Jahrgang 
2 (1879)
Seite
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04 3 Concordia.

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der unmittelbaren Einwirkung des Blitzſtrahles, als vielmehr dem heftigen Falle auf eine knorrige Baumwurzel zuzuſchreiben iſt. Nach Ausſpruch der Aerzte kann von einem bleibenden Nachtheile keine Rede ſein, höchſtens wird der Graf den Arm einige Wochen in der Binde tragen müſſen.

Man erzählt ſich von einem jungen Mädchen, das eine auffällige und außergewöhnliche Theilnahme für den Ver⸗ unglückten bewieſen haben ſoll.

Der Legationsrath lachte laut auf.

Nun, darüber beruhigen Sie ſich, ſchöne Baroneſſe, das

Mädchen iſt von niederer Herkunft und als Kind zuweilen als Geſpielin des jugendlichen Grafen in's Schloß geholt worden, um dieſem die Langeweile zu vertreiben, nichts weiter.

Derartige Jugendbekanntſchaften pflegen zuweilen eine ſehr nachhaltige und tiefe Neigung zu hinterlaſſen, warf der Baron in ernſtem Tone ein.Jedenfalls wird man gut thun, der Sache auf die Spur zu kommen, um rechtzeitig Maßregeln ergreifen zu können.

Papa hat recht, man muß um jeden Preis erforſchen, wie das räthſelhafte Benehmen des Mädchens zu erklären iſt. Sie ſoll nicht häßlich ſein?

Das geſteht ſogar die Gräſin zu, aber, fügte er mit einer verbindlichen Handbewegung gegen Eliſe hinzu,wo die Sonne am Firmamente ſtrahlt, muß das beſcheidene Sternlein erbleichen.

Für ſolche poetiſch angehauchte Naturen, wie der junge Graf, hat das ſilberglänzende Sternlein am Nachthimmel oft mehr Reiz, als das ſtrahlende Tagesgeſtirn.

Sie mögen recht haben, gnädiges Fräulein, erwiderte der Legationsrath, nun ebenfalls ernſt geworden,überlaſſen Sie mir das Weitere, ich verſpreche Ihnen Gewißheit zu ver⸗ ſchaffen. Uebrigens darf man Ihnen zu dem Erfolge bei dem neulichen Feſte auf Gatterſee Glück wünſchen!

Der Graf war wirklich ſehr aufmerkſam, ich leugne es nicht, ſagte Eliſe mit einem koketten Wiegen des Kopfes, vielleicht war es aber auch nichts weiter, als zweckloſe Ga⸗ lanterie.

Graf Ernſt iſt Kavalier genug, um zu wiſſen, daß die Bevorzugung einer Dame die übrigen verletzen muß. Wenn er ſich, wie dies an jenem Feſtabend geſchehen, dennoch dieſem Vorwurfe ausgeſetzt, ſo darf man wohl mit Recht auf be⸗ ſtimmte Abſichten ſchließen.

Auch Sie dürfen mit Ihrem Erfolge zufrieden ſein, Legationsrath, meinte der Baron lächelnd,die Gräfin hatte an jenem Abende ja faſt nur für Sie Auge und Ohr.

Der Anfang iſt gemacht, hoffen wir auf günſtigen Fort⸗ gang und Abſchluß! antwortete Stüber, indem er mit den nattgrünen Handſchuhen den goldenen Klemmer putzte. Sache iſt für uns Alle Lebeusfrage geworden, fügte er in leiſem, vertraulichem Tone hinzu,behalten wir unſer Ziel feſt im Auge und verfolgen wir es mit Ausdauer und Be⸗ harrlichkeit, es iſt der Mühe werth.

Die

Er küßte der Baroneſſe zum Abſchiede die Hand, wechſelte mit deren Vater einen Händedruck und einen Blick des Ein⸗ verſtändniſſes und entfernte ſich.

