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rath mit Wärme.„Eine Dame in Ihrer Stellung, reich, unabhängig, im Beſitze aller geiſtigen und körperlichen Vor⸗ züge, die zum heiteren, ungetrübten Genuſſe des Lebens befähigen und berechtigen, dürfte ſich nicht ſolchen trüben Gedanken hingeben.“
Die Gräfin ſeufzte
„Und doch kann ich mich ſolcher Anwandlungen nicht er⸗ wehren. Nennen Sie es Schwäche, Sentimentalität, oder wie Sie ſonſt wollen, es überkommt mich zuweilen mit unwider⸗ ſtehlicher Gewalt. Als mein Gatte noch lebte, war mir dieſes Gefühl fremd; er wußte jede, auch die kleinſte Sorge von mir fernzuhalten, ich hatte nicht die geringſte Ahnung von dem Rechnungsweſen, das der Verwaltung unſerer Beſitzungen zu Grunde lag, ich kannte nur die Lichtſeiten des Lebens. Bei der großen Jugend unſeres Sohnes mußte ich mich nach des
Grafen Tode um dieſe mir fremden Dinge kümmern, wollte ich nicht dem Betruge Thor und Thür öffnen, und ſeitdem
habe ich erkannt, was es für ein Weib zu bedeuten hat, die kräftige Stütze verlieren zu müſſen, die ſie der Sorgen und Unannehmlichkeiten des Lebens überhebt.“
„Und haben Sie nicht einen Sohn, der Sie mit ſchwär⸗ meriſcher Verehrung liebt, gilt Ihnen der langjährige, bewährte Freund Ihres Hauſes ſo gar nichts?“
„Ernſt iſt eine zu poetiſche Natur, als daß er Geſchmack an nüchternem Zahlenwerke finden ſollte, ich möchte die Proſa des Daſeins ſo lange als möglich von ihm fernhalten,“ fiel die Gräfin Le⸗ ein.„Was Sie betrifft, beſter Legations⸗ rath, dürfen Sie verſichert ſein, daß ich das Opfer, welches Sie uns bringen, indem Sie in ſo ſelbſtloſer Weiſe unſere ländliche Einſamkeit mit uns theilen, in vollſtem Umfange zu ſchätzen weiß.“
Sie reichte ihm die feine weiße Hand, die der Legations⸗ rath ergriff und an die Lippen führte.
„O, könnte ich dieſe traute Abgeſchiedenheit in alle Ewig⸗ keit mit Ihnen theilen!“ rief er leidenſchaftlich.„Wie gern wollte ich das geräuſchvolle Leben der großen Stadt dafür hingeben!“
„Das würde Ihnen ſchwerlich lange behagen, lieber Freund. Sie ſind in den Jahren, wo das Leben noch tauſend Reize beſitzt, wo man der Anregung, der Unterhaltung bedarf, wie die Blume der belebenden Wärme, wo man alle die Genüſſe und Annehmlichkeiten, welche die Geſellſchaft und die große Stadt bietet, nicht entbehren mag.“
„Und Sie, Gräfin, Sie wollten Ihre Tage einſam ver⸗ trauern, Sie wollten in der Blüthe der Jahre ſich zurück⸗ ziehen, ſich hier, in dieſem abgelegenen Schloſſe, begraben und ſich höchſtens damit begnügen, einige Male im Jahre einen Kreis von Bekannten um ſich zu verſammeln, um nach
beendetem Spiel und Tanz die Troſtloſigkeit dieſes Daſeins um ſo tieſer zu empfinden? O, nehmen Sie mich zu Ihrem Geſellſchafter, zu Ihrem Beſchützer an, machen Sie aus mir, was Sie wollen, Ihren Knecht, Ihren Sklaven, nur erlauben Sie mir, in Ihrer Nähe weilen, mit Ihnen unter einem Dache leben zu dürfen!“
Er war auf die Kniee geſunken und ſchaute flehentlich zu der ſchönen Frau empor, als erwarte er von ihren Lippen ſein Urtheil..
Die Gräfin hatte ihm mit ſteigender Ueberraſchung zu⸗
Concordta. 595
gehört, und als er geendet, färbte eine hohe Wangen. Raſch erhob ſie ſich.
