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Concordia.
„Meine Theuerſte, ich habe Ihre Anſichten Mr. Penwyn vollſtändig erklärt. Sein jetziges Benehmen iſt mir un⸗ begreiflich.“
„Ich werde ihm ſchreiben,“ ſagte Juſtina.„Ich bin ſeine Verwandte, und ich werde ihm aus dem Herzen ſchreiben, wie eine Couſine ihrem Couſin. Er ſoll kein Bettler werden, weil das Teſtament meines Großvaters mir das Recht giebt, ſeine Beſitzung zu beanſpruchen. Gottes Recht und der Menſchen Recht ſind weit verſchieden von einander.“
27. Kapitel. „Wer viel geliebt, dem wird viel vergeben!“
Fünfzehn Tage und Nächte wachte Churchill Penwyn an dem Bette ſeines Weibes mit nur ſo kurzen Zwiſchenpauſen der Ruhe, als die erſchöpfte Natur abſolut forderte; gelegent⸗ lich verſank er auf eine Stunde in unruhigen Schlummer auf dem Sopha am Fuße des Bettes, von dem er dann plötzlich emporfuhr, unerfriſcht, aber unfähig, länger zu ſchlafen. Auch im Schlafe verlor er das Bewußtſein nicht. Eine ſchreckliche Idee verfolgte ihn immer, die Erwartung eines unvermeid⸗ lichen Endes. Sie, für die er Alles geopfert hätte, was ihm die Erde an Ruhm und Reichthum hätte geben können, ſie, mit der ihm ein Leben voll Sorge und Mühe ſüß geweſen wäre, ſein angebetetes Weib, ſie ſollte ihm genommen werden.
Die zwei berühmteſten Londoner Aerzte hatte er herbei⸗ gerufen. Feierliche Berathſchlagungen hatten ſtattgefunden— und dennoch hatte Churchill kaum ein Wort der Hoffnung gehört.
Und es kam ein ſchauerlicher Morgen, nach vierzehn⸗ tägiger Ungewißheit, als der große Londoner Arzt und Doktor Hillyard ihn mit Schweigen empfingen. Der kleine grau⸗ haarige Doktor von Seacomb wendete ſein Geſicht ab, der Londoner Arzt drückte Churchill ſtumm die Hand.
„Ich verſtehe Sie,“ ſagte dieſer,„Alles iſt vorbei.“
Sein ruhiger Ton überraſchte die beiden Aerzte, aber der Mann von weiterer Erfahrung wurde dadurch nicht getäuſcht. Er hatte dieſes ruhige Benehmen oft zuvor geſehen, dieſen leidenſchaftlichen Ton nicht ſelten gehört.
Er verließ ſie ohne ein Wort weiter, und kehrte zu dem verdunkelten Zimmer zurück, wo ſich Madge Penwyn's kurzes Leben ſeinem Ende näherte, unter den verzweifelnden Blicken ihrer Schweſter Viola, welche vom Anfange an Churchill's Wachen getheilt hatte. Aber ſelten hatte Eines von ihnen einen ſie erkennenden Blick in dieſen trüben Augen bemerkt— ſelten kam ein grüßendes Wort von dieſen trockenen Lippen. Nur im Delirium hatte Madge ihren Gatten bei ſeinem Namen gerufen.
Endlich, einige Stunden nachdem die Doktoren ihr End⸗ urtheil geſprochen und abgereiſt waren, richteten ſich dieſe zärtlichen Augen auf Churchill's Antlitz, mit einem langen, durchdringenden Blick, in unausſprechlicher Liebe bis in den Tod. Die welken Arme erhoben ſich ſchwach. Er verſtand ihr unausgedrücktes Verlangen, und legte ſie ſanft um ſeinen Nacken. Das liebliche Haupt ſank an ſeine Bruſt, die Lippen trennte ein glückliches Lächeln, und mit einem ſchwachen Seufzer bot ſie der irdiſchen Sorge Lebewohl.—
Thränenlos traf Penwyn alle Anordnungen für ſeines Weibes Begräbniß. Die kleinſten Details waren nicht zu
unbedeutend für ſeine Aufmerkſamkeit. Er öffnete alle Kon⸗ dolenzbriefe, und wählte ihre Grabſtelle— nicht in der Gruft der Penwyn's— ſondern an dem ſonnigen Abhange des Hügels, auf dem der Friedhof ſich befand. Er brachte ſeine meiſte Zeit an der Leiche zu, die dalag zwiſchen weißen Draperien, mit Herbſtroſen und Veilchen beſtreut, gleich einem Marmorbilde.
