590 Concordia.
er nicht mehr ſo ungerecht hart wie früher gegen den flüch⸗ tigen Hieſel ſich äußerte und deſſen Mutter in neuerer Zeit ſchon öfters beſuchte? derſelben Geld und Nahrungsmittel hinaufbringend, aber ſtets mit dem Verbote für die Alte be⸗ gleitet, hiervon ſeiner Tochter nichts ahnen zu laſſen, welche, ſeit Hieſel fortfliehen mußte, ſehr oft verſtohlen zu der Hütte am G'wänd droben hinaufhuſchte, um der dürftigen Mutter helfend beizuſpringen. Irgend etwas mag den Müller gün⸗ ſtiger für die Arme in der Hütte am Brandt geſtimmt haben.—
Wir wollen jedoch den Dingen nicht vorgreifen und drängen uns wieder in den geſelligen Kreis der lachenden, ſcherzenden Bauern und Burſche, ſowie zu den fröhlich geſtimmten Traun⸗ ſteinern näher heran, die eben den gemüthlichen Salzburger Gäſten ein ſpezielles Glas baieriſchen Gerſtenſaftes zutranken. Die ſo Geehrten hatten eine recht paſſend galante Erwiderung darauf, welche Herr Nicoladoni in ſo ſcherzhafter, gewinnender Weiſe vorzubringen wußte, daß er ſich alle anweſenden Traun⸗ ſteiner als Freunde erwarb.
Die bei dem Müller eingetroffene Geſellſchaft aus Traun⸗ ſtein beſtand zumeiſt aus reichen Holzhändlern. Auch der im ganzen Traunthal bekannte alte Bürger⸗Landwehr⸗Major und Weinwirth Andreas Ringler mit ſeinem luſtigen Töchterlein Malchen hatte den Müller am Brandt für heute beſucht, während es ſich der an der unteren Ecke des Tiſches ſitzende Lohnkutſcher Friſchauf nicht hat nehmen laſſen, die gemüthlichſte Wirthin von Traunſtein, die redſelige, muntere Frau Bach⸗ häubl, in den Brandt hineinzuführen. Das faſt kugelrunde Weib war der reinſte Ausbund unverwüſtlichen Humors und trug nicht wenig bei, die allgemeine Heiterkeit noch zu erhöhen.
Das
„Das muß ich ſagen,“ ſprach jetzt ſcherzhaft die heitere Wirthin,„dem Lohnkutſcher Friſchauf ſeine ſchwäbiſchen oder ruſſiſchen Schimmel haben ein ſo ſchwungvolles Gelenk in den Füßen, als wie der ſteinerne Ritter Lienhardt auf dem Stadt⸗ brunnen zu Traunſtein.“
Ein allgemeines Lachen erregte der drollige Vergleich und Einfall der Wirthin am Tiſche, nur dem ſtets galanten, awackeren Friſchauf wollte der Spaß nicht ganz gefallen.
Während man ſich hier neckte und lachte, dort ſang oder tanzte, kam der Zumüller Konrad mit dem zwar einfach, aber reinlich gekleideten Mütterlein dem Feſtplatze näher. Ihren linken Arm in den rechten des braven Mühlburſchen gelegt, trippelte ſie näher an die Geſellſchaft heran und die Einladung des Müllers that der armen, verlaſſenen Frau ſo unendlich wohl, daß ſie beſtändig voller Freuden ſchluchzte und weinte, wie nochmal ein beinahe ſchon wieder kindiſch gewordenes altes Mütterchen.
Als ſie der Müller bemerkte, ging er ihr entgegen und führte ſie an den Tiſch der Ruhpoldinger Gäſte. Doch auch den muthwilligen Traunſteinern entging das Kommen des blinden Weibchens nicht; ganz beſonders aber nahm es die Aufmerkſamkeit Silberhorn's in Anſpruch. Nachdem die alte Mutter vom Hieſel am Brandt ein Plätzchen erhalten, grüßte ſie Alles herzlich, und Jedes hatte ein gutes Wort für die Blinde. Das entſchädigte ſie für viele Jahre ertragener Zurückſetzung, und nach langen Leiden mochte ſich das Mütter⸗ chen einmal wieder recht glücklich fühlen. Als es etwas leerer wurde um die Begrüßende, ging der Augenarzt Silberhorn
von Oedhof zur Blinden hinüber. Nach einem freundlichen „Grüß Gott, Mutter!“ hatte er eine längere, eifrige Beſprechung mit derſelben angeknüpft.
