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Concordia.
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Du ſie auf dem Nachhauſeweg ſtillſchweigend abgeſetzt haſt, fährſt Du, ſtatt mit ihr zu der Alten, weiter und kommſt hier⸗ her; verſtanden?“
Beſſelſtein murmelte etwas Unverſtändliches und ging.
Als er fort war, riß Plotzki die Fenſter auf, zündete eine von den mitgebrachten Cigarren an und verſuchte, die Zeit bis zu ſeines edlen Verbündeten Rückkehr mit Leſen todt⸗ zuſchlagen.
Der Kutſcher des Wagens wußte ſchon, daß er den Herrn, der jetzt einſtieg, ſo ſchnell wie möglich nach Lehmgaſſe Nr. 8 zu bringen hatte. Er hieb wild auf das Pferd ein und war in wenigen Minuten zur Stelle.
Beſſelſtein ſtieg aus und ging hinauf.
Auf ſein leiſes Klopfen öffnete ihm Mutter Schnellern ſelbſt und flüſterte:„Sie iſt ſchon drinnen, dort im blauen Zimmer.“
Er trat ein.
Eva ſaß auf dem Sopha, erhob ſich und kam ihm einige Schritte entgegen. Dann blieb ſie zögernd ſtehen.
Ihr großes, klares Auge ruhte forſchend auf Beſſelſtein's Geſtalt, auf den verſchwommenen Zügen ſeines ausdrucksloſen Geſichts.
Er konnte dieſen prüfenden, tiefernſten Blick nicht ertragen. Er ſchlug den ſcheuen Blick zu Boden und drehte verlegen den Hut zwiſchen den Händen. Endlich beſann er ſich und ſtreckte Eva die Rechte entgegen, in welche dieſe zögernd nur ihre Fingerſpitzen legte.
In dieſem Augenblick ertönte draußen die Glocke.
Beſſelſtein ergriff Eva’'s Hand feſter und geleitete die Zitternde zum Sopha zurück, wo er ſich neben ſie ſetzte.
„Mein Fräulein,“ begann er——„nein, dieſe kalte, gleichgiltige Anrede will nur ſchwer über meine Lippen—— Eva—“ er ſtockte—„Eva! wie habe ich mich nach dieſer Stunde geſehnt!“
Er rückte ihr näher und verſuchte, in ihr blaſſes, erregtes Antlitz zu ſehen. Sie hielt es abgewendet und darum bog er ſich vor und ſchlang den Arm um ihre Talille, um ſie leiſe zu ſich heranzuziehen.
Eva überlief es heiß und kalt.
Das ihr Vater? Dieſer Mann mit dem, ſie auf's Aeußerſte unſympathiſch berührenden Weſen, mit den breiten, gemeinſinnlichen Zügen, den kleinen, wäſſerigen, unſicherblicken⸗ den Augen, der flammenſpeienden Naſe, den dickwulſtigen Lippen, Der, dem ſie folgen, um deſſentwillen ſie ihre zärtlich geliebte Mutter verlaſſen ſollte?—— Nimmermehr! Nie würde ſie auch nur ein Atom Kindesliebe für ihn empfinden können, das war ihr klar geworden im erſten Augenblick. Nicht eine einzige Stimme in ihrem Innern ſprach für ihn, es ſei denn die der Abneigung und des Schauders.
Und dennoch— er war ihr Vater! Sie mußte ſich über⸗ winden, ihm wenigſtens nicht von vornherein abſtoßende Kälte zeigen. Wie leicht konnte der erſte Eindruck, der freilich ſehr zu ſeinen Ungunſten ſprach, ſie täuſchen. Es war ihre Pflicht, ſich davon nicht beirren zu laſſen.
