Concordia⸗
Während Mutter und Sohn ſich verabſchiedeten, verließ Reschen die Stube und ſchaute thränenden Auges minuten⸗ lang zur Mühle hinunter. Als Hieſel allein war mit der blinden Mutter, machte ſie ihm Vorwürfe wegen ſeines Ver⸗ hältniſſes mit der Thalhofer Thereſe. Sie hatte das Mädchen zu gern und fühlte nur zu gut, daß nicht ihr allein, ſondern auch Reschen großes Leid widerfahre.
Hieſel nahm Alles geduldig hin, nur betheuerte er, wie unendlich lieb er Thereſe gewonnen habe, und bat die Mutter wiederholt um Verzeihung und ihren Segen.
Thereschen kam eben in die Stube zurück, als das blinde Mütterl ſegnend die Hände auf den jetzt weinenden Hieſel niederlegte. Sie knieete ſich neben dem Geliebten nieder, als wollte ſie den Segen ſeiner Mutter mit Mathies theilen. Hieſel ward jetzt wieder muthiger, und nachdem er das alternde Mütterl auf Stirn und Mund geküßt, ſagte der reiſefertige Flüchtling:
„Mutter, verzeiht mir's, was ich Euch anthat, aber ich bin Euch zu Lieb' heut''nübergeſtiegen zum Seehauſer Revier, weil ich Euch net länger hungern ſehen hab' können.“ Und jetzt zu Thereſen— ſie mit traurig liebevollem Blick an⸗ ſchauend— ſetzte er ſtill bei:„B'hüt' Dich Gott, liab's guat's Reſerl, unſer Herrgott wird's ſchon noch recht machen zwiſchen uns! Schau' hie und da herauf, wenn Du kannſt, zu meiner alten Mutter, ich ſpar' ſchon für ſie, aber ſchicken kann ich ihr nichts, daß ich mich net verrath', wo ich bin. Ich bleib' Dir treu für's ganze Leben, mein Schatz, und nun Gott be⸗ fohlen, Reſerl und Mutter!“— ſchloß er, ſich zum Gehen anſchickend, nichts als einen Bergſtock mitnehmend, um kein Aufſehen zu erregen, wenn ihm zufällig Bekannte begegnen ſollten.
„Geh' her, Bua! an Weichbrunn'(Weihwaſſer) laß Dir noch geben,“ ſagte das nun ſchluchzende Mütterlein. Nachdem ſie dieſen religiöſen Brauch an ihrem Sohne vollzogen hatte, drückte ihr der ſcheidende Hieſel noch einmal feſt und herzlich die Hand und ging dann endlich mit ſeinem Reſerl zur Haus⸗ flur hinaus. Da umarmten ſich die beiden Liebenden lange und innig. Hieſel theilte Thereſen mit, daß ſeine Mutter ihr Liebesverhältniß länger ſchon ahnte, nun aber davon wiſſe.— Nach vielen Betheuerungen und Verſprechen ſchied Hieſel am Brandt von ſeinem herztreuen Lieb, von ſeinem ſchlichten Daheim, noch nicht recht wiſſend, als Flüchtling, wo eigentlich hin.
Lange ſchaute das Reſerl am Brandt dem Scheidenden nach, bis dieſer, noch einmal mit dem Hute grüßend, den Weg zu den höheren Forſten, dem baieriſchen Ruck zu, ein⸗ ſchlagend, ſich dem thränenſchimmernden Auge Thereſens entzog.——
Nachmittags zwei Uhr bereits langten vier Jäger mit dem zufällig heute früh nach Seehaus gekommenen reitenden Feld⸗Gensd'armen Günter aus Traunſtein an der Hütte beim Hieſel am Brandt an und fahndeten nach dem Sohne der verlaſſenen Mutter. Der Raubvogel aber, wie die Jäger den Hieſel am Brandt zu nennen beliebten, war ausgeflogen!
