586 Concordia.
Die Treppen ſtürmte ſie hinan, riß die Klingel beinahe ab, an dem erſtaunten Diener vorbei——
„Mama!“
Frau von St. Etienne mußte erſt von einem Ausgang zurückgekehrt ſein, denn ſie war eben im Begriff, in ihrem Zinuner Hut und Mantel abzulegen.
„Kind— Eva— was iſt Dir?“
Aber Eva konnte nur ſchluchzen, ihren Kopf an die treue Mutterbruſt lehnen und herzbrechend ſchluchzen.
„Meine Eva, mein Herzblatt, beruhige Dich doch!“
Zärtlich ſtreichelte die Marquiſe das goldblonde Haar, die
Wangen, die Hände Eva's; ſie ſprach milde, tröſtende Worte
zu ihr, liebevoll— ſanft, wie man zu einem kranken Kinde ſpricht.
Nach und nach wurde Eva ruhiger, ſie begann zu erzählen. Alles beichtete ſie dem treuen Mutterherzen; von dem Beſuche Plotzki's an bis zu jener ſchrecklichen Szene mit Beſſelſtein.
Voller Verwunderung hörte Frau von St. Etienne ſie an. Daß hier irgend ein ſchändlicher Zweck zu Grunde lag, daß man Eva abſichtlich in jenes Haus gelockt, ſchien ihr faſt gewiß. Nur fragte ſie ſich vergebens, weshalb.
Frau von St. Etienne hatte heute Nachmittag einen Be⸗ luch bei Fränzchen Schneller gemacht.
Fränzchen hatte ihr nun ebenfalls die volle Wahrheit ein⸗
geſtanden, ohne von Plotzki's geſtrigem Beſuche etwas zu er⸗
wähnen.
Es wurden Stimmen im Vorzimmer laut.
„Herbert!“ rief Eva freudig und flog in die Arme des Geliebten, der in der geöffneten Thür ſtand.
Plötzlich fiel ihr Auge auf einen Herrn mit feinem, blaſſen Antlitz, welchen Herbert's hohe Geſtalt bisher verdeckt hatte.
Sie trat zurück. Auch Herbert that es und machte ſeinem Onkel Platz.
„Dieſe junge Dame hier, lieber Onkel,“ ſagte er,„iſt Eva von St. Etienne, meine geliebte Braut.“
Rolf von Seidenau, deſſen Geſicht eine mächtige Be⸗ wegung verrieth, hatte Eva's beide Hände ergriffen und küßte ſie innig auf die Stirn. Dabei hauchte er, kaum vernehm⸗ bar:„Regine!“ 4
Aber ſo leiſe auch ſeinen Lippen das Wort entflohen, Eva's feines Ohr hatte es aufgefangen.
Sie blickte ihn an.„Regine war meine Mutter?“
Der Baron nickte ſchweigend.
Dann näherte er ſich Frau von St. Etienne.
„Verzeihen Sie, Frau Marquiſe,“ ſagte er,„meine Un⸗ art, Sie erſt jetzt zu begrüßen. Ich glaube, wir ſind alte Bekannte; mein Name iſt Rolf von Seidenau.“
(Schluß folgt.)
Das Reſerl am Brandt. Erzählung aus den Bergen von A. Weiß.
(Fortſetzung.)
Thereſe hörte ſtill zu, als aber das Mütterlein geendet, erwiderte ſie ſanft und freudig gehoben:
„Mütterl, laßt's guat ſein! es iſt net der Red' werth, zu danken für das Biſſerl, daß ich mit'bracht hab'!— Dies hat der Hieſel tauſendmal verdient durch ſeine Hilf' bei dem Brand; aber daß Ihr von mir träumt, liab's Mütterl, gifreut mich ſo viel und herzlich— und ich ſchaug's als ein guat's Zeichen an für meine Zukunft.“ Aber nun wie ſuchend in dem beſcheidenen Stübchen herumblickend, fragte ſie dann plötz⸗ lich die aufhorchende Blinde:„Wohin iſt denn der Mathies ſchon ausg'flogen, Mutter?— Iſt er nach Köſſen in's Tirol hinüber zur Holzarbeit?“
Die Mutter antwortete nicht gleich und ihre dürren Hände zitterten etwas, welche ſie in das kleine, runde Händchen der Müllerstochter gelegt hatte, dann aber ſprach ſie wie abſichtlich etwas leiſe zu derſelben:
„Reſerl! Du weißt, wie arm wir ſind; wie gern hätt' der Hieſel jetzt unten in der Mühl' Arbeit bei Deinem Vater geuommen, aber er hat keine'kriegt.— Fremde Leut' aus dem Wälſchland zum Mauern, und Männer aus dem Kaiſer⸗ lichen zum Zimmern und Handlangen hat Dein Vater kommen laſſen und der Hieſel war ſo verzagt d'rüber, daß er ſchier geweint hätt'. Die Arbeit in Köſſen drüben iſt zu End', der Wirth von Sankt Johann laßt heuer kein Holz mehr ſchlagen und der Hieſel weiß gar nimmer, was er anfangen ſoll. Heut' nun, Du darfſt es wiſſen, iſt er'nüber auf die Berg' und will ſchauen, einen Gemsbock zu ſchießen, weil wir ſchon zwei Tag' nichts mehr gegeſſen haben. Du wirſt den Bub'n wegen dem net verachten— aber mir iſt es ſelber net recht, denn
er könut' doch noch recht unglücklich werden,“ endete beſorgt
die blinde Mutter, Thereſen näher an ſich ziehend, welcher das
Loos der Alten ſo bitter zu Herzen ging, daß ſie lautauf zu ſchluchzen anfing.
„Mütterl, arm's Mütterl, ſeid aber mir net bös deswegen, bitt' ich Euch!“ ſchaltete das Mädchen nun ein.„Mein Vater thut dem Bub'n unrecht, und am gleichen Abend, wo wir abgebrannt ſind, gab es erſt zwiſchen mein’ Vater und mir einen fürchterlichen Auftritt wegen dem Hieſel.“
Doch plötzlich hielt ſie inne, denn die alte Mutter wußte ja bis jetzt nichts von dem Verhältniß der jungen Nachbars⸗ leutchen. Dennoch ſchien die Blinde in ihrem Mutterherzen die Gefühle des jungen Mädchens, das jetzt ſo raſch innehielt, für ihren Sohn leiſe zu ahnen, denn zugleich erfreut, aber auch beſorgt, ſagte ſie ſchnell zu Thereſen:
„Ja, wie kannſt Du denn, Reſerl, wegen meinem armen Bub'n mit Deinem Vater in Streit kommen?— Wegen meinem Hieſel, um den ſich kein einziger Menſch in der Pfarr' kümmiert, außer mir!“
„Und ich!“ fügte Reſerl raſch ein.
„Du biſt halt immer ſo guat, Reſerl, und gegen Alleé ſo theilnehmend und mitleidig, aber das thut mir leid, Madl, wenn Du wegen mein' Bub'n mit Deinem Vater Verdruß bkriegt haſt. Das ſoll in Zukunft nimmer geſchehen!— Der Hieſel wird doch net ſchuld daran ſein?“
„Nein, liab's Mütterl, das iſt er auch net!— Ich hab ſelber neulich den Bub'n zur Klauſen drüben am Ferchenſee hinbeſtellt und mich wieder einmal ausgeredet mit ihm, daß er net ganz verzagt; ich hab' ihn auch bitt', daß er's Wild⸗
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