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Concordia. 581
ein Paar Jagdſporen an. Das Pferd ſah ſehr unruhig aus,
aber der Squire beachtete es nicht. Er ſchwang ſich in den Sattel und ritt hinaus. Fort ging es mit Windesſchnelle über das breite Moorland in wildem Galopp, fort gegen die graue See unter dem finſteren Himmel.
„Ein Mann hat doch eine Gewalt über ſein Schickſal,“ murmelte der Reiter vor ſich hin,„die Gewalt, dem Kampfe zu ſeiner Zeit ein Ende zu machen.“
Er war bis wenige Ellen von der Klippe geritten. Jetzt wendete ſich ſein Pferd und drängte landeinwärts, Gefahr witternd.
„Sehr wohl, Tarpan, wir wollen's noch einmal verſuchen.“
Wieder folgte ein Galopp, wilder als der letzte, über das wellenförmige Moor, dann eine plötzliche Wendung ſeewärts, ein Sporenſtoß in die zuckenden Flanken des Renners, und Tarpan flog achtlos dahin und über die Felſenklippe hinaus in die furchtbare Brandung des Ozeans.
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2* Sir Nugent Bellingham wartete beim Diner vergebens auf das Erſcheinen ſeines Schwiegerſohnes. Es wurde zehn
Uhr Nachts und kein Zeichen kam von Churchill Penwyn.
Sir Nugent ging hinauf in Viola's Zimmer. Es war leer, aber er fand ſeine Tochter in dem Zimmer, das die Verſtorbene zuletzt innegehabt, er fand ſie weinend auf den Kiſſen, wo das Haupt ihrer Schweſter gelegen.
„Meine Theure, es iſt unrecht von Dir, Dich ſo dem Schmerze hinzugeben.“
Ein halberſticktes Schluchzen und ein Kuß auf die zitternden Lippen des Vaters folgte.
„Lieber Papa, Du kannſt niemals wiſſen, wie ſehr ich ſie geliebt!“
„War ſie glücklich mit ihrem Gatten? gewiß?“
„Ich ſah niemals zwei Menſchen, die einander ſo ergeben waren.“
„Und doch nimmt Churchill ihren Verluſt ſo ruhig hin.“
„Sein Kummer iſt deshalb um ſo tiefer. Iſt er noch nicht zu Hauſe?“
„Nein.“
„Ich kann es nicht begreifen, Papa.“—
Als ſich Sir Nugent am nächſten Morgen erhob, war er nicht wenig beunruhigt, zu hören, daß ſein Schwiegerſohn noch nicht zurückgekehrt, und daß er Abends zuvor mit Tarpan einen Ritt über das Moor unternommen.
Der Tag verging langſam und die Nacht kam wieder. Viola ging traurig in dem ſtillen Hauſe umher, und von Zeit zu Zeit kam ſie in die Kinderſtube und küßte unter Thränen ihren kleinen Neffen. Seine Fragen über„Mama, die zum Himmel gegangen“, zerriſſen ihr das Herz.
Sir Nugent telegraphirte vergebens nach drei Londoner Klubs, um etwas über ſeinen Schwiegerſohn zu erfahren.
Erſt am folgenden Tage fanden Farm⸗Arbeiter, welche Seegras ſammelten, die Leiche des Squire's von Penwyn zerſchmettert zwiſchen den zerriſſenen Felſen; Reiter und Pferd bildeten eine verſtümmelte Maſſe.
Sein Schickſal ſchien keine Erkläruna nöthig zu haben.
Biſt Du deſſen
Mr. Penwyn war über das Moor galoppirt, wie er angekündigt, daß es ſeine Abſicht ſei, und in dem abendlichen Herbſtnebel und in der Verwirrung ſeiner Gedanken war er über die Klippe hinausgerathen. So ſchloſſen Sir Nugent und Viola, ſo die Welt im Allgemeinen. Der einzige ſeltſame Umſtand war nur der Gebrauch ſo ſcharfer Sporen, die er vor dieſem verhängnißvollen Ritte nie bei Tarpan angewendet.
Madge Penwyn's frühes Grab wurde geöffnet und ihr Gatte an ihrer Seite zur ewigen Ruhe beſtattet.
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Juſtina beraubte den kleinen Nugent nicht ſeines früh⸗ zeitigen Erbes. Es kam ein Vergleich zu Stande zwiſchen des Kindes nächſtem Freunde, Sir Nugent Bellingham, und Ju⸗ ſtina's nächſtem Freunde, Maurice Cliſſold, und das Kind behielt das Gut Penwyn, während Juſtina die Eigenthümerin der Minen wurde, die alljährlich dreitauſend Pfund abwarfen. Groß war die Aufregung im Royal⸗Albert⸗Theater, als die junge Lady, die in„Keine Karten“ ſo erfolgreich aufgetreten, ſich als Erbin eines Vermögens zurückzog.—
An einem November⸗Morgen gab es eine ſtille Hochzeit in einer der Kirchen von Bloomsbury— eine Hochzeit, bei der Matthew Elgoood die Braut weggab und Martin Trevanard als Brautführer fungirte. Das Brautpaar war natürlich Juſtina Penwyn und Maurice Cliſſold.
Nach der Trauung reiſten die Vermählten nach Rom, wo ſie bis zum nächſten Januar blieben.
Als ſie im Eilzuge nach Dover ſaßen, nahm Maurice ein längliches Packet aus ſeiner Taſche und legte es in Ju⸗ ſtina's Schoß.
„Mein Hochzeitsgeſchenk, Juſtina.“
„Ich hoffe, doch keine Juwelen, Maurice!“
„Juwelen!“ rief er lachend.„Wie ſollte ein Armer der Beſitzerin einträglicher Zinn⸗Minen Juwelen geben. Das hieße Diamanten nach Golkonda tragen.“
Juſtina öffnete das Packet und fand darin einen kleinen Oktavband, in Elfenbein gebunden, mit einem antiken Silber⸗ ſchloß, und darauf Juſtina's Monogramm von in Silber ge⸗ faßten kleinen Rubinen. Sie ſchlug das Buch raſch auf. Es war:„Ein Lebensbild von Paul Cliſſold“.
Mit Thränen in den Augen fragte Juſtina:„O, Maurice, iſt es wirklich wahr? Habe ich meinen modernen Lieblings⸗ Dichter geheiratet?“
„Wohl noch etwas Beſſeres,“ war die Antwort,„einen Mann, der Dich vom Grund der Seele liebt!“
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Mr. und Mrs. Cliſſold bauten drei Jahre ſpäter eine ſchöne Sommer⸗Reſidenz, im Schweizer Style, nächſt Borcel⸗ End, wo Muriel als Gefährtin ihres Vaters ein ruhiges, harmloſes Leben führt. Juſtina und Viola Bellingham ſind die beſten Freundinnen, zur Freude für Martin Trevanard, der immer zur Hand iſt, wenn Viola das ſchöne Schweizerhaus beſucht. Daraus entwickelt ſich offenbar ein Roman der Zu⸗ kunft. Möge er glücklicher ſein, und nicht die tragiſchen Kataſtrophen haben, wie jener der„Herrin von Penwyn“,
der unglücklichen edlen Madge.


