Jahrgang 
2 (1879)
Seite
583
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Concordia.

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gnädigſtes Fräulein, begann Plotzki,und ich komme, Ihnen denſelben auf dem kürzeſten Wege zu beantworten. Ihr Herr Papa weilt allerdings hier und wünſcht ſehr, Sie zu ſehen. Wenn Sie ſich mir anvertrauen wollen, werde ich Sie zu ihm führen.

Wirklich? rief Epa.Warum theilten Sie nicht ſo⸗ gleich meiner Mutter mit, daß mein Vater hier in der Stadt lebt?

Weil ich für beſſer hielt, es ihr zu verſchweigen, er⸗ widerte er.Ich will in Ihr Herz keinen Argwohn ſtreuen, mein Fräulein, aber Ihre Frau Mama iſt in der Liebe zu Ihnen Sie verzeihen, wenn ich es offen ausſpreche egoiſtiſch. Sie lebt und lebte, wie Sie aus ihrem eigenen Munde vernahmen, ſeither ſtets in einer unerklärlichen Angſt, Sie eines Tages wieder verlieren zu können. In ihrer grenzen⸗ loſen Liebe zu Ihnen denkt ſie nur an den Schmerz, den Ihr Verluſt ihr bereiten würde, ohne doch dabei zu berückſichtigen,

daß Ihr Vater ebenfalls Rechte auf Sie beſitzt und mit allen

Fibern ſeines Herzens ſich nach ſeinem Kinde ſehnt. Wüßte Frau von St. Etienne, daß Ihr Vater hier in der Stadt weilt, würde ſie ich bin davon überzeugt vielleicht heut' Nacht noch mit Ihnen womöglich nach Afrika oder Auſtralien reiſen, um ſich in Ihrem Beſitze ſicher zu fühlen. Die alte Dame hat in dieſem Punkte keinen objektiven Blick, was die Liebe zu Ihnen gewiß vollauf entſchuldigt. Ihr Herz aber, Ihr klares, richtiges Urtheil, mein Fräulein, mag hier entſcheiden. Ließe ſich denn nicht Alles in einer vollkommen friedlichen, ja glücklichen Weiſe löſen? Ihnen allein ſteht die ſchöne Aufgabe zu, die Vermittlerin zwiſchen Vater und Pflegemutter zu machen. Führen Sie dieſe beiden Herzen, die Ihnen gleich ergeben ſind, zuſammen und tragen Sie das Bewußtſein in ſich, gleichzeitig edel und gerecht gehandelt zu haben. Verſprechen Sie mir, morgen Nachmittag um halb vier Uhr in der, Ihrem Hauſe zunächſt gelegenen Straße zu erſcheinen, dort werde ich Sie erwarten und Sie in die Arme, an das Herz Ihres Vaters, der ein vortrefflicher, achtungs⸗ werther Mann iſt, führen. Alles, was Sie zu wiſſen wünſchen, mag er Ihnen mittheilen; Ihr Herz, ich weiß es, wird ſich ihm zuwenden, Sie werden ihn in Ihr Haus führen und ge⸗ nießen das Glück, neben dem Beſitze der geliebten Mutter auch den beſten, trefflichſten der Väter gewonnen zu haben.

Aber wollen Sie mir nicht mehr erzählen? fragte Eva. Wie kam es, daß ich von meinem Vater getrennt wurde, wer war meine Mutter, wann ſtarb ſie

Das alles ſind Fragen, die Ihr Vater Ihnen beſſer ſelbſt beantworten kann, erwiderte Plotzki.Mir ſind überhaupt die betreffenden Daten und Jahreszahlen, die ſich an die Ereigniſſe knüpfen, nicht feſt im Gedächtniß, und würde ich Ihnen gewiß manches Irrthümliche berichten. Deshalb iſt es beſſer, Sie verlangen dieſe Auskünfte von Dem, der Ihnen dieſelben am beſten geben kann. Nur ſoviel: Ich war ein naher Freund auch Ihrer verſtorbenen Mutter, Regine Haller.

Regine? rief Eva überraſcht.Mit dieſem Namen nannte mich ja die alte Hanna im einſamen Hauſe. Dieſe Malerin Regine war alſo meine Mutter?

