Jahrgang 
2 (1879)
Seite
584
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Concordia.

Der Baron ſtöhnte ſchmerzlich auf.

Ich weiß nicht, Seidenau, der Wiſch hier macht mir einen zweifelhaften Eindruck. Ich werde dem Schreiber oder der Schreiberin dieſes ſchon auf die Spur kommen. Die Schrift⸗ züge ſind kraftlos und zitterig. Wiſſen Sie, laſſen Sie mich allein nach der Lehmgaſſe in die alte Spelunke gehen. Für Sie iſt das nichts.

Entſchieden begleite ich Sie. Mit dieſen meinen eigenen Augen und Ohren muß ich ſehen und hören, wenn ich dies Furchtbarſte glauben ſoll. Auch dieſen letzten Kelch will ich mir nicht erſparen, will mir ſelbſt eine Buße auferlegen da⸗ mit, daß ich ihn bis zum letzten Tropfen leere. Dann erſt habe ich vollſtändig abgeſchloſſen mit dem Leben, Nolding; in die tiefſte Einſamkeit werde ich mich begraben, die Men⸗ ſchen fliehen und den Reſt meiner Tage in einer jammer⸗ vollen Verzweiflung hinleben.

Dann erſt recht werden Sie ſich aufraffen und Gutes wirken, wie und wo Sie nur können, erwiderte Nolding energiſch.Das allein iſt die beſte Medizin gegen den Schmerz über ein verfehltes Leben. Vor allen Dingen muß darnach getrachtet werden, in jenem unglücklichen Geſchöpf das Gefühl für das Rechtſchaffene, Ehrbare zu wecken. Sie iſt noch jung; das giebt viel Hoffnung, die Umkehr zum Guten in ihr zu bewirken.

Darauf hoffe ich gar nicht. Wäre ſie vielleicht von Jugend auf in ſchlechten Händen, in laſterhafter Umgebung geweſen, ſo, meine ich, wäre ſie ihrer eigenen Schlechtigkeit ſich nicht einmal voll bewußt. Ohne darüber nachzudenken, thut ſie eben, was die Anderen thun, würde auf ernſtliche Ermahnungen in ſich gehen und ein neues Leben beginnen. Anders, wenn ſie wie im Briefe ausdrücklich bemerkt iſt unter der ſteten Aufſicht einer achtbaren, redlichen Frau auf⸗ gewachſen iſt. Ihre Pflegerin, all' der erwieſenen Liebe und ſorgfältigen Erziehung zum Trotze, auf eine ſo raffinirte Art zu täuſchen, zeigt einen tiefen Hang zum Leichtſinn, läßt auf einen Grad von Verderbtheit ſchließen, der vollſtändig hoff⸗ nungslos iſt. Ich werde ihr die feſtgeſetzten tauſend Thaler jährlich auszahlen laſſen und vielleicht Sorge tragen, daß ſie in einer Beſſerungsanſtalt untergebracht werde.

Das würde ein Mittel ſein, ſie vollends zu verderben. Auch bin ich inſofern einer der Ihrigen ganz entgegengeſetzten Meinung, als ich annehmen möchte, das junge Mädchen ſei nur die Beute einer augenblicklichen Verirrung, die ſie ſpäter bereuen wird. Ueberlaſſen Sie mir, dem auf den Grund zu gehen, lieber Freund. Noch einmal: Ueberwinden Sie ſich, bleiben Sie hier.

Nützt Ihnen nichts, Nolding, ich gehe mit.

Nun denn meinetwegen! ſagte Nolding ärgerlich. Und nach der Uhr ſehend:Wir haben noch Zeit. Es iſt jetzt ein Viertel auf Vier. Ich habe noch einen kurzen Gang abzumachen. Pünktlich um vier Uhr bin ich hier, um Sie abzuholen.

Aber nur ja pünktlich. Denn ſonſt würde ich ohne Sie gehen.

Ich weiß es; auf Wiederſehen!

Als Nolding zum Hauſe heraustrat, bemerkte er einige Schritte vor ſich Herrn Plotzki. Zufällig hatte er denſelben Weg eingeſchlagen und blieb, ohne von Letzterem bemerkt zu werden, dicht auf ſeinen Ferſen. An einer Straßenecke ſah

er ein junges, blondes Mädchen auf Plotzki zukommen, von dieſem begrüßt werden und mit ihm weitergehen.