V

4. Kapitel.

Es war ein wundervoller Sommerabend. Ein leiſer

warmer Südwind wehte über den Schloßpark von aleſee und trug die balſamiſchen Wohlgerüche der Blumen und

blühenden Sträucher hinüber zur Terraſſe des Herrenhauſes, auf welcher zwei Herren und eine Dame im Geſpräche bei⸗ ſammen ſaßen. Es war die Gräfin mit ihrem Sohne und dem Gaſt des Hauſes, dem Legationsrath Stüber.

Die Gräſin von Gatterſee war eine ſtattliche Dame im Anfange der vierziger Jahre, von mittler Größe und friſchen, faſt jugendlichen Zügen. Ihre elaſtiſchen Bewegungen, ihre lebhafte Redeweiſe und ihre helle, klangvolle Stimme ließen ſie bedeutend jünger erſcheinen, als ſie war, und nur ein ſehr aufmerkſamer Beobachter vermochte jene kleinen, verrätheriſchen Fältchen zu entdecken, die ſich mit den höheren Jahren ein⸗ zuſtellen pflegen.

Ihr Gemahl war bedeutend älter geweſen als ſie, und als er vor drei Jahren ſtarb, hatte er ihr ein ſehr großes Ver⸗ mögen hinterlaſſen, das in der Hauptſache aus der Herrſchaft Gatterſee und noch einigen anderen bedeutenden Rittergütern in der Provinz beſtand.

Im Jahre vor ſeinem Tode reiſte der alternde Graf mit ſeiner Gattin und ſeinem Sohne nach dem Süden; in Nizza hatten ſie den Legationsrath kennen gelernt, deſſen gewandte Umgangsformen und hervorragende geſellſchaftliche Eigenſchaften dem Grafen ſo gefielen, daß er ihn einlud, ſich auf der Heim⸗ reiſe durch die Schweiz ihnen anzuſchließen und einige Wochen auf dem Stammſchloſſe zuzubringen. Der Legationsrath nahm dieſe Einladung an und ſeitdem war er der bevorzugte Freund der Familie und jedes Jahr oft monatelang deren Gaſt.

Die Abendluft wird Dir doch nicht ſchaden, Ernſt, nahm die Gräfin, zu ihrem Sohne gewendet, das Wort;Du biſt noch etwas angegriffen, und es iſt vielleicht beſſer, Du begiebſt Dich in's Zimmer. Wenn Du willſt, folgen wir Dir ſind Sie dabei, Herr Legationsrath?

Du haſt recht, Mutter, erwiderte der junge Mann, der den Arm in der Binde trug und ſehr blaß ausſah,ich gehe auf mein Zimmer, aber nur unter der Bedingung, daß Du Dir den Genuß des herrlichen Abends nicht verkümmern läßt. Unſer Gaſt wird Dir gewiß Geſellſchaft leiſten.

Stüber verbeugte ſich.

Nun denn, gute Nacht, mein Sohn! Ruhe, Du bedarfſt ihrer.

Sie reichte dem jungen Grafen die Hand, die dieſer warm und innig drückte und ſich dann mit einem leichten Kopfnicken gegen den Rath entfernte.

Es iſt ſonderbar, ſagte die Gräfin nach einer Pauſe, und ihre Blicke ſchweiften träumeriſch über die in Halbdunkel gehüllten grünen Wogen der Bäume dahin,mich ſtimmt ſo ein linder, warmer Sommerabend ſtets weich, faſt ſchwer⸗ müthig. Wenn ich dieſe ſaftige Blätterpracht betrachte und dann denken muß, daß all' dieſe Herrlichkeit in wenig Mon⸗ den in Staub verfinkt, dann iſt es mir immer, als gleiche das menſchliche Leben einem ſolchen Blumenblatte: es knospet, entwickelt ſich, grünt eine Zeit lang in voller Kraft und welkt allmälig dahin, bis es endlich in das frühere Nichts verſinkt.

Ich bin überraſcht, gnädige Gräfin, aus Ihrem Munde ſolche düſtere Reflexionen zu vernehmen, erwiderte der Legations⸗

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