Jahrgang 
2 (1879)
Seite
596
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596

Concordia.

Stüber hatte ſeine Faſſung wiedergewonnen. Ueberraſcht ſchaute er das Weib eine Weile an, dann ſagte er:

Wie kommt Ihr auf die Vermuthung, daß ich hier auf Gatterſee etwas Anderes als Gaſt ſein könnte?

O, es ſind nur ſo einfältige Gedanken, gnädiger Herr, verzeiht einer armen Frau die Aufdringlichkeit. Aber Hunger verwirrt den Kopf und erzeugt allerlei ſeltſame Vermuthungen. So dachte ich auch, Sie und die gnädige Gräfin müßten ein hübſches Paar abgeben.

Der Legationsrath griff in die Taſche und reichte ihr ein Goldſtück.

Ihr ſeid klüger, als Ihr ſcheinen wollt, ſprach er in leiſem Tone, die Geſtalt ſcharf fixirend;wollt Ihr Euch noch mehr ſolche Goldſtücke verdienen, ſo hätte ich einen Auftrag für Euch.

Die Augen der Frau funkelten wie die einer Katze, aber ſie hielt ihre demüthig gebückte Geſtalt bei.

Was könnte ich armes, ſchwaches Weſen für Sie thun?

Ich verlange von Euch nichts als Verſchwiegenheit und offenes Auge. Kennt Ihr das Bahnwärterhaus draußen am Walde?

Gewiß, der alte Gerhard mit Frau und Tochter be⸗ wohnt es.

Ganz recht; es liegt mir aber daran, zu erfahren, wer dort aus⸗ und eingeht. Ihr mögt alſo anſcheinend in der Nähe Beeren oder Pilze ſuchen, Holz ſammeln oder Tannen⸗ zapfen aufleſen und dabei das Häuschen ſcharf beobachten. Ueber jede fremde Perſon, die dort verkehrt, müßt Ihr mir berichten und womöglich auskundſchaften, welchen Zweck die Beſuche haben. Verſteht Ihr mich?

Ueber das Geſicht der Asmuſſen zuckte es wie Wetter⸗ leuchten.

Die Aufgabe iſt nicht ſchwer, gnädiger Herr, und für mich ohne Gefahr. Man iſt gewöhnt, mich im Walde zu ſehen, und ſogar die Forſtbeamten bemerken mich kaum, weil ſie wiſſen, daß ich keine grünen Zweige abreiße.

Ihr werdet mich öfters um die jetzige Stunde hinten im Parke an der Blutbuche finden, wo Ihr mir Eure Wahr⸗ nehmungen mittheilen könnt. Für jede Nachricht, die Ihr mir bringt, erhaltet Ihr ein Goldſtück.

Sie dürfen auf mich zählen, gnädiger Herr.

Gut, und jetzt noch Eins. Ihr werdet gegen Niemanden, verſteht Ihr, gegen Niemanden von unſerer heutigen Begegnung und Verabredung ſprechen. Vergeßt nicht, daß ich vielleicht ſchon ſehr bald hier Herr ſein könnte und Euch zu züchtigen wiſſen würde, wenn Ihr mein Vertrauen mißbraucht. Und nun verlaßt ſo unbemerkt als möglich den Park.

Die tolle Guſte bog geräuſchlos in einen Seitenpfad ein. Sobald ſie dem Legationsrath aus dem Geſichtskreis ent⸗ ſchwunden war, vichtete ſie ſich hoch auf. Die ſchlaffen Züge belebten ſich und eine ungewöhnliche Energie prägte ſich auf ihren Zügen aus. Ungeſehen gelangte ſie durch das Park⸗ thor ins Freie.

Stüber hatte auf dem Wege zum Herrenhauſe kaum eine kurze Strecke zurückgelegt, als der Pfiff von vorhin, nur haſtiger und ſchriller, wieder ertönte.