5. Kapitel.
Laſſen wir ein Jahr an den eben erzählten Ereigniſſen vorüberrollen!— Wir finden das liebliche Thal beim Müller am Brandt mit uns ein Jährlein älter geworden, aber in
gleich jugendlicher Schönheit liegt es vor unſeren Augen. Sein erneuter, ſich immer wiederholender Liebreiz hemmt unwill⸗ kürlich unſere Schritte und läßt uns nicht, ohne Einkehr zu machen, an demt idyllliſchen Flecken vorübereilen. Es iſt heute der 16. September, an dem wir das einſame Bergthal nach Jahresfriſt wieder betreten, und für einige Augenblicke hält das lautjubelnde Herz in ſeiner gewaltigen Freude inne, einer traurigen Erinnerung nachhängend.
Es war der Jahrestag jenes ereignißſchweren Abends, der das ſtattliche Wohnhaus des Müllers Thalhofer mit Mahl⸗ mühle und Scheunen in ſo kurzer Zeit in einen rauchenden Schutthaufen verwandelte und der armen, ſchönen Wally vom Hieſel am Brandt ihr ſinnumnachtetes Leben geraubt hatte.
Doch während wir ſtill in ſich gekehrt ein Weilchen dem Andenken der armen Todten weihen, rauſcht uns aus den Obſtgärten der Mühle munterer Geſang und gar lebhaftes Geplauder entgegen. Die melodiſchen Klänge heimiſcher Zitherweiſen miſchten ſich harmoniſch darein und ziehen uns näher dem toſenden Bächlein entlang zu der Mühle hinüber.
Lelch' munteres Bild überraſcht jetzt das Auge, als wir, die Holzlager betretend, an das andere Ufer hinüberblickend, ein Menge luſtig zechenden Volks auf grünender Wieſe be⸗ ſchauen. Scheune und Mahlmühle erhoben ſich bereits wieder aus dem üppigen Grunde, und auf dem noch größer gebauten, prächtigen Wohnhaus der Mühle ſtand jetzt der mächtige, neue Dachſtuhl mit Bäumchen und Fähnlein verziert.
Am Hauptfirſt des ſtattlichen Neubaues hatten die Zimmer⸗ leute eine beſonders hübſche junge Tanne am vorderen Ende geſchickt anzubringen gewußt und von jedem Aeſtchen derſelben flatterten blau- und weißſeidene Bändchen in der friſch be⸗ wegten Herbſtluft, während unter dem Bäumchen auf weiß⸗ blendendem Schilde, der mit Guirlanden umgeben, die Zahl 1863 in goldenen Ziffern erglänzte. Rund um die Jahres⸗ zahl, zweifellos die Zahl der Erbauung dieſes umfangreichen, ſchönen Neubaues anzeigend, war in gutleſerlichen, karmin⸗ rothen Lettern eine Inſchrift gar paſſend noch angebracht. Dieſelbe lautete:
„Glück und Segen der Mühle am Brandt!— Vivat hoch! es lebe der Bauherr Nikolaus Thalhofer!“
Das ſogenannte Hebewein⸗Feſt wurde hier beſonders fröh⸗ lich begangen, und die Zimmerleute und anderen Arbeiter thaten ſich gütlich an dem Schmaus und Trank, welchen der Müller Thalhofer zum Beſten gab.
Der Müller iſt nicht karg bei ähnlichen Feſten, überhaupt war von jeher die Gaſtfreundſchaft ſeines Hauſes weithin be⸗ kannt und gelobt. Außer den am Baue beſchäftigten Leuten lud er auch mehrere Freunde aus der Umgegend ein, während aber an die Feuerwehr Ruhpoldings der Fuhrknecht Waſtl eine beſondere Einladung geſtern früh ſchon mit in's Dorf hinaus⸗ nehmen mußte, und am Abend kehrte der Knecht nebſt der Zuſage der Geladenen mit einem ſchwerbeladenen Wagen voll Bier aus der Hutter'ſchen Brauerei zu Traunſtein, ſowie mit Würſten und Schinken zurück.
Wir treten jetzt näher an den luſtigen Kreis und miſchen uns unter das verſammelte, fröhliche Völklein hinein. Auf einer großen, eigens zu dem Zwecke des Feſtes heute Morgen abgemähten Wieſenfläche, zwiſchen Obſtgarten und Bächlein, ging es gar luſtig her. Einige leere Bierfäſſer, breite, lange Bretter erſetzten die Tiſche und Sitzplätze für das genügſame
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