Jetzt war aber auch endlich das Feierſtündchen für die bis gegen Abend fünf Uhr unausgeſetzt in der Küche mit Backen und Kaffeekochen in Anſpruch genommene Tochter des Müllers gekommen.
Sie bewohnte mit ihrem Vater ſeit dem vorjährigen Brande das nahe gelegene, dem Müller gehörige Reizenſteiner⸗ Güt'l. Heute war ſie jedoch mit demſelben ſchon früh am Morgen zur Mühle herabgekommen, um dem Wunſche ihres Vaters gemäß ſeinen Gäſten und Leuten gehörig aufzukochen, wie ſich derſelbe auszudrücken pflegte.
Dieſen Wunſch des Müllers hatte ſie zu Aller Zufrieden⸗
heit erfüllt und ſchon lange wurde nach ihr gefragt, um ihr
das verdiente Lob perſönlich ſpenden zu können. Namentlich Vater Friſchauf wartete darauf, der ſchönen Müllerstochter ſeine Komplimente und Artigkeiten zu ſagen, dabei beſtändig ſeinen langen, rothblonden Schnurrbart, auf den er ſich nicht wenig einbildete, durch die Finger der rechten Hand gleiten laſſend.
Da ſehen wir ſie kommen, unſer Reſerl am Brandt!— Sie ſchreitet aus dem Neubaue heraus, neben dem rauſchenden Bergwaſſer weiter, dem luſtigen Treiben der angeheiterten Gäſte zu.
Die Müllerstochter war ausnehmend hübſch gekleidet. Ihr Köpfchen hatte ſie mit gar nichts bedeckt, das üppige, glanz⸗ volle Flachshaar war ihr einziger Schmuck; nur in den ſchönen, dicken Zöpfen waren paſſend kornblaue Seidenbänder ein⸗ geflochten, welche, am Ende des langen, prächtigen Geflechtes ſich zu einer gefälligen Schleife vereinigend, daſſelbe mit einander verbanden.
Ein mit Perlen und Seiden⸗Crepinen reichlich ausgenähtes Brünell⸗Mieder legte ſich ſchmiegſam an die tadelloſen Formen ihres Oberkörpers an und ein ſchweres, blendendweißes Seidentuch mit zarter Bordure kornblauer Blümchen war ge⸗ ſchickt in geordneten Falten in das ſchwarze, zierliche Mieder geſteckt, das ſogenannte Röckchen bis auf die Aermel ver⸗ hüllend. Aermel und Oberröckchen waren aus beſtem Woll⸗ rips ebenfalls in dem feurigſten, wunderbarſten Kornblau gehalten, das ſo vortrefflich zu ihren hellen Haaren paßte. Eine ſchmale echte Korallenkette umſchloß ihren feinen, weißen Hals; ein duftiges, blüthenweißes Mullſchürzchen, mit Spitzen beſetzt, ſchützte das kurze Ripsoberröckchen, unter welchem endlich reinliche, weiße Unterröcke hervorſchauten. Ebenſo ſaubere weiße Strümpfe umgaben die etwas ſichtbaren, runden Waden des Mädchens. Ihre Füßchen dagegen waren ohne Zwang in ſo niedlich, auffallend kleine Schuhe geſchlüpft, darum ihr gar manches Fräulein der Großſtadt hätte neidig ſein dürfen. Ueber ihre ganze Geſtalt war natürliche Anmuth hingegoſſen und ihre heute gewählte Kleidung ließ uns ihren Liebreiz noch vortheilhafter erſcheinen als früher.
Aber dennoch fehlte etwas an unſerem Liebling, das uns eben bei deſſen Anblick mit Beſorgniß erfüllt. Das friſche Roth ihrer Wangen, das liebliche Lächeln des reizenden Münd⸗ chens, noch mehr aber der heitere, anziehende Blick ihrer klaren Augen ſind es, was wir heute leider an dem ſonſt ſo munter geweſenen, faſt muthwilligen Kinde vermiſſen.
Thereschen,
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