Sie war es.

Und Sie kannten ſie?

Ich beſaß ihr volles Vertrauen. Jahrelang habe ich mit ihr und ihrer älteren Schweſter Louiſe, die ſpäter ſtarb, ver⸗

kehrt. Louiſe war meine Braut und wurde von mir abgöttiſch geliebt. Dieſer meiner Liebe bin ich treu geblieben, denn ich ſagte mir, daß eine zweite Louiſe für mich auf dieſer Welt nicht zu finden ſei. Deshalb blieb ich unvermählt.

Wie in tiefem Kummer blickte Plotzki vor ſich hin.

Sie Armer! ſagte Eva theilnehmend.Aber erzählen Sie doch noch; ſehe ich meiner Mutter wirklich ſo ähnlich?

Sehr ähnlich! verſicherte Plotzki.Gern will ich Ihnen ſpäter mehr von ihr mittheilen, nur heut' reicht mir dafür nicht die Zeit. Die Sache iſt alſo abgemacht, Fräulein Eva? Morgen, punkt halb Vier, darf ich Sie in der genannten Straße erwarten?

Mir pocht das Herz, als ob ich ein großes Unrecht be⸗ gehe, war Eva's Antwort.Und ich glaube, es iſt auch eins, wenn ich der Mutter dieſen Beſuch bei meinem Vater verheimliche. Wäre es nicht beſſer, wenn ich ſie überredete, mitzukommen?

Das wäre ein außerordentlich thörichtes Beginnen; ja, Sie könnten damit Alles verderben. Wenn Ihre Mutter in der Uebereilung vielleicht einen Schritt thäte, der ſie ſpäter mit ſich ſelbſt, mit ihrem Gefühl für Recht und Pflicht ent⸗ ſchieden in den heftigſten Konflikt bringen müßte, ſo würden Sie es ſein, die die Verantwortung dafür zu tragen hat. Was würden Sie eigentlich damit gewinnen? Der Mittel⸗ punkt zwiſchen zwei ſtreitenden Parteien zu ſein, von denen eine Ihrem Herzen ſo nahe ſteht, als die andere. Bittere Kämpfe vielleicht würden Sie durchzuringen haben, innere Ruhe, inneren Frieden niemals wiedererlangen ſind das Güter, die man leichtſinnig auf's Spiel ſetzt? Nein, nein, Fräulein Eva, zeigen Sie, daß Sie ſelbſtſtändig handeln können; diesmal iſt Schweigen gewiß das Richtige. Nicht wahr, Sie ſehen es ein?

Widerſtreitende Gefühle ſchienen Eva zu bewegen. End⸗ lich ſagte ſie feſt entſchloſſen:Gut, ich werde kommen!

Aber werden Sie auch Ihr Wort halten? fragte Plotzki dringend.

Was ich einmal geſagt habe, das erfülle ich auch. Sie dürfen ſich feſt darauf verlaſſen.

So gehe ich, dem in Furcht und Hoffnung Schwebenden die Freudennachricht zu überbringen. Leben Sie wohl! Das wäre gut eingefädelt! murmelte Plotzki, als er den Rückweg antrat.

15. Kapitel. Beſſelſtein fällt aus der Rolle.

Was ſagen Sie dazu, Nolding?

Nolding war ſoeben mit dem Leſen eines Briefes fertig, den der Baron ihm übergeben.

Er zuckte die Achſeln.

Hm! Merkwürdig! Wer in aller Welt kann das Alles ſo genau wiſſen! Es muß Jemand ſein, der alle Verhältniſſe, ſowohl die Ihren, wie die jenes Mädchens, genau kennt, Baron. Aber ſchuftig iſt dennoch ſo ein anonymer Brief! Wenn es am Ende wieder auf eine Myſtifikation hinausliefe, wie wir deren ſchon erlebt haben

Nein, die Sache iſt ernſt. Diesmal, glauben Sie mir, kommt endlich Licht in das Dunkel. Aber es wäre entſetzlich, wenn dieſe nichtswürdigen Ausſagen hier auf Wahrheit be⸗ ruhten mein armes, armes Kind