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ſchießen aufgeben ſollt'. Mein Vater wird ihn vielleicht dann ſchon einſtellen!“ ſetzte ſie kleinlaut hinzu, als wenn ſie es ſelber nicht glauben könnte.
„Und das hat Dein Vater erfahren, mein guat's Kind, und Dich ſicher net z'wenig ausg'ſcholten wegen der heimlichen Zu⸗
ſammenkunft mit mein' Hieſel, den er ja ſo gar net mag.
Aber ich glaub' immer, Reſerl, es ſcheint net ganz richtig zu ſein zwiſchen Euch Leuteln. Warum beſtellſt denn Du meinen Bub'n zur Seehauſer⸗Klauſen hinüber?“
Dieſe Frage machte Thereschen erröthen; nach einer Weile jedoch ſagte ſie dann:
„Nun, in Gott's Nam' ſollt Ihr die reine Wahrheit er⸗ fahren, Mutter, lang' wollt' ich ſchon etwas ſagen, und Ihr werdet doch auch net ſo hartherzig ſein, wie mein Vater. Der Hieſel und ich haben uns aufrichtig gern, und weil der Vater nichts wiſſen darf, müſſen wir uns manchmal ein paſſendes Stünderl ſtehlen, um wieder einmal zuſammenzukommen. Nach der Kirch' zu Ruhpolding draußen machen wir's gewöhnlich aus, wo wir uns treffen.“
„Aber Reſerl!“ fiel ihr die Mutter in die Rede, nuhe Wiſſen der Eltern ſollſt Du ſo'was net thun, biſt ſonſt ſ brav und guat; und mein' vin 8 werd' ich's auch unte aga Er iſt arm und hat nichts; Du biſt reich und kannſt andere Bub'n kriegen, die mehr Anſeh’n haben und Deinem Vater auch recht ſind und als Schwieger beſſer paſſen als mein Sohn. Laßt die Dummheiten, die führen zu nichts, und machen Euch nur Verdruß.“
„Nein, Mütterl, ſo hätt' ich net'dacht, daß Ihr denken würdet über unſere aufrichtige Liab'!— Kein' andern Bub'n als wie den Hieſel mag ich net; der Bua meint es redlich mit mir und ich mit ihm auch, alſo ſeid net ung'halten, Mutter, und flucht net, ſondern gebt Euren mütterlichen Segen zu unſerem Bündniß!“
Die Blinde hörte andächtig auf jedes Wort Thereschens, und abwechſelnde Freude und Beſorgniß lagen in dem Aus⸗ druck ihres Geſichtes.
„Aber erſt am Altar!“ antwortete das Mütterlein ernſt, als Hieſel lautathmend und mit trauriger Miene in die Hütte eintrat. Seinen ſchweren Ruckſack warf er gleichgiltig zu Boden, während er Bergſtock und Hut auf die Ofenbank legte.
„Grüß' Dich Gott, liaber Hieſel!“ ſagte Thereſe, und freu⸗ dig geſtimmt flog das fröhliche Mädchen ſeinem Geliebten entgegen, der ſelbſt auf Reschens herzigen Gruß verdrießlich
dareinſchaute und keine Worte fand.
„Aber Hieſel, was machſt denn Du für ein Geſicht?— haſt Du keinen Gruß für Dein Mütterl und Deinen Schatz?“ ſetzte ſie leiſe, nur für ihn hörbar, hinzu.„Was iſt Dir denn über die Leber gelaufen, mein herziger Bua, daß Du gar ſo verſtört dareinſiehſt? Geh', ſchau' net ſo wild und komm' her zu uns, Du trauriger Bua!“
Dieſe liebevolle Anſprache verfehlte zwar ihren Eindruck auf Hieſel keineswegs, aber ſie machte dennoch einen anderen als wir Alle erwarteten. Sein Treffen heute auf dem Thurn⸗ bach⸗Horn mit dem Forſtgehilfen ſtellte ſich jetzt klar vor ſeine Augen, aber zugleich ſelbſt wie eine Kluft des wilden Berges zwiſchen ihn und Thereschen. Er wußte, was ihn erwartete, wenn der Forſtgehilfe in Seehaus unten ankommt, ſeine An⸗ zeige macht. Der Grauvogel hat noch keinen Wilderer ge⸗
ſchont!— ſagte er ſich ſelbſt— und bald werden ſie mich
Concordia.
hinausſchleppen nach Traunſtein, wie den Rigerbauern⸗Franz von Zell drüben. Sein Geſicht nahm daher noch einen be⸗ ſorgteren Ausdruck an, als er plötzlich auf ſeine zwei liebſten Weſen zuſchritt.