Sir Nugent Bellingham traf die Nachricht von dem Tode ſeiner Tochter auf telegraphiſchem Wege in Ungarn, wo er an den Jagden eines Edelmannes theilnahm, und er reiſte ſofort in größter Eile nach Penwyn, wo er noch zur Beerdig⸗ ung der Verſtorbenen eintraf. Der Kummer beugte ihn auf das Tiefſte nieder. Der Leichenzug war viel länger, als Churchill es erwartete. Die ganze Bevölkerung der Gegend, insbeſondere viele Arme, nahmen daran theil.
Ein ſeltſames Lächeln, kalt wie der Winter, war auf Churchill's Antlitz, als er ſich vom Grabe abwendete. Im Herrenhauſe brachte Viola ihm ſeinen Knaben entgegen. Chur⸗ chill küßte ihn, aber etwas kalt, und gab ihn der Tante zurück.
Er empfing Juſtina's Brief.
„Geben Sie mir irgend einen Antheil an Ihrem Vermögen; nur ſo viel, als Sie für recht und billig halten,“ ſchrieb ſie. „Ich habe kein Verlangen nach Reichthum oder ſozialer Wich⸗ tigkeit. Die Pflichten, welche ein großer Beſitz mir auferlegte, wären eine Bürde für mich. Geben Sie mir nur genug, um mir und Dem, der mein Gatte wird, eine unabhängige Zukunft zu ſichern, und behalten Sie das Uebrige.“
Churchill beantwortete ihn:
„Ihr Brief überzeugt mich, daß Sie gut und großmüthig ſind, und obgleich ich für mich ſelbſt nichts verlangen und annehmen kann, ermuthigt er mich doch, die Zukunft meines einzigen Sohnes Ihrer Sorge zu übertragen. Ich übergebe Ihnen Penwyn freiwillig. Seien Sie großmüthig gegen mein Kind. Es iſt der letzte männliche Repräſentant der Familie, zu der zu gehören Sie beanſpruchen, und hat gutes Blut von beiden Seiten. Geben Sie ihm den Antheil eines jüngeren Sohnes, wenn es Ihnen gefällt, aber geben Sie ihm genug, um ihm die Stellung eines Gentlemans zu ſichern. Sein Großvater, Sir Nugent Bellingham, und ſeine Tante, Miß Bellingham, werden ſeine natürlichen Vormünder ſein.“
Dies war Alles. Es wurde dunkel, als Churchill dieſen Brief ſiegelte. Dann ging er hinab zu den Ställen. Es hatte den Nachmittag etwas geregnet und Gras und Bäume ſchimmerten von Tropfen. Der balſamiſche Duft der Tannen erfüllte die Abendluft.„Dieſer Regen fiel auf ihr Grab,“ dachte er,„das bald wieder geöffnet werden ſoll.“
Er öffnete ein kleines Thor, das in den Hof führte, den die Ställe einfaßten. Die Grooms und Kutſcher waren im Hauſe beim Abendbrot. Ein einzelner Gehilfe war da. Er erkannte Churchill und kam zu ihm.
„Soll ich Hunter rufen, Sir?“
„Nein; ich will nur etwas friſche Luft ſchöpfen. Sattle mir Tarpan.“
Ein Galopp über das Moor war bekannt als des Squire’s Lieblingsvergnügen, ſo wie Tarpan ſein Favorit⸗Pferd war
„Er iſt ſehr lebhaft, Sir. Er iſt lange nicht geritien worden,“ ſagte der Diener.
„Ich denke nicht, daß er für mich zu lebhaft ſein wird.“
Tarpan wurde herausgeführt. Inzwiſchen legte Churchil
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