Er hatte dieſen Vorgang in halber Zerſtreutheit beobachtet, ohne ihm beſondere Beachtung zu ſchenken. Später ſollte er ſich deſſen erinnern. Eine Weile ſah er die Beiden noch vor ſich hergehen, dann verlor er ſie aus den Augen.

Das junge Mädchen, das in Plotzki's Begleitung weiter⸗ ging, war Eva.

Sie ahnen nicht, in welcher Aufregung ich mich befinde, ſagte ſie zu ihrem Begleiter.Mein Herz klopft ſo heftig, als wenn ich im Begriff wäre, ein Verbrechen zu begehen.

Wohl vermag ich dieſe Aufregung zu begreifen, ver⸗ ſicherte Plotzki,finde ſie ſogar ſehr natürlich. Gilt es nicht ein wichtiges Ereigniß Ihres Lebens? Ewig werden Sie eine bleibende Erinnerung an dieſe Stunde behalten, die Ihnen den Vater giebt, den Sie ſo lange entbehren mußten. Sie werden ihn ſehen und er wird Ihr Herz gewinnen, verlaſſen Sie ſich darauf; die Stimme des Blutes kann ſich nicht ver⸗ leugnen.

Genug guten Willen bringe ich mit, entgegnete Eva. Aber was meinen Sie, wenn ich Ihnen den Vorſchlag machte, jetzt zu meiner Mutter zu gehen, um dieſelbe auf den Beſuch meines Vaters vorzubereiten?

Ich meine, daß es beſſer iſt, wenn es unterbleibt. Ueber⸗ laſſen wir Alles der Macht des Augenblicks; ſie wird über⸗ wältigend wirken. Bis an jene Straßenecke werde ich Sie noch begleiten. Sie gehen in das gegenüberliegende Haus, welches mit Nummer 8 bezeichnet iſt, klingeln im erſten Stock und das Weitere wird ſich finden.

Dies iſt eine recht düſtere, unheimliche Gaſſe, ſagte Eva.Ich bin hier noch nie geweſen. Wollen Sie mich nicht lieber bis an das Haus begleiten?

Wenn Sie es wünſchen, gern. Und noch Eins! Sollte Ihr Vater noch nicht anweſend ſein, ſo warten Sie ohne Beſorgniß eine Viertelſtunde. Er wird beſtimmt erſcheinen.

Eva ging die Treppen hinauf. Ihr war ſo beklommen zu Muth.

Plotzki wartete im Hauſe, bis er den Klang der Glocke, das Auf⸗ und Zumachen der Thür vernommen. Dann ſah er ſich ſchleunigſt nach einem Fiaker um und fuhr zu Beſſelſtein.

Dieſer ſtand ſchon vollſtändig gerüſtet im Zimmer.

Eben wollte ich abfahren, ſagte er, als Plotzki eintrat. Seit einer halben Stunde warte ich ſchon auf Dich.

Es war ein Ding der Unmöglichkeit, eher hier zu ſein. Aber Du haſt recht, es iſt die höchſte Zeit. Zeige'mal, wie ſiehſt Du aus? Macht ſich, macht ſich! Er drehte ſich nach allen Seiten.Aber Menſch, Scheuſal, Du haſt ja

getrunken? Einen einzigen Schluck, nur einen einzigen Schluck mußte ich nehmen, ſtotterte Beſſelſtein voller Angſt;ich ich

würde ſonſt nicht zuſammenhängend ſprechen können. Lump! Elender! murmelte Plotzki durch die Zähne. Mach' jetzt, daß Du fortkommſt. Der Fiaker, in dem ich gekommen bin, wartet unten auf Dich. Spiele Deine Rolle nach Vorſchrift und laß Dir nicht etwa einfallen, eigene Er⸗ findung walten zu laſſen. Das könnte Dir übel bekommen. Denn ſo verſoffen Du biſt, ich glaube, verliebt biſt Du auch noch. Ich warte alſo hier auf Deine Rückkunft, obgleich ſich's in dieſer ſcheußlichen Luft kaum athmen läßt. Soaleich, wenn