf des Freiknechts verſchwand ſchnell aus der Oeff⸗ nung und ein Geräuſch im Hof bewies, daß der Karrenführer von der ihm geſtatteten Freiheit Gebrauch machte. Evelis griff während dieſes Augenblicks nach dem großen Schwarz⸗ brot auf dem Tiſch, legte es ſich an die Bruſt, ſtemmte die Schneide eines Meſſers dagegen und ſchnitt eine große dicke Schnitte ab, die ſie raſch auf die Fenſterbank legte. Der Freiknecht trug den vollen Eimer herbei und ſetzte ihn dem durſtigen Thiere vor, das durch Scharren und lautes Schnau⸗ ben zu erkennen gab, daß es Waſſer wittere. Während es nicht minder haſtig als ſein Herr ſeinen Durſt löſchte, näherte ſich dieſer auf's Neue dem Fenſter.
„Eßt,“ lispelte Evelis ihm ſanft entgegen;„nehmt das Brot mit Euch und geht.“
Statt des Dankes blickte der Freiknecht ſie groß an, ſeine Lippen bewegten ſich und ſchienen reden zu wollen, ſeine Bruſt hob und ſenkte ſich gewaltig. Er ſtreckte ſeine Hand nach dem Brote; Evelis ſah, daß ſie zitterte, ſie ſah ihm in's Ge⸗ ſicht; ſeine Augen hingen voll großer Thränen. Demüthig blickte er ſie an, und ohne Gruß verſchwand er vom Fenſter, faßte den Zügel ſeines Pferdes und ging neben demſelben die Heerſtraße hinab.
Bald war es draußen wieder ſtill wie zuvor. Das Rollen des Karrens tönte nur noch ſchwach aus der Ferne; als es ganz verſtummt war, wagte Evelis ſich wieder an's Fenſter, um es zu ſchließen und den Schlagbaum wieder herunter⸗ zuwinden. Die Erſcheinung des gefürchteten Freiknechtes hatte ihren Schlaf vollends verſcheucht, ohne jedoch ihre innere Un⸗ ruhe zu vermehren, vielmehr diente das Mitleid, das ſie für den von Hunger und Durſt Geplagten empfand, und das ſich ſelbſt auf ſein Thier erſtreckte, dazu, ihren Gedanken einen anderen Gang zu geben, ſie von dem eigenen Schmerz ab⸗ zulenken. Sie hatte ſich in den hölzernen Lehnſtuhl geſetzt und ſaß noch lange da, den Kopf mit der Rechten ſtützend, das Auge auf den Boden richtend, in Gedanken verſunken, aber ohne Thränen.
Indeß ſetzte der Freiknecht ſeinen Weg fort. Stumm ſchritt er neben dem müden Gaule her, der keuchend den ſchweren Karren zog, auf welchem die Leiche eines geſtürzten Pferdes ruhte, das Boß aus einem entfernten Dorfe geholt hatte. Die Füße des todten Thieres waren mit Stricken an den Karren feſtgebunden, der Leib lag in der Mitte des Fuhr⸗ werks, auf der Achſe deſſelben, während der Kopf hinten über den Karren hinabhing, faſt auf der Erde ſchleifte und hin⸗