„Mutter und Reſerl!“ ſtöhnte er mehr als ſprechend,„es iſt aus um mich, meine Liaben! Der Limpöck iſt mir heut' oben am G'wänd unter'’kommen; mir bleibt nichts übrig, als in’s Kaiſerliche nüber zu fliehen, bevor ſie mich aufgreifen und gefeſſelt'nausſchleppen nach Traunſtein!“
„Allmächtiger Gott!“ ſchrieen zugleich Hieſel's die bleichgewordene Müllerstochter.
„Um Himmels willen, Hieſel, was haſt Du'than? lebt der Forſtgehilf' noch?“ fragte Thereſe ängſtlich weiter.
„Ich hab' ihm kein Haar krümmt, dem Jäger, g'rad' ein wenig erſchreckt, aber das iſt lang' genug vor den Gerichian. 77 erwiederte Hieſel dem zitternden Mädchen.
„Gott ſei's gelobt und gedankt!“ fügte jetzt die blinde Mutter bei, ſichtlich froh, daß Hieſel den Jäger nicht am Ende gar erſchoſſen hat,„aber ich hab' immer gefürchtet, daß es ein ſolches End' nehmen wird mit Deinem Wildſchießen, Hieſel!“ ſagte ſie dann vorwurfsvoll zu ihrem Sohn.
„Meine liabe Mutter, ſagt nichts mehr, ich bin ſo genug geſtraft, wenn ich daran denk, wer jetzt für Euch ſorgen wird, wenn ich eingeſperrt werde und fort muß aus die liaben Berg' und von—“ Hier unterbrach Hieſel ſeinen Jammer und ſtumm ſtand er vor ſeinen Liebſten.
Das Mädchen ermannte ſich zuerſt, aber doch noch immer unſicher lauteten ihre Worte, als ſie ſich an Hieſel wandte:
„Mathies! es iſt leider Gott kommen, wie's mein Vater vorausgeſagt hatt’;— aber die Freud' darfſt Du den Jägern und Bauern um ſo weniger machen, Dich erwiſchen zu laſſen! — Geh' auf einige Zeit in's Tirol, Hieſel!— ich ſorg' ſchon für Deine arnie Mutter, daß ſie net darbt, und nächſte Woch' reiſ' ich nach Berchtesgaden und bitt' unſeren liaben, guten König Max, 8 er Dir die Straf' ſchenkt. Wenn ich ihm
8 Mutter und
ſag', daß Du aus reiner, unverſchuldeter Noth, wegen Deiner blinden Mutter, den Gemsbock geſchoſſen, und dem Forſt⸗
gehilfen nichts an'than haſt, und ich ihn kniefällig bitt, ſo wird er Deiner armen Mutter wegen ſchon eine Ausnahme machen im ſtrengen Geſetz und Dich begnadigen. Nun aber richt' Dich zuſammen auf die Reiſ'!— Du darfſt keinen Augenblick verſäumen!“— Dann mehr zu Hieſel allein ge⸗ wendet, fuhr ſie fort:„Der Mutter ihr Segen geleit' Dich in die Fremd'! Bleib' brav, Hieſel, im Kaiſerlichen drüben und bleib' mir treu, armer Bua, dann wird Alles noch recht werden,“ endete jetzt arg weinend das biedere Mädchen.
Hieſel konnte gar nichts mehr ſagen, ſo rührten ihn die herzlichen Worte ſeines treuen Lieb's. Die Mutter drückte dem Reslein die Hand und war, wenn auch nicht gleich, doch endlich mit der Flucht ihres Sohnes einverſtanden, als ſie anhob:
„Man ſoll ſich der Gerechtigkeit net entziehen, Hieſel, aber wenn ich wieder denk, was Du auszuſtehen haſt, wenn's Dir d' Freiheit nehmen, möcht' ich vergehen vor Kummer. Darum zieh' fort in Gott's Nam'.“
Sie gab dann dem ſich zum Weggehen rüſtenden, ver⸗ zagten Burſchen den Segen und vergaß in mütterlicher Liebe ſein kleines Unrecht, ſowie ihre zu befürchtende noch größere
Nothlage der Zukunft... 74*


