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Concordia. 591
des Müllers Thalhofer einziges Töchterlein, das blühende, kernfriſche Mädchen, hatte ſich, ſeit der Hieſel am Brandt nimmer da iſt, bedeutend verändert.
Ihre klangvolle, wohltönende Stimme erſcholl lange nicht
mehr in den lieben Weiſen und Liedern, die ſie einſt in herz⸗ licher Luſt durch Wieſen und Hain ſang. Ihr Mündchen plauderte nicht mehr ſo naiv in den Tag hinein als ver⸗ gangenes Jahr und ſie lachte nur ſelten oder gar nimmer. Des geliebten Flüchtlings trauriges Loos, ſein Fernbleiben, ging dem zwar luſtigen, aber auch gefühlvollen Mädchenherzen zu nahe. Dies machte Reslein ſtill und ernſt. Ihre Sehn⸗ ſucht, der beſtändige Kummer um den liebſten Buben im Thal trübten ihr Gemüth, ſie nahmen ihren ſeelenvollen Augen den heiteren Blick und hauchten über ihre ſonſt ſo roſigen Wangen etwas krankhafte Bläſſe, über ihre ganze Er⸗ ſcheinung die ſichtbaren Spuren der Schwermuth.
Niemanden hatte das Mädchen, dem ſie ihren Herzens⸗ kummer hätte mittheilen können, ſie war allein mit ihrem Leid, nur Berg' und Wäldern klagte ſie täglich daſſelbe. Bei ihren Beſuchen oben, dem blinden Mütterlein Hieſel's geltend, durfte ſie aus Schonung für Letztere ihren Kummer nicht ausſchütten und ſo wahrnehmen laſſen, wie tief er eigentlich
ar; das arme Mütterl brauchte ja ſelbſt Troſt.
Nur der Vater kannte die Urſache und Tiefe ihres Leid⸗ weſens, ihm aber war Hieſel's Abweſenheit erwünſcht, denn er fürchtete ſich förmlich aus unbekannten Gründen vor dem flüchtigen Wilderer. Schweigend, doch nicht ohne Theilnahme ſah er den ſtillen, heimlichen Kummer ſeines einzigen Kindes; abſichtlich vermied er trotzdem jedes Geſpräch mit Thereschen, das auf Hieſel Bezug haben würde. Seit deſſen Flucht hatte er gegen den Burſchen kein ſchmähendes Wort mehr verlauten laſſen, weil er hierdurch ganz richtig befürchtete, Reschens Herzeleid nur größer zu machen.
Mit geſenktem Köpfchen, gleichgiltig in das friſchſprudelnde Bergwaſſer ſchauend, welches lärmend von dannen rauſchte, kam ſie auf dem Feſtplatze an. Laute Freude ſcholl ihr ent⸗ gegen, während nun endlich ihre treuen Augen faſt traurig über die fröhliche Menge hinſchweiften.
Der ſtechende Blick aus dem Falkenauge Grauvogel's, der ſich zum Fortgehen rüſtete, traf jetzt das Mädchen und un⸗ willkürlich zuckte Reschen zuſammen, wie gebannt vor dem Förſter ſtehen bleibend, ſo auffallend plötzlich, als hätten die Burſche vom Froſchſee doch richtig geſehen, und wirklich aus Grauvogel's Augen ſchon einmal den böſen Blick auf ihren Jagdzügen erſchaut. Ein noch tieferer Schatten empfundener Traurigkeit ſpiegelte ſich merklich in den Zügen des Mädchens wider und ſchlimme Erinnerungen rief die Anweſenheit des bärtigen Jägers von Seehaus in dem ſchwerathmenden Buſen derſelben wach.
„Grüß! Gott, Müller⸗Reſi!“ ſagte kurz der Forſtwart zu dem Mädchen.