Sie wandte ſich deshalb freundlich zu ihm und ſagte: „Ich wußte es, und daxum bin ich hier, wenn mein Gewiſſen ſich auch beunruhigt fühlt darüber, daß ich dieſen Schritt ohne Wiſſen meiner Pflegemutter gethan. Aber ich hoffe, ſie wird ihn mir verzeihen und darin nur das Beſtreben erblicken,
Alles in einer friedvollen Weiſe löſen zu wollen. O, Sie müſſen ſie kennen lernen, ſie, die nur hingebende, aufopfernde Liebe und Güte iſt. Ihrem edlen Geiſt, ihrem trefflichen Herzen danke ich Alles, was ich innerlich bin und beſittze. Sie weckte und pflegte in mir die Liebe zu Allem, was gut und ſchön und groß iſt; ſie dämpfte die unedlen Regungen meiner Seele und flößte mir Begeiſterung für alles Hohe und Erhabene ein. Meine Dankbarkeit für dieſe edle Frau iſt grenzenlos und wird nie erlöſchen. Nicht wahr, Sie werden mit mir kommen, um ſie zu ſehen, werden mich bei ihr laſſen, von der ich mich niemals trennen könnte, ohne vor namen⸗ loſer Sehnſucht krank zu werden—— 2“
Beſſelſtein lauſchte.
Wie ſchön ſie war in ihrer begeiſterten Lobeshymne! Das zarte, edelgeſchnittene Antlitz von einer warmen Röthe über⸗ goſſen, die klaren grauen Augen mit leuchtendem Ausdruck auf ihn geheftet, glaubte er ein liebreizenderes, begehrens⸗ wertheres Geſchöpf noch niemals geſehen zu haben.
Dieſer ſchwellende, roſige Mund! Dieſe ſammetgleichen Wangen! Alles an ihr ſo blüthenfriſch, ſo mädchenhaft duftig! Und wie den größten Wüſtling die echte Reinheit und Keuſch⸗ heit der Seele am meiſten entflammt, ſo entglomm plötzlich in Beſſelſtein eine heiße Begier, dies junge, wunderbar ſchöne Kind an ſich zu ziehen und ſeine brennenden Lippen auf die ihren zu preſſen.
Aber noch mäßigte er ſich. Nur näher zog er ſie zu ſich und flüſterte, während ſein glühheißer Athem ihre Wange ſtreifte:
„Ich will ja thun, was— Du wünſcheſt, Eva! Beſtimme über mich, ich bin in Allem Dein Sklave!“
Ein ungekanntes Angſtgefühl bemächtigte ſich Eva's. Sie widerſtrebte dem Druck ſeines Armes, der ſie näher und näher zog, eine ſeltſame Beklemmung ſchnürte ihr die Bruſt zuſammen. Plötzlich blickte ſie empor und ſchrie laut auf vor Entſetzen, als ſie die in wildeſtem Begehr aufflammenden Augen Beſſelſtein's dicht vor ſich ſah.
Aber es war zu ſpät. Beſſelſtein hatte ſie an ſich geriſſen und ſaugte ſich, nur noch bei halber Beſinnung, mit inbrünſtiger Wolluſt an den vollen, friſchen Mädchenlippen feſt. Vergeſſen war die wohlgeſetzte Rede, die Plotzki ihm eingelernt, vergeſſen ſeine ganze, würdevolle Miſſion— er belohnte ſich ſelbſt!
Eva wollte ſchreien, ſich wehren— vergebens! Wie ein paar eiſerne Klammern umſpannten ſeine Arme die wehrlos Hingegebene, die unter den wilden, leidenſchaftlichen Küſſen ſeines ekelhaften Mundes faſt zu erſticken wähnte.
Da endlich ſchien die erſte, wilde Gluth vorüber.
Sie verſuchte ſich loszuringen, es gelang— ein gellender Hilferuf durchtönte das Zimmer.
„Still, um Gottes willen, ſtill!“ ziſchelte Beſſelſtein und wollte ſie wieder umſchlingen, aber mit aller Kraft ſtieß Eva ihn zurück, lief zur Thür und ſtürzte wie eine Wahnſinnige fort, die Treppen hinab.
Schritte ertönten hinter ihr, ſie hörte ihren Namen rufen — gewiß, der Entſetzliche verfolgte ſie!
Ganz gleich, ob die Menſchen auf der Straße kopfſchüttelnd ſtehen blieben! Mochten ſie denken, ſie ſei eine Irrſinnige, aus dem Tollhaus Entflohene— nur fort, fort nach Hauſe!———
Endlich war es erreicht, das erſehnte Ziel. 71