Alſo doch nicht getäuſcht! flüſterte er, öffnete das Bruſt⸗ ſtück ſeines feinen, blendendweißen Faltenhemdes und langte

vor, mit welcher er das eben gehörte Signal zurückgab.

5. Kapitel.

Kind, Kind, ſchlage Dir dieſe hochfahrenden Gedanken aus dem Sinn! ſagte Frau Gerhard zu ihrer Tochter Su⸗ ſanne, die bleich und mit verweinten Augen am Fenſter unter dem Vogelkäfig ſaß und die perlenden Thränen, die auf ihre Näherei herabfielen, nicht zurückzudrängen vermochte.Du wirſt ſehen, es führt zu nichts Gutem. Der reiche, junge, ſchöne Graf und Du o, wie konnteſt Du nur an ſo etwas denken!

Du haſt recht, Mutter, ſchluchzte das Mädchen,aber ich kann nicht anders. Als er draußen lag neben der nieder⸗ geſchmetterten Tanne, ſtumm und regungslos, da war es mir, als habe ich ſiedendes Blei in den Adern, im Hinterkopfe hatte ich das Gefühl, als würde ein ſchwerer Bolzen hinein⸗ geſchraubt, ſchwarze Nacht ſenkte ſich über meine Augen*

Du wurdeſt ohnmächtig, und das erſchreckte uns faſt mehr als der Unfall, der Ernſt betroffen. Ich ahnte den Grund und mit Entſetzen fand ich denſelben durch Dein ſpäteres Be⸗ nehmen beſtätigt.

Nur noch einen Schritt, eine Spanne weiter, und der Blitz traf ihn Mutter, ich mag nicht daran denken.

Sie bedeckte das Geſicht mit beiden Händen.

Du regſt Dich unnöthigerweiſe auf, Suschen. Der Graf iſt mit dem Schrecken davongekommen, wozu quälſt Du Dich mit ſolchen Gedanken? Sei vernünftig, Kind, beherrſche Dich und kämpfe jene unſelige Leidenſchaft nieder, mache Deinem alten Vater nicht noch den Kummer, Dich unglücklich zu ſehen. Reinhold iſt ſo gut gegen Dich, er iſt jetzt Schulvicar, und ſobald der alte Lehrer ſtirbt, erhält er deſſen Stelle. Die Gewißheit, Dich als Frau Schulmeiſterin zu ſehen, würde unſeren Lebensabend verſchönern.

Die alte Frau fuhr mit der Schürze über die Augen. Suſanne ſprang auf und fiel ihrer Mutter heftig um den Hals.

Dränge mich nur jetzt zu keiner Entſcheidung, nur jetzr nicht, Mutter. Laß mir Zeit und es wird noch Alles gut werden. Ich weiß, daß ich Ernſt entſagen muß, aber der Gedanke zerreißt mir das Herz.

Frau Gerhard ſtrich ihrer Tochter über das reiche blonde Haar und küßte ſie auf die Stirn.

Man kann dem Sturmwind nicht gebieten, aber je hef⸗ tiger er weht, von deſto kürzerer Dauer iſt er. Auch der Sturm in Deinem Innern wird ſich legen, mein Kind, und Ruhe und Frieden wieder darin einkehren.

Da klopfte es leiſe an die Thür und auf der Schwelle erſchien Graf Gatterſee. Er reichte den beiden Frauen die Hand.

Ich komme, um meinen Pflegerinnen noch einmal aus vollſter Seele zu danken! begann der junge Mann, indem er Suſanne voll und warm in's Auge ſchaute.Deine Theil⸗ nahme und Aufopferung, Suschen, haben viel dazu bei⸗ getragen, daß ich ſchon jetzt perſönlich meinen Dank abzuſtatten vermag.

Purpurröthe überzog das Geſicht des Mädchens.

Wir thaten nichts weiter, als unſere Menſchenpflicht, Herr Graf! ſagte ſie mit leiſer, unſicherer Stimme.

eine kleine ſilberne, an ſeidener Schnur befeſtigte Pfeife her⸗