Nach einer peinlichen Weile ſchritt Reschen an dem Förſter ſtumm grüßend vorüber und von ihrem jetzigen Standpunkte aus konnte ſie auf den dichtbeſetzten Tiſch der ſingenden Ruh⸗ poldinger hinüberſehen. Da blieb ſie überraſcht ſtehen. Ein leiſer Aufſchrei der Freude und des Erſtaunens entkam ihrer Bruſt, als ſie Hieſel's Mutter unter den Burſchen bemerkte. Ihr Geſichtchen erheiterte ſich, während ihre Lippen unbewußt
8 die laute, an ſie ſelbſt gerichtete Frage hervorſtammelten:
„Wer hat denn das Mütterl, das blinde, vom Hügerl zu uns runterg'führt?“
„Dein Vater hat mir's befohlen, Reſerl!— Ich bin zu⸗ vor'nauf zu der Hütten am Brandt und hab''s Mütterl heruntergeführt zum Firſtwein,“ antwortete der neben dem Mädchen zufällig ſtehende Zumüller Konrad.
Noch überraſchter machte dieſe Mittheilung Thereſen. „Was, mein Vater hätte das blind' Mütterl zum Firſtwein geladen?“ fragte ſie verwundert den langjährigen Zumüller ihres Vaters, und zweifelnd an dem Gehörten, ſprach ſie faſt bitter zu demſelben weiter:„Das iſt net wahr, Konrad, was Du da ſagſt!— Da kommen eher Berg und Thal z'ſammen. — Laß ſolche Späß' fürderhin bleiben!“
„Nun, dann frag' den Vater ſelber d'rüber, ungläubig's Dienerl!“ erwiderte der gerade, vierſchrötige Zumüller und ging ſeiner Wege.
Thereſe, die nun zu dem Mitterchen hineilen wollte, wurde jetzt von den Traunſteinern erblickt und Alles am Tiſche rief nun dem bildhübſchen Mädchen zuerſt. Freundlich grüßte und dankte ſie jedem einzelnen Lobſpender, während die Burſche der Nachbarſchaft heimlich ſich zuflüſterten, wie gut ihnen Reschen gefalle, wie traurig ſie aber dareinſehe, ſeit der Hieſel am Brandt in's Kaiſerliche hinüberfliehen mußte. Unter den jungen Leuten der Pfarre war ihr Ver⸗ hältniß mit dem armen Flüchtling kein Geheimniß geblieben.
„Meiner Seel' ich'würd mich dreimal ſo lang' in Laufen einſperren laſſen, als ſie dem Hieſel in Traunſtein'geben haben, wenn mich das Reſerl am Brandt als Schatz möcht'“,“ meinte ein munterer Kohlenbrenner⸗Bub' von der Laub⸗Au drüben, und Viele ſtimniten ihm bei, während der luſtige Haſeneder⸗Loisl recht paſſend dareinſang
„Das Thalhofer⸗Reſerl Vom Müllner am Brandt
Die war' ma viel liaba Als mei lediga Stand.
Und wurd' ſie mei Weiberl, Dann war' mir net bang, Daß i ſakriſcha Loda
Zum Gutthun anfang““
„Loisl, da haſt D' noch einen Zwanziger, Du urfidel's Haus!“ unterbrach ihn der wackere Weinwirth Herr Ringler von Traunſtein, welcher mitten unter den Buben ſtand, die ihn kannten und liebten als wie einen Vater.
Derweilen wurde Thereschen von dem Lohnkutſcher Friſch⸗ auf am Schürzchen erhaſcht und wiederholt zu den Traun⸗ ſteinern hingebracht. Die behäbige Bachhäubl⸗Wirthin, die einen muſternden Blick auf das liebliche Mädchen geworfen hatte, rief nun ſchershaft aus:„O, meine Herren, ſeht nur, das Täuberl hat der Marder erwiſcht— erbarmt ſich denn gar Keiner?— nun, ſo will ich ihm beiſtehen“— und be⸗ freite Reschen aus den Händen Friſchauf's, der daſſelbe immer noch bei den Spitzenenden ihres Mullſchürzchens feſthielt, indem ſie die Schleife der Schürze löſte, und Friſchauf hatte nur noch die Schürze Thereſens zum Gelächter der Zuſchauer in Händen, während ſich Reschen zu der luſtigen Wirthin hin⸗ flüchtete.
„Ja, komm', ſetz' Dich zu mir, Du kornblaues Täuberl!“ wendete ſich die Wirthin in ſo herzlich aufrichtigem Tone an das Mädchen, der demſelben vollkommen ihre Zur igung be⸗ kunden mußte.„Laſſe Dir vor Allem ſagen, wie vortrefflich
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