„Stehen Sie auf, Legationsrath,“ ſagte ſie heftig,„wenn man uns hier ſähe, würden wir vor der Zeit in's Gerede der Leute kommen.“
„Vor der Zeit? So darf ich hoffen?“ Hand der Gräfin und bedeckte ſie mit Küſſen.
Ohne ein Wort zu erwidern, riß ſich die Gutsherrin faſt mit Gewalt los und eilte in's Haus. Der Legationsrath war aufgeſtanden und ſchritt die Terraſſentreppe hinab in den Park; es war ihm jetzt unmöglich, ſein Zimmer aufzuſuchen. Er hatte die Gelegenheit benutzt, um ſeinem Ziele ein gutes Stück näher zu rücken, und um ſeine Lippen ſpielte ein triumphirendes Lächeln; er war mit ſich ſelbſt zufrieden.
Hätte er geſehen, wie hinter der großen Marmorvaſe an der Freitreppe eine dunkle Geſtalt hervorhuſchte und in dem Schatten des Gebäudes verſchwand— ſeine Befriedigung über das eben Erlebte würde nur eine unvollkommene geweſen ſein.
Langſam und in Gedanken verſunken ſchrit er durch die mondbeglänzten Laubgänge des Parke ſchmiedete Plän für die Zukunft, nachdem er ſein Ziel erreicht haben wiarde, er malte ſich in Gedanken aus, wie ihm das Vermögen der Gräfin, ſeiner künftigen Gattin, die Mittel bieten würde, das Leben in vollen Zügen zu genießen, und das Gefühl, in nicht ferner Zeit hier, in dem prächtigen Gatterſee, nicht mehr ein geduldeter Gaſt, ſondern unbeſchränkter Gebieter zu ſein, ſchwellte ihm die Bruſt.
Da rauſchte es ſeitwärts im Gebüſch und eine Frauen⸗ geſtalt in gebückter Haltung trat auf den Legationsrath zu, ihn demüthig um eine Gabe bittend. Erſtaunt blieb der Angeredete ſtehen..
„Wer ſeid Ihr, und wie rommt Ihr zu dieſer ſpäten Stunde in den Park?“ herrſchte er ſie an.
„Ich bin eine arme Frau, gnädiger Herr, man nennt mich die Asmuſſen, ich lebe von der Mildthätigkeit guter Menſchen.“
„Um dieſe Zeit werdet Ihr hier ſchwerlich Geſchäfte ma⸗ chen, zu welchem Zwecke treibt Ihr Euch alſo hier im herr⸗ ſchaftlichen Garten umher?“
„Ich habe die Erlaubniß, mir aus der Schloßküche hin und wieder einige Abfälle holen zu dürfen, und um ſchneller und auf kürzerem Wege nach Hauſe zu gelangen, benutze ich gewöhnlich die Pforte, die am Ende des Parkes bei der großen Blutbuche in's Freie führt. Heute fand ich den Ausgang bereits verſchloſſen und bin nunmehr gezwungen, durch das Hauptthor zurückzukehren.“
„Ihr ſcheint mir noch rüſtig genug, um arbeiten und etwas verdienen zu können; aber das Volk hier iſt faul und arbeitsſcheu und läßt ſich lieber durch die Beſitzenden ernähren. Aber bei Gott, das ſoll anders werden, ich will mit dem Geſindel aufräumen, ſobald——“
Ein eigenthümlicher kurzer Pfiff ertönte und machte den Legationsrath erſtarren. Er vermochte den angefangenen Satz nicht zu vollenden, die Lippen verſagten den Dienſt. Er be⸗
merkte daher auch nicht den giftigen Blick, den die tolle Guſte ihm zuwarf.
Röthe ihre
Er erfaßte die
8 Er
„Der gnädige Herr meinen wohl, daß es anders werden ſoll, ſobald er ſelbſt Gebieter hier im Hauſe ſein wird? Die Frau Gräfin iſt gut, ſie wird nicht dulden, daß man die
Armen und die Bedürftigen von ihrer Schwelle jagt“ 75


