Jahrgang 
2 (1879)
Seite
592
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uns Allen Deine Kücheln und Strauben mundeten. Du biſt ein geſchicktes Madl, an dem der Vater ſeine Freud' haben kann, und mit dem Backwerk kannſt Du umſpringen, wie die Frau Angerbauer, der ihre Krapfen bereits einen überſeeiſchen Ruf erhielten, die Engländer und Amerikaner mit ihren kohl⸗ ſchwarzen Dienerſchaften, welche des Sommers das Pauer'ſche Bad bei uns draußen frequentiren, raufen ſich förmlich um Angerbäu'rin's ſchmackhafte Kücheln; aber Deine ſind faſt noch beſſer! betheuerte die dem Mädchen gewogene Wirthin.

Nach längerem Geplauder verließ Thereſe, recht artig grüßend, den Tiſch der Traunſteiner, um endlich zu dem Mütterlein Hieſel's hinzugelangen. Doktor Silberhorn ent⸗ fernte ſich eben von der blinden Frau mit den Worten:Da kann man noch helfen! als Thereſe hinzutrat.

In dem gleichen Moment wurde es unter den Burſchen ſo lebhaft, daß ihre freudigen Juhſchreie für Augenblicke unſere Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahmen. Der Landwehr⸗ Major Ringler, ihr beſonderer Gönner und Freund, arrangirte ein mit allgemeinem Beifall aufgenommenes Wettlaufen unter denſelben und dem wackeren Bürger und Bauernfreund ge⸗ lang es, gar anſehnliche Preiſe für die ſchnell bereitſtehenden Läufer von den ſplendiden Holzhändlern Traunſteins zu er⸗ bitten, während er ſelber einen Kronenthaler zu den Ge⸗ winnſten beiſteuerte. Alles verließ ſeine Plätze und ſtrömte der vor dem Obſtgarten beſtimmten Wettlauf⸗Bahn zu, wohin ſich bereits die laufluſtigen Aelpler mit ihrem Vater Ring⸗ ler begeben hatten.

Dieſer Zwiſchenfall erheiſchte die Anweſenheit des Müllers gerade nicht nothwendig, und wir ſehen ihn jetzt, von einer anderen Seite herkommend, faſt mit Thereſe zugleich auf das blinde Mütterlein zuſchreiten. Reschen hatte kaum das arme, nach langer Zeit heute einmal wieder ſich glücklich fühlende Mütterchen herzlich begrüßt, als ihr Vater Nikolaus Thal⸗ hofer herankam.

Thereschen erſchrak momentan; auf des Vaters Geſichts⸗

Concordia.

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zügen lagen mäßige Freude und würdiger Ernſt, aber un⸗ verkennbares Wohlwollen zugleich für Tochter und die Blinde blickte aus ſeinen hellblauen Augen, und dies beruhigte ſie wieder einigermaßen.

So, meine Lieben! Das Wettlaufen der Bub'n kommt uns gerade recht, um auf ein halbes Stündchen zu der Hütte am Brandt hinaufgehen zu können, ſprach der Müller die Ueberraſchten an,ich hab' mit Euch Beiden gar Wichtiges zu reden und oben beim G'wänd ſind wir ungeſtörter, als hier unten; Mutter, ich werd' Euch führen, und Du, meine Tochter, folg' uns jetzt hinauf zu der Hütten! endete freund⸗ lich derſelbe.

Unſer Reslein blickte mit immer größerem Erſtaunen auf ihren zum Gehen drängenden Vater, und dieſe geheimnißvolle, verlangte Unterredung blieb ihr ebenſo ein Räthſel, als ſein plötzliches, freundliches Annähern an das ihr ſo am Herzen liegende Mütterchen Hieſel's. Dennoch erfüllte es ihr Herz mit unendlicher Freude und nahm es als gutes Omen hin, daß ihr Vater der Blinden ſo lieb'voll und wohlwollend entgegenkam.

Aber ſag', lieber Vater, was hat denn Deine Beſprechung mit uns oben beim Hieſel am Brandt wohl zu bedeuten? fragte jetzt neugierig das munterer gewordene Mädchen, welches dem Vater lieber um den Hals gefallen wäre, weil er mit der armen Mutter von droben ſo gut war.

Das wirſt Du oben gleich hören, Du herzliabe, neugierige Her'! war die Antwort des Vaters, der mit Liebe auf ſein reizendes Kind hinüberblickte.

Weniger überraſcht finden wir das Mütterchen, die ſich nun, auf den Arm des noch rüſtigen, kleinen Müllers ſtützend, aufmachte, mit demſelben und Reslein zum Hieſel am Brandt hinaufzuſteigen.

Wir eilen denſelben voraus und beſchauen uns von oben weiter das feſtlich muntere Treiben im Grunde der Mühle, oder ſteigen hinauf zu den luftigen Höhen des Fellns.

(Schluß folgt.)

Geheimnißvolle Pfade⸗

Erzählung von Otto Eberſtein. (Fortſetzung)

Eliſe war eine hohe, imponirende Schönheit. Ueppiges braunes Haar umwallte das ſtolz zurückgebeugte Haupt, die dunklen Augen vermochten zärtlich ſchmachtende Blicke zu werfen, im aufwallenden Tone aber auch leidenſchaftliche Blitze zu ſchießen, und die hohe ſchlanke Geſtalt hatte etwas Gebietendes, Ariſtokratiſches. Ihre Züge, obgleich von tadel⸗ loſer Reinheit und Regelmäßigkeit, hatten nicht jenes madonnen⸗ haft Sanfte, das wir an den Frauengeſtalten Titian's und Murillo's bewundern, ſie erinnerten viel eher an die energie⸗ vollen, willensſtarken Charakterköpfe, wie ſie Rembrandt und Rubens in vielen ihrer Gemälde geſchaffen haben.

Du biſt heute wieder unausſtehlich ungeſchickt, Annette! herrſchte die Baroneſſe ihrem Mädchen zu, das beſchäftigt war, den reichen Haarſchmuck ihrer Herrin in kunſtvolle Flechten zu legen.

Die Geſcholtene ſchwieg, aber um ihren Mund ſpielte ein malitiöſes Lächeln. Das Ausbleiben einer Antwort machte Eliſe noch ärgerlicher.Du ſcheinſt heute ſchlecht gelaunt zu

ſein, rief ſie;gewöhnlich ſchwatzeſt Du beim Ankleiden ſo viel, daß ich ganz nervös davon werde, und heute thuſt Du den Mund nicht auf. Solche wortkarge Menſchen in meiner Umgebung ſind mir entſetzlich!

Das gnädige Fräulein haben mir erſt geſtern befohlen, ohne beſondere Aufforderung nicht zu ſprechen, erwiderte Annette etwas ſpitzig;ich gehorche alſo nur Ihrem Befehle, wenn ich ſchweige.

Wie es ſcheint, legſt Du es darauf an, mich zu ärgern. Du weißt recht gut, daß ich über manche Vorgänge im Dorfe und in der Nachbarſchaft durch Dich Kenntniß erhalte, und ſpielſt Du jetzt die Beleidigte, um meine Neugier zu reizen. Mache alſo keine Umſtände und theile mir mit, was Du von Neuigkeiten weißt.

Das iſt wenig genug, und das Wenige werden das gnädige Fräulein auch ſchon wiſſen.

Das Mädchen hielt ihre Herrin abſichtlich hin, um ſie nur noch begieriger zu machen. Ihr Geſicht hatte einen eigen⸗